Doping, Alkohol und Drogen Der tiefe Fall des Jan Ullrich

Berlin / Stefan Tabeling 11.08.2018

Jan Ullrich steigt aus dem Sattel und stürmt die Rampen nach Andorra-Arcalis hinauf. Dort oben streift er sich das Gelbe Trikot der Tour de France über und zieht es bis Paris nicht mehr aus. „Voilà le Patron“, titelt das Tour-Organ „L‘Équipe“, vom „Boris Becker des Radsports“ ist die Rede. Ganz Deutschland ist hin und weg. An jenem 15. Juli 1997 löst der sympathische Junge aus Rostock mit den rotblonden Haaren und den Sommersprossen den deutschen Radsport-Boom aus. Jan Ullrich auf dem Höhepunkt seiner Karriere.

Popstar auf zwei Rädern

Fortan versammeln sich jedes Jahr im Juli Millionen Menschen vor dem Fernseher und leiden stundenlang mit Ullrich, wenn es die Bergriesen in den Alpen und den Pyrenäen hinaufgeht. Sponsoren und Veranstalter stehen Schlange. Ullrich ist der Popstar auf zwei Rädern. Der Kumpeltyp, der im Winter auch mal gerne über die Stränge schlägt und ein paar Pfunde zu viel mit sich herumschleppt. Der auch mal eine Dopingsperre, weil er in einer Disco zwei Ecstasy-Pillen geschluckt haben soll.

Experten wie Eddy Merckx und Bernard Hinault prophezeien Ullrich fünf Toursiege oder mehr. Doch daraus wird nichts. Ullrich feiert zwar weitere Erfolge wie den Olympiasieg 2000, bei der Tour steht ihm aber Lance Armstrong im Weg. Siebenmal gewinnt der wie besessene und vom Krebs geheilte Texaner die Frankreich-Rundfahrt. Gedopt, wie sich später herausstellt. Für Ullrich bleibt fünfmal nur der zweite Platz.

Als Armstrong aufhört, will Ullrich 2006 auf den Tour-Thron. Der letzte Angriff auf das große Ziel. Es bleibt ein unerfüllter Wunsch. In Spanien wird er bei der Operacion Puerto als Kunde des Dopingarztes Eufemiano Fuentes enttarnt. Ullrich wird noch vor der Tour aus dem Starterfeld genommen, sein T-Mobile-Team zieht einen schnellen Schlussstrich.

Mit einem Schlag ist die Karriere beendet. Zur Sperre kommt es aber erst 2012 durch den Internationalen Sportgerichtshof CAS.

Zu der Zeit hat sich Ullrich längst mit seiner Frau Sara in die Schweiz zurückgezogen. Mit einem Doping-Geständnis wie viele seiner früheren Telekom-Teamkollegen tut er sich schwer. 2010 teilt er auf seiner Homepage mit, dass er unter einem Burnout-Syndrom leide.

Ullrich fühlt sich ungerecht behandelt. Er habe nie betrogen, betont er stets. Wohl auch, weil der Radsport nach Ullrichs Verständnis zu jener Zeit komplett dopingverseucht war. Sein Name wird bei Medien, Sponsoren und Veranstaltern geächtet. Nur für die Fans bleibt er der „Ulle“, der noch 2017 beim Tour-Abstecher in Deutschland am Straßenrand gefeiert wird.

Rascher Abstieg

Der vierfache Familienvater engagiert sich in Jedermann-Rennen und veranstaltet Radreisen, mit dem Profi-Radsport will er nichts mehr zu tun haben. Immer wieder produziert er Negativschlagzeilen. Wie 2014, als er in der Schweiz mit 1,8 Promille im Blut bei deutlich erhöhter Geschwindigkeit zwei Autos rammt. Ullrich kommt mit einer Bewährungsstrafe davon. Mit seiner Frau und den Kindern zieht Ullrich nach Mallorca, doch nach 13 Jahren zerbricht die Ehe, er bleibt alleine auf Mallorca zurück. Jetzt geht der Abstieg rasch. Vorige Woche wird er auf dem Grundstück seines Nachbarn Til Schweiger wegen eines Streits vorübergehend in Polizeigewahrsam genommen. Am Freitag wird er in einem Frankfurter Hotel verhaftet, weil er, wie es die Staatsanwaltschaft formuliert, „eine bei ihm weilende Escort-Dame“ gewürgt habe. Unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen.

Vom DDR-Leistungssportsystem gefördert

Jan Ullrich ist am 2. Dezember 1973 in Rostock geboren worden. Schon als Neunjähriger gewann er ein Schulrennen. Später wurde er vom DDR-Leistungssportsystem gefördert, wurde DDR-Schülermeister im Bahnvierer, im Straßenrennfahren und im Punktefahren.

Der größte Erfolg Ullrichs war 1997 der Sieg bei der Tour de France. Er war Weltmeister im Straßenrennen der Amateure und im Einzelzeitfahren und siegte 2000 im Olympischen Straßenrennen.

Die Karriere endete 2007, nachdem er 2006 von der Tour de France ausgeschlossen worden war, weil er in den Dopingskandal „Fuentes“ verwickelt war.

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