"Der Wolf ist uns willkommen", sagt Karl-Heinz Florenz. "Aber wenn er über Wirtschaftswege läuft oder da, wo auch Kinder sind, dann muss er die Mücke machen." Der Wolf muss die Mücke machen? Die Sache ist heikel. Um die Frage, was der Wolf darf und was er muss, ob seine Rückkehr Segen ist oder Gefahr, ist ein Kulturkampf entbrannt. Jetzt hat er Europa erreicht, und Karl-Heinz Florenz steckt mittendrin.

Der 67-jährige Landwirt und Jäger vom Niederrhein sitzt seit mehr als 25 Jahren für die CDU im Europa-Parlament. Dort hat er 1992 maßgeblich an einer Richtlinie ("Flora-Fauna-Habitat", kurz "FFH") zum Schutz bedrohter Arten mitgewirkt. Er leitet eine fraktionsübergreifende parlamentarische Tierfreunde-Gruppe, die sich um "Biodiversität, Jagd und ländliche Aktivitäten" kümmert. In deren Namen hat er jetzt zu einer Konferenz geladen, um das Thema auf die EU-Agenda zu setzen.

Im 20. Jahrhundert war der Wolf nur noch in wenigen europäischen Regionen heimisch: Iberische Halbinsel, italienische Abruzzen, Balkan, Polen, Finnland. Mittlerweile gibt es nach Schätzungen von Fachleuten wieder mehr als 12000 Tiere. Mehr als 100 Jahre lang gab es keine Wölfe in Deutschland. Seit 15 Jahren ist der Canis lupus wieder da. Die meisten der geschätzten 300 deutschen Wölfe leben in Sachsen.

Das Interesse ist groß, der Tagungssaal im Brüsseler EU-Parlament fasst kaum alle Teilnehmer. "Die Rückkehr des Wolfes in der Europäischen Landschaft - Herausforderungen und Lösungen" lautet der offizielle Titel. Florenz selbst hat es griffiger auf den Punkt gebracht: "Europa und der böse Wolf - schießen oder schützen?"

Auf der einen Seite stehen die Jäger, in Brüssel repräsentiert von Helmut Dammann-Tamke, dem Agrarpolitischen Sprecher der CDU im Landtag von Hannover und Präsidenten der Jägerlichen Vereinigung Niedersachsen. Dort habe es 2014 fünf bestätigte Rudel mit Reproduktion gegeben. Die Jäger gehen von einem jährlichen Wachstum des Bestands um 30 bis 50 Prozent aus. "Da kennt die Biologie nur eine Richtung - und die geht steil nach oben."

Das sei alles andere als harmlos, sagt Dammann-Tamke. Er spielt ein Smartphone-Video ein. Zu sehen ist, wie ein Wolf, "der sich nicht an die Straßenverkehrsordnung hält", auf der Landstraße an einem verblüfften Autofahrer vorbeischnürt. 77 solcher "Nahkontakte" habe es in Niedersachsen im ersten Halbjahr 2015 gegeben. Erfahrungen, nach denen laut Dammann-Tamke "die Menschen in höchstem Maße verunsichert sind". Schon in drei Jahren werde der Wolf in Deutschland eine stabile Population bilden. "Da läuft eine Welle auf uns zu, die die wenigsten erkannt haben."

Das ist reichlich übertrieben, findet Eick von Ruschkowski vom Naturschutzbund (Nabu). Er plädiert für "konfliktfreie Koexistenz", auch mit Großraubtieren. In 65 Jahren habe es in Europa neun tödliche Begegnungen mit Wölfen gegeben. Aus Nabu-Sicht ist das Risiko für Menschen mithin "außerordentlich gering". Akuter sei die Gefahr für Schafe oder andere Nutztiere, sie könnten aber geschützt werden. Französische Schafszüchter sehen das anders. In Paris waren sie im November mit ihren Tieren zum Eiffelturm gezogen, um eine höhere Abschuss-Quote für den Wolf zu fordern.

Im EU-Recht und dem darauf gründenden Bundesnaturschutzgesetz genießt der Wolf höchsten Schutz, er darf nicht gejagt oder gefangen werden. Gefährdet er Mensch oder Umwelt, sind allerdings nicht nur "Vergrämung" sondern auch "Entnahme" durch Abschuss möglich. Dazu bedarf es einer behördlichen Genehmigung.

Zu langwierig, findet der Deutsche Jagdverband und fordert eine Lockerung der Richtlinie. Für Ruschkowski ist das überflüssig. Es diene allein dem Ansinnen, den Wolf ohne weiteres bejagen zu können. Florenz neigt der Position der Jäger zu. "Wir müssen den Mut haben, wenn Gefahr im Verzug ist, aggressive und kranke Wölfe zu entnehmen - unbürokratisch und schnell."