Der vom Frieden singt

swp 23.12.2017

Es ist ein nasskalter Dezembertag, als Davide Martello auf der Straße des 17. Juni in Berlin sein schwarzes Klavier über Stahlschienen vom Autoanhänger schiebt. Den letzten Kilometer Richtung Brandenburger Tor zieht er den selbstgebauten Flügel mit dem Fahrrad. Durch die schwere Last bricht die Pedale ab. „Heute ist nicht mein Tag“, sagt der Musiker.

Er meint mit der Bemerkung aber weniger das Wetter oder die Fahrradpanne, sondern die aktuellen Nachrichten aus Jerusalem. Seit US-Präsident Donald Trump die Metropole als Hauptstadt Israels anerkannt hat, gibt es täglich Meldungen über neue Gewalt. „Er hat damit den Hass neu entfacht. Das nimmt mich gerade total mit“, sagt der 36-jährige Martello.

Eigentlich ist er nach Berlin gekommen, um Straßenmusik zu machen. Hier, wo alles angefangen hat. Am Potsdamer Platz und in Kreuzberg hat der Musiker aus Konstanz 2011 erstmals seinen Flügel aufgestellt und einfach losgelegt. „Ich dachte, wenn ich es in Berlin schaffe, dann schaffe ich es überall.“ Und tatsächlich, die Begeisterung der Passanten war sofort da. Überall bildeten sich Trauben um ihn. Die Münzen klimperten, und der Mut wuchs, den Traum von einer Tournee um den Globus wahr zu machen und so seine Eigenkompositionen in die Welt zu bringen.

Doch statt seine CDs zum Verkauf auszulegen und einen Sammelbecher aufzustellen, klebt er heute mit Uhu-Kleber rote Buchstaben auf sein Klavier: „Extreme Religion Kills“ ­ (Extreme Religion tötet), steht da zwischen weißen Peace-Zeichen. „Ein politisches Statement abgeben und dabei Geld einsammeln, das passt nicht zusammen“, sagt Martello, während er sich die dunklen Strähnen aus dem Gesicht streicht. Das Statement ist dem Mann, der auf seinen Reisen oft im Zelt übernachtet, wenn er nicht gerade bei Fans Unterschlupf findet, heute wichtiger.

Und so zieht er sein Klavier durch den matschigen Tiergarten am Brandenburger Tor vorbei bis zum Platz zwischen Holocaust-Mahnmal und US-Botschaft. Mit jedem Schritt steigt das Lampenfieber. Nicht wegen der Musik. „Sondern weil ich mit dem Israel-Konflikt ein heikles Thema anspreche.“

Mit dem Klavierspielen angefangen hat der Sohn eines Arbeiters und einer Hausfrau schon als Kind. Seine ersten Stücke komponierte der Deutsche mit sizilianischen Wurzeln als 17-Jähriger für seine erste große Liebe. Für eine Frau, die verheiratet war. Ein Geheimnis, das er nur mit seinem Klavier teilte. Eine Liebe, die er einzig in der Musik ausdrücken konnte.

Martello ist 27 Jahre alt und arbeitet als Friseur, als in ihm die Idee aufkeimt, ein Klavier zu bauen, mit dem er durch die Welt ziehen kann. Einmal in jeder Hauptstadt spielen, ist sein großes Ziel. In den alten Flügel baut er ein Elektropiano ein, macht alles wetterfest, beheizt die Tastatur. Nach dem erfolgreichen Start in Berlin geht es erst einmal nach Osteuropa. Irgendwann meldet sich ein Bundeswehr-General, dem er einst die Haare geschnitten hat. „Komm zu uns nach Afghanistan und spiel’ für die Jungs ein paar Weihnachtslieder“, lautet der Auftrag. Die Transall, die Martello und seinen Flügel im Dezember 2012 nach Kundus bringt, ist voll schwerer Munition. Ein Kontrast, der den jungen Musiker ebenso beeindruckt wie die friedlichen Gesichter der Soldaten, die seiner Musik lauschen, während nur wenige Kilometer weiter geschossen wird.

Seinen bisher bewegendsten Moment als Musiker erlebt Davide Martello im Mai 2013 auf dem Taksim-Platz mitten in Istanbul. Der junge Mann ist gerade in Bulgarien unterwegs, als er von der angespannten Lage in der Türkei hört. Die landesweiten Demonstrationen gegen die Regierung von  Recep Tayyip Erdoğan weiten sich aus und werden von den Sicherheitskräften gewaltsam unterdrückt. Es gibt Tote und Verletzte.  Statt sich auf den Heimweg nach Konstanz zu machen, fährt Martello spontan in die Türkei. Als er in Istanbul ankommt, ist die Lage chaotisch. Der Taksim-Platz ist übersät von Schutt. Erdogan-Gegner sammeln Steine für die Nacht. Polizisten halten Tränengas und Wasserwerfer bereit. Martello schiebt gegen 22 Uhr sein Klavier zwischen die verfeindeten Lager und spielt „Imagine“ von John Lennon. „Stell Dir vor, alle Menschen leben in Frieden“, heißt es da übersetzt. Demonstranten und Polizisten lauschen gleichermaßen den friedlichen, eindringlichen Klängen, legen Steine, Schlagstöcke und Helme beiseite. Die Aggressionen sind wie weggefegt. Martello ist selbst überwältigt. Als sich ein türkischer Musiker zu ihm gesellt und alle mitsingen, kann er die Tränen nicht mehr zurückhalten. „Da habe ich gespürt, welch ungeheure Energie die Musik hat.“

