Missbrauchsprozess Freiburg Kind im Netz wie Ware angeboten

Der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin.
Der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin. © Foto: Thomas Kienzle/AFP
Freiburg / Petra Wahlheim 08.08.2018
Blick in den Abgrund: Die Urteilsverkündung im Freiburger Missbrauchsprozess zeigt erneut das Martyrium des Opfers auf.

Wieder machte sich im Saal des Landgerichts Freiburg Fassungslosigkeit breit, als der Vorsitzende Richter Stefan Bürgelin in der Urteilsbegründung die Taten noch einmal detailliert ausführte.  Er fasste das ungeheuerliche Martyrium des zur Tatzeit achtjährigen Luca (Name geändert) zusammen, und in dieser Dichte war die Schilderung dessen, was Christian L. (39) und die Mutter des Jungen, Berrin T. (48), Luca über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren angetan hatten, kaum zu ertragen.  Sie hatten das Kind im Internet für Vergewaltigungen, sexuellen Missbrauch und Misshandlungen wie eine Ware angeboten und sich immer wieder selbst an dem Jungen vergangen.

Christian L., den der Richter als ?Initiator des Gesamtsystems? bezeichnete, wurde zu zwölf Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.  Die Mutter Berrin T. erhielt zwölfeinhalb Jahre. Die Voraussetzungen für eine Sicherungsverwahrung lagen bei ihr laut Gericht nicht vor.  Zudem sollen beide an die Opfer des Missbrauchs Schmerzensgeld zahlen: an ein zur Tatzeit dreijähriges Mädchen 12 500 Euro, an Luca 30 000 Euro.

Mutter als „Teil des Systems“

Luca sei durch den Missbrauch ?nachhaltig psychisch belastet?,  sagte der Richter. Der Junge lebt in einer Pflegefamilie. Das Mädchen, das von Christian L. missbraucht worden ist, habe im Kindergarten ein ?sexualisiertes Verhalten? gezeigt, sei also ebenfalls psychisch geschädigt.

Der Richter warf Berrin T.   besonders vor, ihrem Sohn ganz bewusst ?erhebliche Schmerzen? zugefügt zu haben, trotz seiner Schmerzensschreie und seines  Weinens habe sie nicht damit aufgehört ? sondern ihn mit den Worten ?Halt den Mund? zurechtgewiesen.  ?Deshalb haben Sie die höchste Strafe aller Einzeltäter bekommen?, sagte Bürgelin.  Sie sei Teil des Systems gewesen.

 Die Katastrophe nahm ihren Lauf, als sich Christian L. und Berrin T. Ende 2014 in der „Tafel“ kennenlernten. Christian L. hatte gerade erst eine vierjährige Haftstrafe wegen Kindesmissbrauchs abgesessen, war aber entlassen worden ? mit der Auflage, sich Kindern alleine nicht zu nähern. Trotzdem freundete er sich mit Berrin T. an, wohl wissend, dass sie einen kleinen Jungen hat.  An dem zeigte er zunächst kein Interesse, sondern bat Berrin T., ihm ein Mädchen zu beschaffen, das er missbrauchen könne.

Emotional abhängig

Die tat wie ihr geheißen, Christian L. verging sich mehrfach an einer Dreijährigen aus dem Bekanntenkreis.  ?Die vier Jahre Haft haben ihn nicht abgeschreckt?, sagte Bürgelin. Dann äußerte L. gegenüber Berrin T. Interesse an deren Sohn. Statt ihn zu schützen, habe sie ihrem Lebensgefährten Luca überlassen. Sie soll von Christian L. emotional abhängig gewesen sein.

Im Februar 2015 begann Christian L. den Jungen ? mit dem Einverständnis der Mutter ? zu missbrauchen. Obwohl es ihm verboten war, zog er in ihre Wohnung ein. Im Frühjahr 2015 begann er, Luca im Darknet, einem anonymen Bereich des Internets, Pädophilen für Vergewaltigungen gegen Geld  anzubieten. Mehrere Treffen wurden organisiert, bei denen sich die Männer an dem  Jungen massiv vergingen. Fast immer sei die Mutter dabei gewesen. Alle Vergewaltigungen wurden gefilmt und im Darknet verbreitet. ?Da sind Videos in technisch sehr guter Qualität entstanden, in denen Details zu sehen sind, die man gar nicht sehen will?,  sagte Bürgelin.

Als  Anfang 2017 bekannt wurde, dass Christian L. Kontakt zu Berrin T. und ihrem Sohn hat, wurde Luca in einer Pflegefamilie untergebracht. Nur weil  die Mutter sich bei Jugendamt und Familiengericht vehement für seine Rückkehr einsetzte und versicherte, sie würde ihn vor sexuellen Übergriffen schützen, willigten die Behörden ein.  Ein Fehler, wie sich herausstellte. Kaum sei Luca zuhause gewesen, seien die Treffen mit Freiern fortgesetzt worden. ?Von da an nahmen die Übergriffe an Heftigkeit zu?, sagte Bürgelin.  Berrin T. habe alle getäuscht. Erst als sich ein anonymer Hinweisgeber im September 2017 bei der Polizei meldete, flog alles auf.

Hinter Gittern bis zum Tod?

Die Sicherungsverwahrung ist keine Strafe – sie dient allein dem Schutz der Gesellschaft vor gefährlichen Straftätern. Sie darf nur in einem Urteil angeordnet werden, wenn bei einem Täter eine „hochgradige Wahrscheinlichkeit schwerster Sexual- und Gewaltstraftaten“ besteht. Außerdem muss eine psychische Störung vorliegen. Deshalb wird sie in der Regel nur bei Wiederholungstätern angewandt.

Sobald ein Häftling seine Strafe abgesessen hat und entlassen werden müsste, greift die Sicherungsverwahrung: Verwahrte müssen in speziellen Abteilungen in den Gefängnissen untergebracht werden und erweiterte Therapie-Angebote bekommen. Eine Entlassung ist nur möglich, wenn ein Gutachter bestätigt, dass ein Straftäter nicht mehr gefährlich ist. Das wird regelmäßig überprüft. Theoretisch kann eine Verwahrung bis zum Tod dauern. rom

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