Missbrauch Die Kinderschänder als Jugendtrainer

Jochen Wittmann 03.12.2016
Ein Missbrauchsskandal im englischen Fußball weitet sich aus. Es hagelt Anzeigen. Wenigstens ein Jugendtrainer war ein Kinderschänder.

Der Missbrauchsskandal im britischen Fußball nimmt ein ungeahntes Ausmaß an. Anfangs waren es einige ehemalige Fußballprofis, die berichteten, sie seien vom einstigen Jugendtrainer Barry Bennell missbraucht worden. Mittlerweile sind mehr als 350 Anrufe bei der Polizei eingegangen und 860 Anrufe beim Kinderschutzbund NSPCC, von denen 60 an die Polizei weitergeleitet wurden. Die beziehen sich auf Bennell und auch andere Trainer. 55 Clubs sind bisher betroffen.

„Wir hatten einen überwältigenden Anstieg bei unserer Fußball-Helpline“, sagte NSPCC-Chef Peter Wanless, „der das beunruhigende Ausmaß des Kindesmissbrauchs im Sport enthüllt.“ In den Telefonaten seien auch aktuelle Fälle geschildert worden. Greg Clarke, der Vorsitzende des britischen Fußballverbands FA, spricht von der „größten Krise“, die der britische Fußball je erlebt habe.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte der 43-jährige Ex-Fußballprofi Andy Woodward. Vor zwei Wochen schilderte er in einem Interview mit dem „Guardian“, wie er als Elfjähriger zum Club Crewe Alexandra kam, der damals als Talentschmiede galt, weil dort Barry Bennell arbeitete, einer der besten Jugendtrainer des Landes. „Ich wollte einfach nur Fußball spielen. Ich sah Crewe als den Beginn eines Traums. Aber ich war auch sensibel, und auf die sensiblen, schwachen Jungs hatte Bennell es abgesehen.“

Der Jugendtrainer als Kinderschänder. Barry Bennell hat Woodward von Anfang an und über eine lange Zeit sexuell missbraucht. Mit einer Mischung aus Gewalt, Verlockung und Drohung stellte er sicher, dass sein Opfer ihn nicht verriet.

„Er hatte mich total im Griff“, sagte Woodward. Anvertrauen konnte er sich niemandem. Die Schande war zu groß. Dabei war es im Club bekannt, dass Bennell auf kleine Jungs stand.

Die Enthüllung des Verteidiger-Talents, dessen Fußballkarriere unter den seelischen Folgen des Missbrauchs zerbrach, erregte großes Aufsehen. Jetzt gehen auch andere Fußballspieler an die Öffentlichkeit.

Ian Ackley klagte Bennell an: „Es war die ganze Bandbreite des Missbrauchs. Es gab keine Limits für ihn.“ Der Ex-Nationalspieler Paul Stewart beschuldigte einen weiteren Jugendtrainer. Auch Jason Dunford berichtete, Bennell habe Komplizen gehabt. Der BBC sagte er: „Ich glaube, es gab eine Verschwörung und einen Pädophilenring.“

Barry Bennell ist drei Mal wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu insgesamt 15 Jahren Haft verurteilt worden. Zur Zeit steht er wegen Missbrauchs eines 13-Jährigen in acht Fällen unter Anklage. Er lebt unter falschem Namen in Milton Keynes und wurde vor Tagen nach einem angeblichen Selbstmordversuch ins Krankenhaus eingeliefert.

Der Mann, der sich selbst vor Gericht einst als „Monster“ bezeichnete, ist nicht der einzige Jugendcoach, der sich an seinen Schutzbefohlenen verging. Mindestens zwei weitere pädophile Fußballtrainer wurden genannt: David Ormond von Newcastle United, er ist 2002 wegen Kindesmissbrauchs verurteilt worden. Und Eddie Heath, inzwischen gestorben, der Talentscout des FC Chelsea in den 80er und 90er Jahren.