Köln Die Linsen der Vielen - Wie Handyvideos die Polizeiarbeit verändern

Privates Handyvideo: Könnte es die Polizei interessieren?
Privates Handyvideo: Könnte es die Polizei interessieren? © Foto: Wolfram Kastl/dpa
Köln / JONAS-ERIK SCHMIDT, DPA 04.07.2016
Ob bei den Hooligan-Krawallen in Frankreich oder den Übergriffen an Silvester in Köln: Handyvideos von Passanten können für die Polizei interessant sein.

Es klang wie eine gute Idee. Die Kölner Polizei steckte Mitte Januar mitten in der Fahndung nach den Tätern aus der Silvesternacht, als sie einen Aufruf verbreitete: „Ermittlungsgruppe Neujahr: Private Handy-Videos uploaden!“. Nach den Übergriffen rund um den Hauptbahnhof wollten die Ermittler eine neue Informationsquelle anzapfen: das Foto- und Videomaterial der Unbeteiligten in dieser Nacht. Die Polizei bat um freiwillige Mithilfe.

Die Kölner bedienten sich damit eines Mittels, das bei Ermittlern gerade Schule macht. In zig Hosentaschen stecken Smartphones. Bei Großereignissen werden sie schnell gezückt, um den Moment festzuhalten. Der Polizei eröffnet das neue Möglichkeiten. Was Überwachungskameras entgeht, hat vielleicht ein Passant zufällig gefilmt – und stellt es womöglich freiwillig zur Verfügung. Zuletzt hat auch das Bundeskriminalamt (BKA) ein entsprechendes Hinweisportal geschaltet, um deutschen Hooligans auf die Spur zu kommen, die bei der EM in Frankreich an Krawallen beteiligt waren. In Köln war das Ergebnis ernüchternd. So schickten viele zwar Videos – aber die falschen, irgendwo heruntergeladen im Netz. „Beispielsweise Aufnahmen vom Tahrir-Platz. Der Upload bot ja auch die Möglichkeit, etwas anonym einzusenden“, sagt der Kölner Polizist Georg Abels. Er und seine Kollegen mussten also nicht nur stundenlang Videomaterial sichten, sondern auch absichtlich platzierte Blindgänger aussieben. Zudem wurde in Köln alles – also auch Überwachungsbänder – von Polizei-Mitarbeitern angeschaut. Eine Heidenarbeit. Und ein Hinweis, wo die Kinderkrankheiten der Methode liegen.

Beim BKA hofft man auf andere Wege. „Ziel ist, dafür technische Lösungen zu schaffen“, sagt Dietrich Urban, Vorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BDK) im BKA. „Wenn man zum Beispiel eine Person mit blauer Kappe und rotem Rucksack sucht, wäre es schön, die unterschiedlichen Formate genau danach untersuchen zu können“, sagt er. Ein paar Tools gebe es auch schon – noch nicht auf dem Niveau, das man sich vorstelle. Aber man arbeite daran.

Getrieben wird die Entwicklung auch von den Erfahrungen nach dem Anschlag auf den Boston-Marathon 2013. Bei den US-Ermittlern gingen damals zig Videos und Fotos in unterschiedlichsten Formaten ein. In Deutschland will man auf so einen Fall nun ebenfalls technisch vorbereitet sein – daher etwa das „BKA-Hinweisportal“.

Vor Gericht macht sich bereits generell eine neue Bedeutung von Filmaufnahmen bemerkbar. „Nach meinem Eindruck spielen Videos in Strafprozessen eine zunehmende und in ihrer Bedeutung sich erweiternde Rolle“, sagt Stefan König, Vorsitzender des Ausschusses Strafrecht beim Deutschen Anwaltverein. Unproblematisch sei das nicht. „Wenn sich viel Videomaterial bei der Polizei sammelt, entstehen dadurch diverse Probleme. Zum Beispiel, dass man sich daraus womöglich so bedient, wie es gerade gewünscht ist.“

Die Polizei präsentiere der Verteidigung meist eine Auswahl. Als Verteidiger wolle man aber natürlich auch den Rest sehen. „Das ist häufig ein zäher Kampf“, sagt König. Das berge ein Potenzial für eine ziemliche Schieflage – Ermittler auf der einen Seite, Angeklagter und Verteidiger auf der anderen.

Ein weiteres Problem: Ein Video ist nicht automatisch der todsichere Beweis, für den ihn Laien vielleicht halten mögen. Jedenfalls muss sichergestellt werden, dass es sich bei Person X auf einem Video auch wirklich um den Verdächtigen handelt. Dafür gibt es mittlerweile Gutachter. Ursula Wittwer-Backofen von der Uni Freiburg zum Beispiel klärt solche Fragen. Sie analysiert dafür etwa Gesichtsmerkmale, Körperproportionen und die Gangart. Und vor allem auch die Ohren, wie sie sagt. „Ich sage immer: Ein gut abgebildetes Ohr in einer guten Bildqualität ist so gut wie ein Fingerabdruck.“

Übergriffe an Silvester: Nur wenige hilfreiche Filme

Nicht verwertbar Die von Privatpersonen eingeschickten Handyvideos aus der Silvesternacht haben der Kölner Polizei bei der Suche nach den Tätern nur wenig geholfen. „Leider war nur ein geringer Teil des Videomaterials von Privatpersonen auswertbar“, sagt Georg Abels von der Kölner Polizei. Zum Teil sei die Videoqualität der nächtlichen Aufnahmen sehr gering gewesen. „Der zweite Grund war Silvester. Wenn gefilmt wurde, wurde vor allem das Feuerwerk und der Himmel gefilmt und nicht das Geschehen auf der Domplatte“, sagt Abels. Die Kölner Polizei hatte im Januar dazu aufgerufen, private Handyvideos aus der Nacht auf ein dafür eingerichtetes Online-Portal hochzuladen. Rund um den Kölner Hauptbahnhof war es massenhaft zu Übergriffen auf Frauen gekommen. dpa

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