Lebensart Macron: Das Baguette soll Kulturerbe werden

Paris / Peter Heusch 16.01.2018
Das Baguette gehört zu Frankreich wie Rotwein und Camembert. Nun soll es auf die Liste des Kulturerbes der Menschheit.

Nachdem die neapolitanische Pizza soeben zum Unesco-Kulturerbe erklärt wurde, klagt Frankreich nun auch für sein weltberühmtes Baguette einen solchen Ritterschlag ein. Ursprünglich war es zwar nur die Zunft der französischen Bäcker, die mit dieser Forderung an die Öffentlichkeit ging. Doch sie erhielt postwendend Unterstützung aus dem Elysée-Palast. Am Wochenende nämlich drückte niemand geringerer als Staatspräsident Emmanuel Macron persönlich der Weißbrotstange seine Wertschätzung aus.

Bei einem Empfang für die Bäckermeister im Palast sagte Macron, die ganze Welt beneide Frankreich um das Baguette. „Das Baguette ist der Alltag der Franzosen.“ Sie verzehrten es morgens, mittags und abends. Seine „Vorzüglichkeit“ und die dafür nötigen „Fachkennntisse“ müssten bewahrt werden, und deshalb gehöre es auf die Welterbe-Liste.

Der Vorsitzende der nationalen Bäckerinnung CNPBF, Dominique Anract, hatte angekündigt, Macron bei dem Empfang um Unterstützung zu bitten. Im Radiosender RTL sagte Anract, das „wunderbare“ Produkt aus Mehl, Wasser, Salz und Hefe sei wie der Pariser Eiffelturm eines der wichtigsten französischen Wahrzeichen.

Unsere Nachbarn haben Recht. Wenn die Kunst des Pizzabackens ebenso zum immateriellen Kulturerbe der Welt gehört wie der deutsche Orgelbau, warum dann nicht das Baguette-Backen?

Zum einen ist das Stangenbrot in Frankreich mindestens so identitätsstiftend wie die Basken­mütze oder der Eiffelturm. Und zum zweiten braucht es tatsächlich jede Mange Liebe und Geduld, um so ein stangenförmiges Weißbrot mit krosser Kruste so hinzubekommen, wie es sich gehört.

So etwa sollten laut überlieferter Tradition zwischen dem Kneten des Teigs und dem Backen mindestens 24 Stunden liegen. Auch die Verwendung des richtigen Mehls ist unabdingbar. Nur das echte Französische vom Typ T65 kann jene Großporigkeit erzeugen, für die das Baguette bekannt ist. Außen superknusprig und innen so beschaffen, dass Butter und Konfitüre durch seine Löcher fallen, lautet die alles andere als einfach zu realisierende Formel für ein echtes Baguette.

Vor den Bäckereien, deren Meister diese Vorgaben besonders gekonnt zu erfüllen wissen, pflegen sich in Paris jeden Tag lange Schlangen zu bilden. Denn für ein wirklich gutes Baguette ist so mancher Franzose bereit, meilenweit zu gehen.

Und dass sich selbst der Präsident für die Weißbrotstange in die Bresche wirft, ist keineswegs verwunderlich. Schließlich weiß er sehr genau, wie gut ein ausgezeichnetes Baguette schmeckt. Jedes Jahr aufs Neue pflegt eine Jury das beste Baguette von Paris zu küren und dessen Bäcker fällt neben der enormen Ehre auch die Pflicht zu, dem Elysée-Palast zwölf Monate lang als Hoflieferant zu dienen.

Den Damen und Herren bei der Unesco, deren Sitz in Paris liegt und die seit einigen Wochen zudem eine französische Generalsekretärin haben, dürfte klar sein, dass sie dem Baguette kaum die erwünschte Anerkennung verweigern können. Es stünde ihnen einfach zu viel Ärger ins Haus.

Wie ungemütlich die Franzosen werden können, wenn es um ihr Baguette geht, weiß man spätestens, seit eine durch Missernten bedingte Mehl­knappheit und drastisch steigende Brotpreise die Große Revolution lostraten. Ganz zu schweigen von der alten transalpinen Rivalität zwischen Franzosen und Italienern um den ersten Platz auf der Rangliste von Geschmack und Raffinesse. Die Pizza zum Kulturerbe erklären und das Baguette außen vor lassen? Das geht gar nicht.

Maultaschen als Weltkulturerbe? – Landwirtschaftsministerium wäre dafür

Im Dezember hatte die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) bereits die „Kunst des neapolitanischen Pizzabäckers“ in die Liste aufgenommen. Auch deutscher Orgelbau und Orgelmusik, die Basler Fasnacht und das niederländische Müller-Handwerk gehörten zu den 24 Neuzugängen auf der Liste.

Und was ist mit schwäbischen Maultaschen? Im Landwirtschaftsministerium Baden-Württembergs zeigt man sich nicht abgeneigt gegenüber der Idee. Denn: „Eine Menge schwäbische Spezialitäten wie Spätzle oder Maultaschen sind schon speziell geschützte Marken nach EU-Recht“, sagt ein Sprecher auf Anfrage. „Darauf sind wir sehr stolz.“ Geographisch geschützte Angaben (g.g.A.) legen fest, dass sich nur „Spätzle“ nennen darf, was auch wirklich  in Schwaben gefertigt wurde. Demnach gehört die Thüringer Bratwurst genauso wie der weltberühmte Holsteiner Tilsiter (ein Käse) in die Liste der offenbar größten kulinarischen Errungenschaften Deutschlands.

Anstoß für eine Aufnahme in die g.g.A oder in die Liste der Unesco ist aber Privat- oder Unternehmenssache, sagt das Landwirtschaftsministerium. Bislang sei im Ministerium keine Initiative zur Aufnahme schwäbischer Ess-Kunst in das Weltkulturerbe bekannt, sagt der Sprecher. „Aber Landwirtschaftsminister Peter Hauk wird entsprechende Initiativen natürlich voll und ganz unterstützen.“  Jetzt braucht es nur noch einen stolzen Schwaben, der mit Spätzle und Maultaschen bei der Unesco vorbeischaut.
Philipp Zettler

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