Tiere Das stille Leid der Galgos

Galgos gehören zu den Windhunden. Sie erreichen Spitzengeschwindigkeiten von 70 Stundenkilometern.
Galgos gehören zu den Windhunden. Sie erreichen Spitzengeschwindigkeiten von 70 Stundenkilometern. © Foto: GalgoHilfeEV
Von Diana Wieser 01.09.2018

Ausgesetzt, zur Tötungsstation gebracht oder vom Besitzer selbst umgebracht: 50 000 Galgos in Spanien ereilt jedes Jahr dasselbe Schicksal. Zum Ende der Jagdsaison werden unrentable, überzählige und ältere Tiere entsorgt. Eine archaisch anmutende Tradition war es bis vor Kurzem, seinen Galgo am Baum aufzuhängen, wenn er bei der Jagd oder einem Wettbewerb nicht die gewünschte Leistung erbracht und somit die „Ehre“ seines Besitzers beschmutzt hatte.

500 000 Galgos werden von 180 000 Galgueros gehalten – das ist die Zahl, die der Club de Caza, der spanische Jagdverband, nennt. Einst galt der spanische Windhund als Prestigeobjekt der oberen Klassen. Heute dient er zur Hasen-Hetzjagd, denn die stattlichen Tiere bringen es auf bis zu 70 Stundenkilometer.

Besonders verbreitet ist die Jagd mit Galgos in den Regionen Kastillien-La Mancha, Kastillien und León, Madrid sowie Andalusien, also in der Landesmitte und in Südspanien. Gehalten werden die Hunde „in abgelegenen Verschlägen im Hinterland, wo Touristen nichts mitbekommen“, sagt Sandra Gumnitz von der Galgo-Hilfe e. V. Oft seien die Verhältnisse ärmlich, die Strukturen patriarchalisch-traditionell geprägt. Zudem sei das Verhältnis zu Tieren völlig anders.

Jagen zählt in Spanien als Volkssport, eine Lizenz ist leicht erhältlich. Im Rest der EU ist die Jagd mit Windhunden verboten. Sie wird in Spanien auch als Wettkampf ausgetragen. Die FEG (Federación Española de Galgos) veranstaltet jährlich eine landesweite Meisterschaft auf dem freien Feld, vom Achtelfinale bis zum „Copa del Rey“, dem Königspokal. Hinzu kommen mehrere Rennen mit mechanischen Hasen sowie zahlreiche inoffizielle Wettkämpfe, die von den Galgueros privat organisiert werden.

In Spanien ist der Galgo reine Ware. Sein Wert richtet sich nach seiner Leistung. Im Kleinanzeigenmarkt beginnt der Preis mit einem Euro für einen Galgo-Welpen. Tiere, die ein paar Rennen gewonnen haben oder Champions in der Ahnenreihe aufweisen bringen es schnell auf ein paar tausend Euro.

Nur ungenügend gefüttert

Kaum ein Galgo bleibt länger als vier Jahre bei seinem Besitzer, obwohl die Tiere bis zu 15 Jahre alt werden können. Gumnitz: Die Hunde werden als Wegwerf-Artikel produziert. In Pflege oder Arztkosten werde wenig investiert, oft würden Hunde trotz Höchstleistung nur ungenügend gefüttert. Es gebe durchaus seriöse Züchter, sagt Gumnitz. Dennoch landen die meisten in Perreras, den Auffangstationen, wo ihnen rasch der Tod droht.

Hier schalten sich Tierschutzorganisationen wie die „Galgo-Hilfe e.V.“ oder „Tierschutz Spanien“ ein. Die Windhunde werden ärztlich versorgt, auf Krankheiten getestet, nach Deutschland gebracht und dort von Hundepaten betreut. Potenzielle neue Besitzer werden zuerst geprüft und über Stichpunkte wie Nachuntersuchungen aufgeklärt.

Das ist der seriöse Weg. Von einer Direktvermittlung rät Gumnitz, die selbst Hundepatin ist und einen kleinen Windhund hat, dringend ab. Ein Galgo habe spezielle Haltungsansprüche und sei nicht für jeden geeignet. Wenn aber alles passt, gelten die Hunde als äußerst „gechillte“, liebenswerte Hausgenossen.

Als Dauerlösung sieht Gumnitz die Vermittlung spanischer Windhunden jedoch nicht an. Zumal auch andere Rassen betroffen sind, zum Beispiel die Bodegueros, die auf den Fincas zur Vernichtung von Mäusen gehalten werden. Doch wie könnte die Lösung lauten?

„Ein EU-Tierschutzgesetz gibt es nicht“, sagt Julia Stubenbord, die Landesbeauftragte für Tierschutz in Baden-Württemberg. „Lediglich Richtlinien für verschiedene Nutztiere. Alles andere wird auf nationaler Ebene geregelt.“  Genau da liegt der Haken: In Deutschland ist Tierschutz seit 2002 ein Staatsziel, die Jagd mit Galgos wäre aufgrund von Paragraf 3 des Tierschutzgesetzes hierzulande nicht möglich.

In Spanien jedoch haben Jäger eine große Lobby und viel Einfluss. „Es geht um viel Geld“, so Stubenbord. Auch seien Fälle von Misshandlung schwer aufzuklären, da die Tiere meist nicht registriert sind und keinem Besitzer zugeordnet werden können. Manchen Tieren wird sogar der Chip herausgeschnitten, bevor sie ausgesetzt werden.

Nach 21 Tagen eingeschläfert

Im Jahr 2011 hat es in Spanien 309 Gerichtsverfahren wegen Misshandlung von Galgos gegeben, zitiert die spanische Tierschutzpartei Pacma aus einem Jahresbericht der Staatsanwaltschaft. In den Verfahren wurden 32 Urteile wegen Misshandlung ausgesprochen, zehn Angeklagte wurden freigesprochen. Der Rest wanderte ins Archiv.

32 Urteile angesichts jährlich 50 000 entsorgter Galgos: Pacma betont, dass die Perreras, die Auffangstationen, nicht ohne Grund auch „Tötungsstationen“ genannt werden. Denn in vielen sei es üblich, dass die Hunde nach 21 Tagen einschläfert werden, wenn sie bis dahin nicht vermittelt werden konnten.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel