Sprache Dolmetschen: Auch Flüche kommen rüber

Gedolmetscht wird in einer Kabine, den Redner hat sie stets im Blick, damit sie seine Körpersprache mitbekommt: Karolina Golimowska.
Gedolmetscht wird in einer Kabine, den Redner hat sie stets im Blick, damit sie seine Körpersprache mitbekommt: Karolina Golimowska. © Foto: Usedomer Literaturtage/Geert Maciejewski
Berlin / Joanna Stolarek 15.09.2017
Karolina Golimowska arbeitet als Dolmetscherin im Hintergrund, während andere im Mittelpunkt stehen. Ein anstrengender Job, in dem alles rüberkommt, auch Flüche.

Es geht um die Antarktis, Tiere, die zig Arten von Pinguinen. Karolina Golimowska hört konzentriert zu. Es ist ein kleiner Berliner Buchladen, die 32-jährige Frau sitzt hinten, das Gesicht des Vortragenden, seine Gestik und Mimik fest im Blick. Sie will jedes Zucken mitbekommen. Nonverbale Signale sind wichtig. Genau wie Worte. Golimowska dolmetscht die Lesung eines polnischen Autors simultan – also in Echtzeit des Gesprochenen.

Es sei einer der eher entspannteren Termine, sagt sie. Auch wenn die Vielfalt der Fauna und Flora nicht ganz ohne ist. Anstrengender war es neulich auf einer Konferenz zur Luftfahrt. Das Fachvokabular zu Motoren und Technik musste sie sich schnell aneignen.

Golimowska ist vereidigte Dolmetscherin – und meistens fernab der Schlaglichter tätig, im Hintergrund, versteckt in der Dolmetscher-Kabine. Doch ohne sie könnte ein Staatsakt oder eine Vertragsunterzeichnung in Gefahr geraten. Sie ist der Schatten, der für die Verständigung sorgt.

Leicht ist ihr Job nicht. Menschen nuscheln, stottern, lallen, reden zu schnell, bilden unlogisch klingende Sätze, manche fluchen. Aus all dem muss der Dolmetscher den Sinn herausfiltern und unzensiert wiedergeben. „Auch wenn es heikel ist, oder jemand den anderen beleidigt – wir dolmetschen alles.“ Wichtig sei, den Redner zu sehen, die Körpersprache gehöre zum Reden dazu, sagt Golimowska. „Deswegen sind die Dolmetscherkabinen verglast.“ Wenn sie in einem anderen Raum ist, beobachtet sie den Redner am Bildschirm.

Geboren wurde die Wahlberlinerin in Aachen, aufgewachsen ist sie in Warschau. Sie wechselt und lebt problemlos zwischen Polnisch, Deutsch und Englisch. Golimowska hat Germanistik, Ang­listik und Medienwissenschaften in Berlin und in London studiert. Danach promovierte sie.  Gefragt nach ihrer Motivation, das Sprachrohr für die anderen zu spielen, zitiert sie gern den Philosophen Ludwig Wittgenstein:  „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Mit ihrer Arbeit würden ihre eigenen Grenzen immer weiter gefasst. Thematisch und menschlich.

Die Tätigkeit verlangt ihr viel ab: Absolute Konzentration, nicht mal für einen Augenblick darf sie sich ablenken lassen. Auch körperlich, und ein Hustenanfall gleicht unter Umständen einer Katastrophe. 20 Minuten sei eine goldene Regel, danach wechselt man sich ab.

Ein Dolmetscherauftrag sei immer ein Risiko, sagt Golimowska. Denn sie wisse nie, was sie erwartet. Natürlich: Je besser man den Redner kenne, desto leichter verstehe man seine Sprache und das, was er sagen will. Der ehemalige polnische Präsident Lech Walesa zum Beispiel spreche ein spezielleses Polnisch. Es gab in Deutschland einen Dolmetscher, der ihn deswegen immer begleitet hat, weil der Walesas Art am besten verstand und sie auf Deutsch wiedergeben konnte.

 Schlimmer sei es mit US-Präsident Donald Trump, sagt Golimowska. „Ich kann mir vorstellen, dass es schwierig sein muss, Trump zu dolmetschen, ohne dass dabei die eigenen Dolmetsch-Kompetenzen hinterfragt werden.“  Denn Trump vereinfache und verdrehe Wörter.

Pannen passieren. Neulich sagte sie bei einem Logistikforum „Hochstapler“ statt „Gabelstapler“. „Das sorgte für viel Gelächter und entspannte die Atmosphäre.“

Beim Dolmetschen aus dem Deutschen gibt es Fallen. Das  Verb kommt öfter am Satzende,  was in anderen Sprachen nicht der Fall ist. Auch die Verneinung kommt spät. Golimowska: „Ich muss oft vorausahnen, was gesagt wird.“

Dolmetschen bedeute Adrenalin pur, sagt die 32-Jährige, die auch einen Lehrauftrag an der Freien Universität in Berlin hat. Man sei wie in einem Rausch. Schon öfter sei ihr passiert, dass sie nach einem Termin beim Autofahren die Texte weiter dolmetschte, die aus dem Radio kamen. Auch im Traum habe sie schon mehrmals gedolmetscht und sei dann erschöpft aufgewacht.

Emotional und oft aufwühlend sind ihre Termine bei Gericht. Dort sitzt sie zum Beispiel. neben dem Angeklagten und flüstert ihm ins Ohr. Da komme es auf jedes Wort an, das könne über seine Zukunft entscheiden. „Egal, wo ich dolmetsche und wen, die sprachlichen Nuancen sind enorm wichtig“, sagt Golimowska. Am liebsten dolmetscht sie Literaten. Sie redeten nicht so sachlich, seien sprachlich emotionaler.

Schriftlich, mündlich, sofort oder verzögert

Übersetzen und Dolmetschen sind nicht dasselbe. Während der Text beim Übersetzen schriftlich von einer in die andere Sprache übertragen wird, handelt es sich beim Dolmetschen um mündliche Übertragung.

Simultanes Dolmetschen geschieht in der Echtzeit des Gesprochenen. Konsekutives Dolmetschen bedeutet, dass man zuhört und nach einer Weile das Gesagte zusammenfassend dolmetscht. stoj