Gericht Der Fahnder mit viel Koks - Prozessbeginn gegen Leiter des Drogenderzernats

Hier wurden vor einem Jahr 1,8 Kilogramm Kokain gefunden: Kriminalpolizeiinspektion Kempten.
Hier wurden vor einem Jahr 1,8 Kilogramm Kokain gefunden: Kriminalpolizeiinspektion Kempten. © Foto: dpa
Kempten / PATRICK GUYTON 26.01.2015
In Kempten steht der einstige Leiter des Drogendezernats vor Gericht. Die Vorwürfe: Er soll seine Frau zusammengeschlagen haben, dann wurden 1,8 Kilogramm Kokain in seinem Schrank entdeckt.

Gefährliche Körperverletzung, Vergewaltigung, Drogenbesitz, schwer alkoholisiertes Autofahren - die Liste der Anklagepunkte gegen Armin N. vor dem Landgericht Kempten ist lang. Der 53-Jährige ist polizeibekannt, allerdings auf eine ganz andere Art und Weise als bei solchen Straftaten üblich: N. war bis zu seiner Festnahme vor knapp einem Jahr ein ranghoher Polizist in Kempten, er leitete die Drogenfahndung.

Heute beginnt der Prozess gegen ihn und damit auch die Suche nach Antworten auf offene Fragen in diesem dubiosen Fall. Er hatte phasenweise nicht nur die Kemptener, sondern die gesamte bayerische Polizei in Misskredit gebracht. Die Geschehnisse waren sogar im Innenausschuss des Landtags Thema gewesen.

In der Nacht vom 14. auf den 15. Februar vergangenen Jahres, nach dem Valentinstag, ist es zwischen N. und seiner Ehefrau in ihrem Haus nahe Kempten zum heftigen Streit gekommen. Der führte, so die Anklage der Staatsanwaltschaft München I, zu massiver Gewalt gegenüber der Frau. Sie sei körperlich misshandelt, lebensbedrohlich am Hals gewürgt und vergewaltigt worden. Auch hatte der Polizist angekündigt, sie umzubringen.

N. fuhr unter erheblichem Alkohol- und Medikamenteneinfluss mit dem Auto davon, während seine Ehefrau die Polizei alarmierte und Strafanzeige stellte. Am frühen Morgen wurde er in seinem Auto gestellt.

Die Polizei überraschte es nicht nur, einen bekannten Polizisten nach dieser Anzeige und in diesem Zustand vor sich zu haben. Viel mehr Erstaunen löste aus, als das Büro von N. durchsucht wurde: In einem Schrank wurden 1,8 Kilogramm Kokain sichergestellt. War also der oberste Drogenfahnder von Kempten selbst ein Drogenkonsument oder gar ein Dealer? Welche Verbindungen in die Szene gab es - und hatte N. Mitwisser oder Mittäter im Kreise der Polizei? Der brisante Fall wurde von Kempten abgezogen und der Münchner Staatsanwaltschaft zugeteilt, die mehr Licht in das Geschehen bringen sollte.

Die wiederholte Gewalt gegenüber seiner Frau räumt N. mittlerweile ein. Schon einen Monat zuvor war er so sehr auf sie losgegangen, dass sie über den Balkon floh, aus dem ersten Stock stürzte und sich an der Wirbelsäule verletzte.

Den Kokain-Besitz gibt Armin N. ebenfalls zu, laut Aussage der Frau hat er die Droge seit Jahren selbst konsumiert. Woher der Stoff kommt, ist weiterhin unklar.

Nach dem Aufdecken der Ereignisse war lange Zeit spekuliert worden, N. stehe in Verbindung mit der italienischen Drogenmafia. Diese macht sich im Allgäu seit vielen Jahren breit, sie nutzt die Gegend als Umschlagplatz. Die Ermittler aber haben keinerlei Anhaltspunkte für eine Verbindung von N. zur Drogenmafia entdecken können. Als am wahrscheinlichsten gilt, dass er dienstlich an das Kokain gelangt war und es zum Eigenverbrauch beiseite geschafft hat.

Unklar ist, inwieweit eine weitere Polizistin in den Fall verwickelt ist. Spuren von der Frau, einer früheren Partnerin von N., waren an dem Kokain entdeckt worden. Gegen sie wird weiterhin ermittelt.

Im vergangenen Oktober hatte Landespolizeipräsident Wilhelm Schmidbauer dem Innenausschuss des bayerischen Landtags einen Ermittlungsbericht über die Kemptener Affäre vorgelegt. Darin sprach er von einem großen Schaden für "das gesamte Ansehen der bayerischen Polizei". Schmidbauer gestand ein, das es möglicherweise Fehler bei der Dienstaufsicht gegeben habe.

Für den Prozess gegen Armin N. sind fünf Verhandlungstage angesetzt, zehn Zeugen sollen gehört werden. Am Montag soll die Ehefrau aussagen, sie kann aber auch die Aussage verweigern. Das Urteil könnte am 20. Februar fallen.

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