„Unglaublich authentisch“

Die Zeitungen berichten weltweit über den Friedenspianisten, Martello wird über Nacht berühmt. Einen Tag nach den Terroranschlägen in Paris am 13. November 2015 spielt er in der französischen Hauptstadt vor dem Theater „Bataclan“, in dem Islamisten in der Nacht zuvor mehr 130 Menschen erschossen und viele Hundert verletzt haben.

Der Organisator einer Lichterkette gegen Terror lädt ihn nach München ein. Vor zwei Jahren, kurz vor Weihnachten, spielt er dort auf dem Marienplatz vor 4000 Menschen, viele von ihnen haben Kerzen mitgebracht.

Vor gut einem halben Jahr, im April, tritt Martello auf der Kölner Domplatte auf. Anlass ist der AfD-Parteitag, der, begleitet von Demonstrationen, in der Stadt über die Bühne geht. Für das mutige Konzert, mit dem er ein paar Tausend Randalierer beruhigt, erhält Martello den Europäischen Bürgerpreis.

Heute, an diesem kühlen Tag in Berlin, erkennt ihn mancher Passant. Neben den Quadern des Holocaust-Mahnmals fängt Martello an zu spielen. „Sag mir, wo die Blumen sind“, das Lied, mit dem Marlene Dietrich schon gegen den Krieg ansang, lässt die Menschen innehalten. Schnell bildet sich ein Kreis um den jugendlich wirkenden Mann, der fast schüchtern, aber voller Inbrunst mit seinem Piano Emotionen auslöst. Touristen zücken ihre Handys und senden seine wortlose Botschaft in die Welt.

„Was mir an ihm so gefällt, ist, dass er so unglaublich authentisch ist. Er spielt aus dem Herzen heraus, das hört man“, sagt Konstanze Fischer, die von dem Auftritt auf Facebook erfahren hat. Die 30-Jährige hat den jungen Künstler schon einmal in Dresden erlebt.

Nach drei Songs kommt ein Polizist und verweist Davide Martello des Platzes. Er hat genug für heute, wirkt erschöpft und traurig. Dass er sensibel auf die Krisen in aller Welt reagiert, erklärt er sich mit seinen Reisen. „Wer so viele Länder kennenlernen durfte wie ich, entwickelt einen anderen Blick“, sagt der schwarz gekleidete Mann mit den langen, braunen Haaren. Wo es ihn als nächstes hinzieht, weiß er nicht. „Morgen woanders“ hat er als Lebensmotto auf seinen Klavierhocker geschrieben.

Vom Himmel hoch

Vom Himmel hoch, da komm‘ ich her,

ich bring‘ euch gute neue Mär,

der guten Mär bring‘ ich soviel,

davon ich sing‘n und sagen will.

 

Euch ist ein Kindlein heut geborn

von einer Jungfrau auserkorn,

ein Kindelein so zart und fein,

das soll eur Freud und Wonne sein.

 

Es ist der Herr Christ, unser Gott,

der will euch führn aus aller Not,

er will eur Heiland selber sein,

von allen Sünden machen rein.

 

Er bringt euch alle Seligkeit,

die Gott der Vater hat bereit‘,

daß ihr mit uns im Himmelreich

sollt leben nun und ewiglich.

 

So merket nun das Zeichen recht:

die Krippe, Windelein so schlecht,

da findet ihr das Kind gelegt,

das alle Welt erhält und trägt.

 

Des laßt uns alle fröhlich sein

und mit den Hirten gehn hinein,

zu sehn, was Gott uns hat beschert,

mit seinem lieben Sohn verehrt.

 

Merk auf, mein Herz, und sieh dorthin,

was liegt doch in dem Krippelein?

Wes ist das schöne Kindelein?

Es ist das liebe Jesulein.

 

Sei mir willkommen, edler Gast!

Den Sünder nicht verschmähet hast

und kommst ins Elend her zu mir:

Wie soll ich immer danken dir?

 

Ach Herr, du Schöpfer aller Ding,

wie bist du worden so gering,

daß du da liegst auf dürrem Gras,

davon ein Rind und Esel aß!

 

Und war die Welt vielmal so weit,

von Edelstein und Gold bereit‘,

so war sie doch dir viel zu klein,

zu sein ein enges Wiegelein.

 

Der Sammet und die Seiden dein,

das ist grob Heu und Windelein,

darauf du König groß und reich

herprangst, als wärs dein Himmelreich.

 

Das hat also gefallen dir,

die Wahrheit anzuzeigen mir,

wie aller Welt Macht, Ehr und Gut

vor dir nichts gilt, nichts hilft noch tut.

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