Berlin Das Versagen von München

Terrorist Issa (Shredi Jabarin) mit Anna Gerbers (Bernadette Heerwagen), Hans Dietrich Genscher (Stephan Grossmann) und Dieter Waldner (Heino Ferch). Foto: ZDF
Terrorist Issa (Shredi Jabarin) mit Anna Gerbers (Bernadette Heerwagen), Hans Dietrich Genscher (Stephan Grossmann) und Dieter Waldner (Heino Ferch). Foto: ZDF
Berlin / SVEN KAUFMANN 19.03.2012
Vor 40 Jahren feierten Deutschland und die Welt die Olympischen Spiele. Das ausgelassene Sportfest in München wurde vom Terrorismus jäh zerstört. Der Film "München 72" beschreibt das damalige Desaster.

"Die ganze Welt kommt hierher. Die sollen sehen, dass Deutschland jetzt anders ist. Jetzt haben wir Willy Brandt, jetzt haben wir die Demokratie." Schauspieler Felix Klare bringt es als Polizeipilot Michael Bruckner im ZDF-Film "München 72 - Das Attentat" auf den Punkt: Die Olympischen Spiele 1972 in München sollten ein Fest des Friedens und der Versöhnung werden. Nur 27 Jahre nach dem Grauen des Weltkriegs und der Naziverbrechen wollte man sich heiter, locker und weltoffen zeigen.

Es kam anders, wie der TV-Spielfilm "München 72" unter der Regie des israelischen Regisseurs Dror Zahavi zeigt. Am 5. September nimmt das palästinensische Terrorkommando "Schwarzer September" im Olympia-Dorf elf israelische Sportler als Geiseln. Die Attentäter fordern die Freilassung von 230 in Israel inhaftierten Palästinensern.

Der Film lässt die Erinnerung an dieses Trauma, das am Ende 17 Menschen das Leben kostete, lebendig werden. Beeindruckend ist der Kulissenaufwand. Sofort fühlt man sich zurückversetzt in die bunten 70er: Gemeinsames Olympia-Gucken vor dem Holzdekor-Fernseher, heiter türkisfarbene Uniformen der Polizei, Miniröcke, Koteletten, Schlaghosen. Die Atmosphäre der Euphorie und des Aufbruchs der 20. Spiele in München ist spürbar.

Eine weitere Stärke des Films liegt in der historischen Detailtreue. Die aus heutiger Sicht unfassbare Hilflosigkeit und der Dilettantismus der Sicherheitsbehörden wird geradezu bloßgestellt. Etwa als das Vordringen der Polizei über das Wohnheimdach live im Fernsehen übertragen wird und die Terroristen so gewarnt sind. Polizei und Krisenstab waren auf diesen Terror nicht eingestellt. Die Einsatzleitung versagte auch bei einem weiteren Befreiungsversuch - das Drama endete auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck im blutigen Desaster.

Gut auch, dass die Motive der Täter erklärt, aber nicht gerechtfertigt werden. Regisseur Zahavi sagte im Vorfeld, er habe keine Schwarz-Weiß-Malerei betreiben wollen, um angesichts des gärenden Nahost-Konflikts zwischen Israel und Palästina nicht neuen Hass zu schüren.

Doch im Kern bleibt "München72" eine eher schwache Produktion, die selbst in den dramatischsten Momenten wie ein 90-minütiges Doku-Drama wirkt. Das gilt auch für die teils hochkarätig besetzten Rollen. Unverwechselbare Polit-Charaktere wie der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, gespielt von Stephan Grossmann, bleiben blass. Heino Ferch dagegen übertreibt es etwas mit dem Kinnmuskel spannenden Polizeipräsidenten Dieter Waldner.

Das wundert. Die Produktionsfirma Teamworx, die den Film mit dem ZDF produziert hat, mischt seit Jahren erfolgreich bei großen Historien-Filmen mit, etwa "Hindenburg", "Dutschke" oder "Die Flucht". Mit dem Terrordrama "Mogadischu" (2008) über die Entführung des Flugzeugs "Landshut" 1977 wurde die Messlatte für solche "Event-Filme" sehr hoch angelegt. Die SWR-Coproduktion hatte eine Spannung und Dichte, an die "München72" als "Schwesterfilm", nicht heranreicht. Schade um den guten Stoff, für den "Mogadischu" quasi den filmischen Teppich ausgerollt hatte. Denn eine Folge des Attentats von München war die Gründung der "GSG 9". Sie sollte nur fünf Jahre später alle Passagiere der "Landshut" retten. Deutschland hatte aus seinem Versagen gelernt.

Info Heute, 20.15 im ZDF. Im Anschluss folgt eine Dokumentation".

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