Thomas Gladis steht knietief im trüben Wasser. Gladis wässert, Gladis kontrolliert. So zeigen ihn Fotos aus dem Jahr 2009, als Journalisten nach Eichstetten am Kaiserstuhl kamen, um zu sehen, ob das wirklich klappen kann mit dem Reisanbau in Deutschland.

„Unser Experiment hat funktioniert“, sagt Thomas Gladis sieben Jahre später. „Einige Sorten sind ausgereift. Die Erträge waren bescheiden, was aber bei Versuchsanbauten nicht ungewöhnlich ist.“ Trotzdem pflanzt der promovierte Biologe zurzeit Reis nur in Töpfen an – „aus Kostengründen“. Frust ist seinen Worten zu entnehmen: Viele Hürden stünden dem Reisanbau in Deutschland im Wege, Geldgeber fehlten, „sämtliche Förderanträge wurden abschlägig beschieden“. Immerhin hätten seine Mitstreiter und er mit Unterstützung der Gemeinde Eichstetten zeigen können, dass Reis im Kreis Breisgau-Hochschwarzwald gedeihen kann.

So liegt bis heute das weltweit nördlichste Reis-Anbaugebiet in der Schweiz. Noch. Stefan Fak hat sich aufgemacht, das zu ändern. Mit einem Landwirt aus Baden-Württemberg will er die Schweizer übertrumpfen und Baden-Württemberg einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde sichern.

Fak wurde 1972 in Wien geboren. Seit einigen Jahren lebt er in Berlin. Dorthin war er gezogen, um als Tourismusmanager für Reisen in sein Heimatland zu werben. Als er davon genug hatte, flog er nach Asien – und kehrte als Reis-Enthusiast zurück. Aus dieser Leidenschaft formte er einen Beruf: den „Risolier“. Fak sucht weltweit nach exotischen Reissorten, beliefert Feinkostabteilungen, betreibt unter „Lotao.com“ einen Online-Handel und studiert auf seinen Auslandsreisen Anbaumethoden, Kultur, Ansichten und Lebensweisen der Reisbauern.

Wer sich mit der Bedeutung dieses Getreides näher beschäftigt, versteht, warum dieses Korn zum Lebensthema werden kann. Unter den fünf Nahrungspflanzen, die heute global am meisten angebaut werden, rangiert Reis nach Weizen und Mais auf Platz drei. Asiatische Länder, allen voran China und Indien, sind die Hauptproduzenten. Er ist das wahrscheinlich wichtigste Grundnahrungsmittel auf der Welt. Mehr als die Hälfte aller Menschen nimmt über Reis täglich 500 Kalorien zu sich. Für die kommenden 20, 30 Jahre rechnen Experten mit einem rapiden Anstieg der Nachfrage.

Entsprechend groß sind die Folgen, wenn es Probleme mit dem Reis gibt, und die gibt es. Weil er für Millionen Menschen nahezu die einzige Nahrung darstellt, leiden beispielsweise viele Inder unter einer lebensbedrohlichen mangelhaften Zufuhr an Nährstoffen.

Professor Folkard Asch, Agrar-Experte für Tropen und Subtropen an der Universität Hohenheim, sieht zudem den Reisanbau durch den Klimawandel gefährdet. Erhöhter Wasserbedarf bei Dürre und steigende Meeresspiegel bedrohten die Ernten. Dabei tragen Reisfelder selbst zur Klimaveränderung bei, weil sich im Boden überfluteter Felder häufig Bakterien vermehren, die das Treibhausgas Methan erzeugen. Werden die Felder seltener geflutet, kann sich wiederum der Ausstoß von Distickstoffmonoxid (Lachgas) erhöhen, einem der gefährlichsten Klimakiller. Experten des Weltressourceninstituts schätzen, dass mindestens zehn Prozent der weltweit in der Landwirtschaft produzierten Treibhausgase auf das Konto des Reisanbaus gehen.

Achim Dobermann kennt diese Probleme rund um das Wunderkorn. Wie Stefan Faks Leben prägt Reis auch das seine – nur schon deutlich länger. 1961 in Thüringen geboren, ging Dobermann drei Jahre nach dem Mauerfall als promovierter Bodenkundler an das Internationale Reisforschungsinstitut (IRRI) auf den Philippinen. Später lehrte er als Professor im US-Bundesstaat Nebraska. Vor rund eineinhalb Jahren wurde Dobermann Direktor des größten britischen Agrarforschungsinstituts Rothamsted Research. Wer mit ihm telefoniert, hört daher einen Thüringer, in dessen Sätze sich immer wieder englische Wörter mogeln.

