Herr Cerne, fühlen Sie sich nach mehr als 15 Jahren „Aktenzeichen XY“ selbst schon fast wie ein Ermittler?

Rudi Cerne: Am Anfang hatte ich noch Schwierigkeiten mit der Terminologie. Wenn es zum Beispiel heißt „Da läuft eine TÜ“, weiß man als Laie nicht, dass damit eine Telefonüberwachung gemeint ist. Solche Dinge sind mir inzwischen vertraut, aber trotzdem bin ich immer noch weit entfernt von den Praktiken und dem Knowhow der Ermittler.

Der Job als Moderator wurde Ihnen 2002 angeboten. Wissen Sie, warum die Wahl ausgerechnet auf Sie fiel?

Eduard Zimmermann, der mich gemeinsam mit unserem damaligen Fernsehspiel-Chef und stellvertretenden Programmdirektor Hans Janke auserkoren hatte, sagte mir einmal: „Sie haben so eine nette Art, all diese dramatischen Dinge zu präsentieren“. Einer, der mit finsterem Blick im Studio steht, wäre wohl nicht in Frage gekommen. Man sagt mir auch einen gewissen Charme nach – das kommt wahrscheinlich von meiner österreichischen Mutter.

Was sind Ihre Aufgaben in der Sendung?

Als Moderator sehe ich mich als das verbindende Glied zwischen den Zuschauern und dem, was im Studio passiert. Durch die Vorarbeit mit den Kommissaren weiß ich zwar etwas mehr als der Zuschauer, aber längst nicht so viel wie die Ermittler. Ihnen, die ja nicht ständig live vor einem Millionenpublikum auftreten, versuche ich die Nervosität zu nehmen. Das gelingt mir, glaube ich,  ganz gut. Trotzdem dürfen unsere Gespräche in der Sendung nicht in eine gemütliche Plauderei ausarten, weil wir in einem eng getakteten Zeitrahmen stecken. Wir müssen Dinge abarbeiten und Fakten präsentieren.

Müssen Sie dabei viel Übersetzungsarbeit leisten? Also den Zuschauern Fachbegriffe erklären?

Nein, das passiert alles schon im Vorfeld. Es gilt immer noch die Maxime von Eduard Zimmermann: Der Zuschauer muss alles sofort verstehen. Deshalb sind unsere Vorbesprechungen so wichtig, bei denen wir Wort für Wort durchgehen. Wenn uns Eduard Zimmermann in früheren Jahren nach einer Sendung noch einmal ein Feedback gegeben hat, lautete sein größtes Lob: Ich habe alles auf Anhieb verstanden.

Wie bereiten Sie sich vor?

Jede Sendung wird geprobt. Grob gesagt, gehen wir vorher alles zweieinhalb Mal durch. In der Woche vor der Sendung sitze ich mit den Kolleginnen und Kollegen in München zusammen, wo wir den Text besprechen. Das Manuskript einer Sendung umfasst immerhin 35 bis 40 Seiten. Dazu kommen schon im Vorfeld Vier-Augen-Gespräche mit den Ermittlern. Nach deren Absprache mit der Redaktion werden die Filme zu den vorgestellten Fällen gedreht – mit all dem Aufwand, der üblicherweise dazu gehört: Drehbuch schreiben, Drehort und Schauspieler finden, Kamera- und Produktionsteam auf den Weg bringen.

Wie gelangt so ein Fall überhaupt in die Sendung?

Üblicherweise fragt die Polizei bei „Aktenzeichen XY“ an und bittet um Mithilfe. Öffentlichkeitsfahndung ist ein probates Mittel, wenn die Fälle – wie man so sagt - ausermittelt sind. Aber es geht auch umgekehrt: Als vor ein paar Jahren ein Mann irgendwo in Norddeutschland einen großen Holzklotz von einer Autobahnbrücke warf und damit eine Frau tödlich verletzte, haben wir sofort beschlossen, diesen Fall aufzunehmen. Mit Erfolg: Wenn ich mich recht erinnere, hat sich der Mann gestellt.

