Drama Die Kosakentochter und das Meer

Kreta / Von Stefan Scholl 26.07.2018

Die Sonne war aufgegangen, der Sturm hatte sich gelegt. Aber Olga spürte ihre Kräfte schwinden. Die Unterarme waren weiß vom Rudern im Salzwasser, die Innenseiten der Ellbogen hatten sich am Matratzenrand blutig gerieben, die Oberarme schmerzten, ein Bein hatte sie sich ausgerenkt. „Und das Ufer kam einfach nicht näher, obwohl ich nie aufgehört hatte, zu paddeln“, sagt sie. „Aber ich dachte nicht daran, aufzugeben.“

Olga Kuldo hat 21 Stunden gekämpft, allein gegen das Meer vor Kreta. Auf einer Luftmatratze geriet die 55-jährige Russin, nur mit einem Bikini bekleidet, in eine Sturmnacht, galt schon als tot. Aber sie überlebte, dank einer Willensleistung, die an ein Wunder grenzte.

Olga Kuldo war mit Mann und Tochter im Urlaub, wollte sich vor der Sauna fünf Minuten im Meer abkühlen. Gegen 14.30 Uhr stieg sie mit ihrer bunten Luftmatratze am Hotelstrand bei Rethymno ins Meer. Sie bemerkte schon nach Sekunden, dass sie abgetrieben wird, fing an, mit Armen und Beinen zu rudern, vergeblich. Sie rief um Hilfe, auf Russisch, Englisch und Deutsch. Der Strand wimmelte von Menschen, aber niemand bemerkte Olgas Not.

Ihre Luftmatratze sah aus wie ein regenbogenfarbiges Eis am Stiel, 180 Zentimeter lang, 72 breit. Olga legte sich quer darüber, mit Armen und Beinen im Wasser. „Ich wollte verhindern, dass die Luft raus geht. Und ich wollte paddeln, bis ich wieder ans Ufer komme.“ Das war inzwischen knapp zwei Kilometer entfernt. Olga, Tochter eines Kosaken und einer Sibirerin, sagt, sie sei keine gute Schwimmerin, treibe kaum Sport.

Sie fing an, ihre Paddelschläge zu zählen, sie betete, die Sonne ging unter, der Mond auf. Über ihr kreisten Möwen. Olga versuchte, sie mit einem Lied von einem verwundeten Kosaken zu vertreiben: „Schwarzer Rabe, schwarzer Rabe, was kreist du über mir? Du machst heute keine Beute, du kriegst mich nicht.“

Mit der Nacht kam Sturm auf, Windstärke sechs, die Wellen türmten sich vier, fünf Meter hoch. Olga hielt ihren Blick fest auf die fernen Lichter des Ufers gerichtet. Sie dachte an die Familie, an die 85-jährige Mutter. „Wie weh würde ich ihnen allen tun, wenn ich aufhöre, zu kämpfen.“ Statt Todesgrauen malte sich andere Ängste aus: Wie unangenehm, wenn sie an Land komme und irgendwo an der Straße ein Auto anhalten müsse, halbnackt, ohne Geld . . .

Wegen des Sturms brach man die Suche ab, die Polizei sagte Olgas Angehörigen sehr deutlich, es habe wohl nur noch Zweck, nach der Leiche zu suchen.

Olga Kuldo sagt, sie habe alle Gefühle und Gedanken, die in Panik enden könnten, bewusst verdrängt, sie habe an ihre Nächsten, an angenehme Dinge gedacht. „Und ich wollte es die ganze Zeit aus eigener Kraft schaffen. Ich war mir, auch als die Kräfte nachließen, sicher, dass sich gleich die Strömung dreht, dass ich es wieder an Land schaffe.“

Dann sah sie ein Flugzeug, noch ein Flugzeug. „Ich dachte, das sind Privatpiloten, die einfach eine Runde drehen.“ Eine Maschine kehrte zurück, drinnen saß ein slowakischer Frontex-Pilot. Er lotste ein Küstenwachschiff zu Olga. Sie sagt, erst an Bord habe sie gespürt, wie sehr sie fror, wurde prompt seekrank, musste sich erbrechen.

 Trotz aller Befürchtungen der Ärzte kam sie ohne Wasser in der Lunge, ohne Herzprobleme oder andere Gesundheitsschäden davon. Sie arbeitet wieder als Kardiologin in ihrer Selenograder Polyklinik, sagt sie sei glücklich, dass sie lebe und wieder bei ihrer Familie sei. „Manchmal weine ich, wenn ich allein bin, beim Autofahren.“

 Als die griechischen Küstenwächter Olga aus dem Wasser zogen, umklammerte sie mit einer Hand den Rand ihr treuen Luftmatratze, aber der Wind packte das Gummi-Eis, es tanzte wie ein Luftballon über die Wellen davon. „Stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn ich die Matratze vorher für einen Augenblick los gelassen hätte“, meint Olga. Aber der schwarze Rabe über dem Meer hat ihr am Ende nur 500 Gramm aufgeblasenes Gummi entreißen können, die Kosakentochter hat er nicht gekriegt.

Im Kopf entschieden

Im Juni schwanken die Wassertemperaturen bei Kreta zwischen 25 und 20 Grad, vermutlich hat der Sturm in der Nacht das Wasser noch um einige Grade abgekühlt. Nach einschlägigen Erfrierungstabellen sterben Menschen bei Wassertemperaturen von 10 Grad nach einer Stunde bei 15 Grad nach 3 Stunden. Aber auch eine Nacht bei 20 Grad überlebt kaum ein Mensch. Olgas Körpertemperatur soll nach ihrer Rettung noch 32 Grad betragen haben, „32 Grad Körpertemperatur sind lebensgefährlich“, sagt Antke Reemts von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffsbrüchiger (DGzRS). Sie kennt nur wenige vergleichbare Fälle mit gutem Ende: 2004 überlebte die deutsche Schiffsoffizierin Kerstin Bruns ohne Rettungsweste 21 Stunden im 21 Grad kalten Wasser des Indischen Ozeans, bei Windstärke  9 bis 10. Und erst vor wenigen Tagen wurden auf einer Sandbank vor Büsum 2 Männer gerettet, die 12 Stunden bei 18 Grad in der Nordsee trieben, mit einer Rettungsweste und einem Rettungsring. „Das sind ungewöhnliche Fälle, sie wurden auch im Kopf, durch einen enormen Überlebenswillen der Geretteten entschieden.“ sts

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel