Paris Der Bikini: Ein Aufreger wird 70

PETER HEUSCH 05.07.2016
Vor 70 Jahren versetzte der Franzose Louis Réard die Modewelt in Aufregung. In Paris zeigte er erstmals seinen Bikini. Seitdem wird er in allen Varianten getragen – auch oben ohne.

Eine Bombe! Gerade einmal ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte sich ein gewisser Louis Réard nichts weniger vorgenommen, als mitten in der Seinemetropole eine Bombe platzen zu lassen. Und dass der Franzose seinen Sprengsatz, den er dann tatsächlich am 5. Juli 1946 im Pariser Art-Déco-Freibad Molitor zündete, Bikini taufte, war selbstverständlich kein Zufall. Nur vier Tage zuvor nämlich hatten die Amerikaner erstmals einen Atombombentest auf dem gleichnamigen Pazifik-Atoll durchgeführt.

 Wir sprechen von einem Skandal mit Ansage. Denn tatsächlich war das handverlesene Publikum jener Bademodenschau im vornehmen Schwimmbad vollkommen fassungslos, als Réard ihm seine Kreation präsentierte. Wobei die Vorführung um ein Haar gescheitert wäre. Kein einziges seriöses Mannequin fand sich bereit, den ultraknappen Zweiteiler mit seinen vier kleinen, von dünnen Kordeln zusammengehaltenen Stoffdreiecken zu tragen. Erst im letzten Augenblick konnte die Nackttänzerin Micheline Bernardini engagiert und über den Laufsteg geschickt werden.

Bernardinis Erscheinen sorgte dafür, dass den Zuschauern buchstäblich der Atem stockte. Kein Wunder: So unzureichend bedeckte der erste richtige Bikini die Kurven der jungen Tänzerin, dass sie in den damals hochgeschlossenen Zeiten nur als „so gut wie nackt“ bezeichnet werden konnte. Doch noch größer als die Aufregung, die die Schöpfung des gelernten Ingenieurs Réard mit seinem Händchen für Design hervorrief, war die Empörung der Sittenwächter.

Während die Bernardini nach ihrem Auftritt mit Hunderten von Verehrer-Briefen überschüttet wurde und über Nacht zu Berühmtheit gelangte, landete Réard geradewegs vor dem Kadi. Und seine Erfindung, der Bikini? Er wurde mit einem Bann belegt. An den meisten Stränden der alten und der neuen Welt ist der anstößige Zweiteiler sofort verboten worden (in Italien und Deutschland war er es noch bis 1970) und die Polizei pflegte umgehend einzuschreiten, wenn sich doch einmal ein Bikini unter einem Sonnenschirm zu zeigen wagte.

Mit anderen Worten: Der Bikini erwies sich als Flop. Erst einmal jedenfalls. Denn 1953 schlägt seine zweite Geburtsstunde. Auf dem Internationalen Filmfestival von Cannes kommt das 18-jährige und nahezu unbekannte Starlett Brigitte Bardot auf die Idee, sich in einem rosa karierten Bikini vor den Objektiven der Paparazzi auf dem Strand vor dem Nobelhotel Carlton zu räkeln. Die Bilder gehen um die Welt, sie sind der Anfang vom Mythos BB und der Beginn des Siegeszugs des Bikinis.

 Seither ist der Bikini nicht mehr wegzudenken aus der Bademode, der Werbung oder dem Film. Er hat alles mitgemacht und überlebt, sogar die Frauenemanzipation. Nur als Provokation wird er heute, wo ihm G-String oder der minimalistische Microkini Konkurrenz machen, von niemandem mehr angesehen. Aber das kümmert Louis Réard nicht mehr, der die durchschlagende Wirkung seiner Wunderwaffe übrigens noch miterlebte. Er starb 1984 hochbetagt im schweizerischen Lausanne. Als lebensfroher Millionär wohlgemerkt, da er im Juni 1946 so klug war, den Bikini als Patent anzumelden und sich den Namen gesetzlich schützen zu lassen.