Gibt es Kriterien, die erfüllt sein müssen?

Es geht immer darum, ob die Veröffentlichung zu einem Hinweis aus der Bevölkerung führen kann.  Angenommen, irgendwo haben drei maskierte Täter ein älteres Ehepaar überfallen und sind anschließend mit quietschenden Reifen davongerast. Dann  besteht die Möglichkeit, dass jemand davon etwas mitbekommen hat. Wir zeigen nicht einfach etwas, nur weil es brutal abgelaufen ist, sondern weil wir hoffen, dass aufmerksame Mitbürger einen Beitrag zur Aufklärung leisten können.

Auch wenn die Sache schon Jahre oder gar Jahrzehnte zurückliegt?

Ja, natürlich. Zum Beispiel den Fall einer Frau, die sieben Jahre lang als vermisst galt. Die Tochter wandte sich noch einmal an die Polizei, und wir griffen die Sache in „Aktenzeichen XY“ auf. Weil sich mehrfach Anwohner meldeten, dass es genau zum beschriebenen Zeitpunkt umfangreiche Baumaßnahmen an dem Haus gab, folgte ein richterlicher Beschluss. Die Polizei kündigte sich mit großem Gerät an, was dazu führte, dass der Mann dann doch das Versteck der Leiche verriet: Sie war hinter einem Weinregal im Keller eingemauert worden.

Wie hilfreich sind die Hinweise der Zuschauer?

Unterschiedlich. Als die Eltern der kleinen Madeleine McCann, die vor zehn Jahren in Portugal aus einer Ferienanlage verschwand, vor vier Jahren in „Aktenzeichen XY“ waren, bekamen wir unzählige Anrufe, in denen vor allem Mitgefühl und Bedauern zum Ausdruck kam. Das trägt zwar nicht viel zur Aufklärung bei, ist für die Betroffenen aber Trost und Zuspruch.  In einem anderen Fall haben wir im Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch eines Jungen ein Fahndungsfoto gezeigt, worauf sich eine Frau aus Spanien meldete, die den Mann in der Ferienanlage gesehen hatte, wo auch sie Urlaub machte. Die umgehend informierte Guardia Civil fuhr hin und nahm ihn fest. So schnell geht es natürlich nicht oft, aber es zeigt, wie wertvoll solche Hinweise sein können.

Es gibt Menschen, die „Aktenzeichen XY“ für gruseliger halten als einen harten Krimi.

Ja, die Wahrheit ist manchmal grausamer als ein Film. Wir versuchen natürlich, mit den nachgestellten Szenen nicht zu sehr zu schockieren – allein schon aus Rücksicht auf die Angehörigen. Aber wir dürfen die Dinge auch nicht verharmlosen. Vor kurzem hatten wir den erschütternden Fall eines Mannes, der mit einem heißen Bügeleisen gefoltert wurde. Der wurde bei dem Überfall gleich zehnmal verbrannt. Wir haben es entschärft und nur einmal kurz in dieser Brutalität gezeigt – damit potenzielle Hinweisgeber erkennen, dass diese Typen unbedingt gefasst werden müssen.

Was ging Ihnen bisher am meisten an die Nieren?

