Prominente Debatte nach Vorwürfen gegen Dieter Wedel

Berlin / Dorothee Torebko 05.01.2018
Drei Frauen haben gegen Dieter Wedel schwere Vorwürfe erhoben, der Regisseur wehrt sich. Im Vergleich zu den USA steckt die Debatte um Belästigungen in der Filmbranche noch in den Kinderschuhen.

Die Schilderungen der deutschen Schauspielerin Jany Tempel im „Zeit-Magazin“ sind erschreckend. Von Wimmern und Schreien ist die Rede. Von Hilflosigkeit. Jany Tempel (48) ist eine von drei Frauen, die in eidesstattlichen Erklärungen öffentlich behaupten, der Regisseur Dieter Wedel (75) habe sich an ihnen vergangen. Wedel weist die Vorwürfe ebenfalls in einer eidesstattlichen Erklärung zurück.

Es ist vermutlich das erste Mal, dass in Deutschland der Vorwurf einer sexuellen Nötigung in der Schauspiel-Szene so detailliert erhoben wird. Ist das der Beginn eines Umdenkens, ähnlich wie in den USA im Zuge der Ermittlungen gegen den Hollywood-Filmmogul Harvey Weinstein, dem vorgeworfen wird, zahlreiche Schauspielerinnen belästigt oder missbraucht zu haben?

In Deutschland herrsche größtenteils Schweigen, moniert die Leiterin der Berliner Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders. „Schauspielerinnen und Schauspieler, die Belästigung erfahren haben, wurden viel zu lange allein gelassen“, sagt sie.

In den USA wurde mit der Kampagne #MeToo eine Revolution losgetreten. Vorläufiger Höhepunkt ist, dass sich unter der Initiative #timesup – sinngemäß: „die Zeit des Schweigens ist vorbei“ – 300 Künstlerinnen zusammengefunden haben, die gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz vorgehen. Elf Millionen Euro sammelten Schauspielerinnen wie Reese Witherspoon und Meryl Streep bereits. Mit dem Geld sollen Betroffene Rechtsbeihilfe erhalten.

Auch hierzulande gibt es erste Ansätze. Der Bundesverband Schauspiel und ein Netzwerk von Branchenorganisationen planen, eine Beschwerdestelle einzurichten. Opfer sollen dort Kontakt zu Juristen und Therapeuten erhalten. Außerdem haben Künstler dank eines virtuellen Kummerkastens die Möglichkeit, ihr Anliegen anonym zu schildern. Die Deutsche Filmakademie hat einen Arbeitskreis gebildet und zum Diskurs eingeladen. Doch es sind zaghafte Versuche.

Wie schwierig die Situation in diesem Berufsfeld ist, schildert der Bundesverband Schauspiel. „Das Feld ist ein fruchtbarer Boden für sexuell übergriffiges Verhalten“, heißt es auf der Homepage. Die Akteurinnen und Akteure seien nur in befristeten Verträgen beschäftigt. Personal- oder Betriebsräte existierten in kleinen Filmproduktionen und Theaterbetrieben nicht. Es gebe keine Anlaufstellen, keine Kontrollen. Häufig seien es Männer in Machtpositionen, die diese Situation ausnutzten.

Die Ermittlungen gegen Weinstein zeigen, dass viele Opfer schweigen, weil sie befürchten, keine Aufträge zu bekommen, als Lügnerinnen dazustehen oder als prüde zu gelten. Teilweise hat das verheerende psychische Folgen.

Offenbar nutzen einige Frauen dieses Machtgefüge aber auch aus. „Ich kenne einige wenige Schauspielerinnen, die sich freiwillig in sexuelle Situationen begeben, um einen Vorteil davon zu haben“, sagt die Berliner Schauspiel-Agentin Antje Kronacher im „Zeit-Magazin“.

Die Film-Produzentin Gabriela Sperl macht Betroffenen im „Zeit“-Ma­gazin Mut: „#MeToo ist eine Befreiung für all diejenigen, die über Jahre aus Angst und Scham geschwiegen haben, und es ist für die Zukunft ein wichtiges Signal: Steht auf und wehrt euch! Habt keine Angst! Durchbrecht das Schweigen! Nur dann wird der Machtmissbrauch, den es überall und immer wieder geben wird, keine Chance haben.“

In den USA setzen unterdessen viele Prominente aus der Showbranche weiter Zeichen: Bei den Golden Globes am Sonntag in Los Angeles wollen Filmstars wie Meryl Streep und Dwayne Johnson in schwarzen Outfits über den Roten Teppich gehen. Damit protestieren sie gegen die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in der Branche. Die deutsche Film- und Theaterbranche scheint noch nicht so weit zu sein.