Dobermann plädiert für pragmatische Lösungen, wenn es um die Schwierigkeiten mit dem Reis geht. Er hält etwa den bereits entwickelten, genmanipulierten „Goldenen Reis“ für ein sinnvolles Instrument im Kampf gegen die Mangelernährung – sofern dieser alle Genehmigungsverfahren besteht und keine Gefahr für Mensch oder Umwelt darstellt. Andere Instrumente, wie etwa in weniger entwickelten Ländern Nahrungsergänzungs-Pillen zu verteilen oder dort eine ausgewogenere Ernährung der Allgemeinheit zu fördern, reichten nicht aus. Das zeige die Praxis. „Es gibt da immer Probleme, die letzten 10, 20 Prozent der wirklich unterernährten armen Bevölkerungsschichten auf einer stabilen Basis zu erreichen“, sagt Dobermann. Hier könnte der „Goldene Reis“ mit seinem hohen Beta-Carotin-Anteil helfen.

Auch über die Anbaumethoden sei nachzudenken, sagt Dobermann. So könnte der Methan-Ausstoß deutlich reduziert werden, wenn die Reisfelder nur in Zyklen und nicht permanent unter Wasser stünden. Hier müsse aber noch viel Überzeugungsarbeit und Wissenstransfer geleistet werden.

Trotz möglicher Bedrohungen durch den Klimawandel glaubt Dobermann, dass die steigende Reisnachfrage in den kommenden 30 Jahren zu decken ist. Reisanbau in Deutschland sei dafür nicht unbedingt nötig, sagt der Forscher lachend. Gleichwohl ist er sehr gespannt, ob Stefan Fak mit seinem Projekt Erfolg hat. Denn Dobermann war es, der dem Österreicher noch zu IRRI-Zeiten 30 Reissorten geschickt hat, die in Baden-Württemberg am ehesten wachsen könnten. Der Professor sieht Chancen, dass Reis in Weinanbaugebieten wie dem Kaiserstuhl gedeiht. Zumindest gibt es dort mitunter die dafür notwendigen hohen Temperaturen.

Für eine vielfältigere Nährstoffversorgung wird Reis hierzulande zwar nicht benötigt, aber eine Nische hat sich das Korn im Kartoffelliebhaberland Deutschland inzwischen erarbeitet. Während der durchschnittliche Pro-Kopf-Kartoffelverbrauch von mehr als 250 Kilogramm im Jahr 1900 auf rund 50 Kilogramm im Jahr 2012 sank, erhöhte sich der Reiskonsum allein zwischen 1990 und 2012 von rund zwei auf mehr als fünf Kilo.

Fak ist überzeugt, dass die Deutschen den Reis besser zu schätzen wissen werden, wenn sie erst einmal mehr der über 100.000 Reissorten kennenlernen. Hier habe Deutschland wie ganz Europa noch großen Nachholbedarf.

Sollte Fak mit seinem Projekt Erfolg haben, könnte er selbst bald für Reis aus Baden-Württemberg und für mehr Vielfalt sorgen. „Dieses Jahr“, sagt Fak, „gehen wir in eine erste größere Feldphase.“ Möglicherweise ein erster Schritt, um den Welternährer Reis auch in Deutschland Wurzeln schlagen zu lassen. 

Urlaub im Reisfeld

Korn aus alter Zeit

Heilige Pflanze
„Reiskörner wurden sicher schon in der Nacheiszeit als wilder Reis gesammelt“, schreibt Wolfgang Seidel in „Die Weltgeschichte der Pflanzen“. Für den Anbau durch den Menschen setze man heute frühestens das Jahr 7000 vor Christus an. Darauf deuteten Funde in China hin. Die Herrscher des alten Kaiserreichs zählten Reis zu den fünf heiligen Nahrungspflanzen, weshalb sie ihn persönlich beim jährlichen Frühlingsfest anpflanzten.

Handelsware
In Europa war das Getreide hingegen noch in der Antike nur eine Handelsware. Erst die Araber begannen mit dessen Anbau am Mittelmeer, in Italiens Poebene pflanzte man ihn ab etwa 1500 nach Christus an. Die Griechen nannten ihn Oryza, woraus sich nach Wegfall des Buchstabens „O“ langsam Wörter wie „Reis“ oder „Rice“ entwickelten.

Alltagsspeise
Lange war Reis, wie auch in den ersten Jahrhunderten nach Christus in China, nur den Wohlhabenden vorbehalten. „Erst im 19. Jahrhundert“, schreibt Seidel, „vervielfachten sich die Importe, und Reis wurde in Europa zu einer Alltagsspeise.“