Besonders eingeprägt hat sich mir das Ehepaar, das im Spandauer Forst joggen wollte. Der Mann war schon los gelaufen, seine Frau machte noch ein paar Dehnungsübungen, als plötzlich ein Fahrradfahrer auftauchte, der ohne ersichtlichen Grund auf sie einstach und sich davonmachte. Vorbeikommende Passanten leisteten noch erste Hilfe, und die Frau brachte noch den Satz heraus „Sagen Sie meinem Mann, dass ich ihn liebe“, bevor sie in Ohnmacht fiel. Sie starb kurz danach im Krankenhaus. So etwas lässt wohl niemanden kalt und hat mich auch hinterher noch sehr beschäftigt, zumal der Fall bis heute nicht gelöst wurde. Ein anderer – immerhin gelöster – Fall war die kleine Levke Straßheim aus Cuxhaven. Das war im Jahr 2004, also ziemlich am Anfang meiner „Aktenzeichen“-Laufbahn. Das Mädchen, acht Jahre alt, wurde auf dem Heimweg von der Schule entführt, sexuell missbraucht und getötet. Das Ganze landete zunächst als Vermisstenfall bei uns, nach dem Fund der Leiche dann als Mordfall. Der Täter wurde tatsächlich durch einen Hinweis nach „Aktenzeichen XY“ gefasst. Die Tatsache, dass die Darstellerin in dem nachgestellten Film der kleinen Levke zum Verwechseln ähnlich sah, hat die Dramatik noch verstärkt.

Sie wurden selbst schon einmal für einen Verbrecher gehalten: 1978 hat man Sie mit dem RAF-Terroristen Christian Klar verwechselt und verhaftet. Wie kam es dazu?

Ja, das stimmt. Es gab von Christian Klar ein Fahndungsfoto, auf dem er mir sehr ähnlich sah. Und aufgrund dieses Bildes glaubte jemand, in mir Christian Klar erkannt zu haben. Das war am 27. Dezember 1978 in München am Flughafen, von wo ich – damals noch als 20-jähriger Eiskunstläufer – von einem Weihnachtsschaulaufen in Garmisch-Partenkirchen zurück nach Düsseldorf geflogen bin. Dort wurde ich dann tatsächlich von der Polizei, vier oder fünf Mann hoch, mit vorgehaltener Maschinenpistole in Empfang genommen. Wie im Film – im falschen, wohlgemerkt.

Wie lange wurden Sie festgehalten?

Zunächst suchten sie mich nach Waffen ab. Man nahm mir meinen Rucksack ab und brachte mich in ein Büro, wo meine Papiere überprüft wurden. Das Ganze dauerte wahrscheinlich nicht mehr als fünf oder zehn Minuten, aber es fühlte sich an wie eine halbe Stunde.

Sie waren damals ja kein Unbekannter mehr.

Nein, als Deutscher Meister im Eiskunstlaufen hatte man meinen Namen durchaus schon gehört. Und tags zuvor hatten ja auch Millionen Menschen dieses Schaulaufen im Fernsehen gesehen. Deshalb klärte sich die Sache zum Glück schnell auf, und ich wurde wieder in die Freiheit entlassen.

Wie erholen Sie sich?

Mit Schlafen und Sport. Ich fahre Rad und jogge – das allerdings eher gemäßigt, weil mich meine Knie inzwischen deutlich merken lassen, dass ich jahrelang viele Sprünge absolviert habe. Mein Hauptkontrolleur ist mein Gürtel: Wenn das vorletzte Loch nicht mehr passt, weiß ich, dass ich mehr tun muss.

Gehen Sie gelegentlich noch aufs Eis?

Nein, überhaupt nicht mehr. Es war eine spannende, wenn auch nicht unbedingt schöne Zeit, aber die ist vorbei. Eiskunstlaufen bedeutet viele Sprünge, viele Stürze, viele Enttäuschungen – und immer eine kalte Halle. So eine Eishalle ist einfach nicht sexy. Mein Bedarf an Sonnenstrahlen ist immer noch nicht gedeckt.

Rudi Cerne (59) ist Sportjournalist und Fernsehmoderator, der in jungen Jahren als Eiskunstläufer sehr erfolgreich war. Zweimal wurde er Deutscher Meister und gewann 1984 bei der Europameisterschaft in Budapest die Silbermedaille. Nach seiner Laufbahn als Leistungssportler kam er zum ZDF und moderierte zunächst Sportsendungen. Cerne ist verheiratet, er lebt mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in der Nähe von Mainz.