Athen Das Geheimnis von Ikaria: Ein langes Leben

Auf der Insel Ikaria geht es gemächlich zu. Man lässt sich Zeit. Foto: istock
Auf der Insel Ikaria geht es gemächlich zu. Man lässt sich Zeit. Foto: istock
Athen / GERD HÖHLER 17.08.2012
Auf Ikaria in der Ägäis 100 Jahre alt zu werde, ist nichts Besonderes. Forscher glauben, es liege an der Ernährung, Gemeinschaftssinn - und viel Sex.

Tiefe Schluchten und hohe Berge, überwiegend trockenes, karges Land, abgesehen von kleinen fruchtbaren Küstenebenen: Die rund 8500 Einwohner der kleinen griechischen Ägäisinsel Ikaria haben kein leichtes Leben. Aber ein besonders langes.

Der Anteil der über 90-Jährigen ist hier zehnmal so hoch wie im europäischen Durchschnitt. Selbst ein 100. Geburtstag ist auf Ikaria kein besonderes Ereignis. Krebs, Herzinfarkte und Demenz sind dagegen viel seltener anzutreffen als im Rest Europas.

Die Insel verdankt ihren Namen dem Sagenhelden Ikarus, der hier ins Meer gestürzt sein soll, als er mit seinem Vater Dädalos mit selbstgebastelten Flügeln aus dem Labyrinth des Minotauros auf Kreta zu fliehen versuchte.

Kein Mythos sondern statistisch belegt ist hingegen die Langlebigkeit der Ikarioten. Einer der Wissenschaftler, die zu enträtseln versuchen, warum die Leute von Ikaria so alt werden, ist Christodoulos Stefanidis, Direktor der kardiologischen Abteilung im Athener Hippokrates-Hospital. Stefanidis glaubt die Langlebigkeit der Inselbewohner auf das Zusammenspiel zahlreicher Ursachen zurückführen zu können: viel Bewegung, wenig Stress, gesunde Ernährung - und viel Sex.

Der Kardiologe befragte auf Ikaria 284 Männer im Alter von 65 bis 99 Jahren. Acht von zehn gaben an, regelmäßig sexuell aktiv zu sein. Aber das ist wohl nur ein Faktor von vielen. Die bergige Insel fordert ihren Bewohnern seit jeher bis ins hohe Alter viel Bewegung ab.

Massentourismus ist auf Ikaria unbekannt. Nur wenige Reisende finden auf die abgelegene Insel. Deshalb haben sich hier Traditionen erhalten, die andernorts längst von der "Zivilisation" verdrängt wurden. Dazu gehört die ausgewogene Diät, die wenig Fleisch, dafür viel Hülsenfrüchte, Wildgemüse, Früchte, Kräuter, Fisch, Oliven, Ziegenmilch und Schafskäse enthält.

Ernährungswissenschaftler haben auf Ikaria dutzende von Kräutern entdeckt, aus denen die Bewohner Tees zubereiten, die einen sehr hohen Anteil an Antioxidantien enthalten und so dem Stress entgegenwirken.

Dabei leben die Ikarioten keineswegs in ständiger Askese. Der Kardiologe Stefanidis verweist auf drei Faktoren, denen die Leute von Ikaria gute Gesundheit und langes Leben verdanken: dem auf der Insel auffällig hohen Konsum des traditionell aufgebrühten griechischen Kaffees, der nach Stefanidis Überzeugung Herzkrankheiten entgegenwirkt; dem erholsamen Mittagsschläfchen, das sich die meisten Bewohner jeden Tag gönnen, und den durchschnittlich zwei Glas Rotwein, die sie abends genießen. Und zwar am besten in guter Gesellschaft, wie der Mediziner unterstreicht.

Denn zu den lebensverlängernden Traditionen auf Ikaria gehören nach Überzeugung der Wissenschaftler nicht zuletzt die sozialen Strukturen. Das Zusammenleben von mitunter vier Generationen in den Großfamilien, die gemeinsamen Feste in der Dorfgemeinschaft, die Volkstänze, das Gefühl der Zusammengehörigkeit und Solidarität, die täglichen angeregten Diskussionen im örtlichen Kafeneion, dem Kaffeehaus: das alles trägt auf Ikaria bei zu einem erfüllten und langen Leben.

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