• Der Lockdown ist bis zum 7. März verlängert.
  • Der Ruf nach Lockerungen und Öffnungen im März wird immer lauter.
  • Doch wo gibt es das größte Risiko einer Ansteckung mit Corona?
Bald öffnen die Friseure und Schulen wieder und angesichts sinkender Corona-Zahlen hoffen viele auf weitere Lockerungen, z.B. für Restaurants, Fitnesstudios, Geschäfte, Museen und Kinos. Forscher der Technischen Universität Berlin haben nun Berechnungen zum Ansteckungsrisiko für verschiedene Innenraum-Szenarien veröffentlicht.

Risiko Ansteckung Corona drinnen: Studie zeigt Infektionsrisiko

„Es geht darum, dass wir jetzt in die Lockerungsphasen kommen“, sagt Studienleiter Martin Kriegel. In den Kalkulationen, die nicht von unabhängigen Experten begutachtet wurden und nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht sind, fokussieren sich Kriegel und seine TU-Kollegin Anne Hartmann auf gängige Orte wie etwa Theater, Restaurants und Schulen.

Corona-Ansteckungsrisiko mit Hilfe von Faktoren berechnet

Berücksichtigte Einflussfaktoren, die die Forscher anglegt haben waren:
  • Die Dauer des jeweiligen Aufenthalts (im Supermarkt mit einer Stunde veranschlagt)
  • der Aktivitätsgrad (im Fitnessstudio hoch)
  • die Luftzufuhr im Raum
  • Die Einhaltung der Hygiene- und Lüftungsregeln wird vorausgesetzt,
  • die Schutzwirkung einer Maske mit 50 Prozent einbezogen.
  • Weitere Bedingung: Eine infizierte Person ist zusammen mit anderen im Raum.

Supermarkt, Schule, Büro: Wo ist die Gefahr der Ansteckung am geringsten?

Unter den gesetzten Voraussetzungen ist das Risiko beim Friseur, in wenig ausgelasteten Museen, Theatern und Kinos, aber auch in Supermärkten demnach vergleichsweise gering. Deutlich höher sei es in Fitnessstudios und vor allem in Oberschulen und Mehrpersonenbüros.
So hoch ist der R-Wert in den von den Forschern untersuchten Räumen.
So hoch ist der R-Wert in den von den Forschern untersuchten Räumen.
© Foto: Paper Kriegel/Hartmann 2021
Beispiele: Beim Einkaufen im Supermarkt würde sich demnach - unter den festgelegten speziellen Voraussetzungen - maximal eine weitere Person anstecken. In einem zur Hälfte besetzten Mehrpersonenbüro, in dem sich Menschen acht Stunden ohne Maske aufhalten, läge der Wert unter den für die Studie angenommenen Bedingungen acht Mal höher. In einem Theater mit 30 Prozent Auslastung und Maskenpflicht wäre das Risiko nur halb so hoch wie im Supermarkt - trotz doppelter angenommener Aufenthaltsdauer von zwei Stunden.

Corona Risiko Ansteckung Spaziergang draußen?

Laut einer Studie der Universität Berkeley, die mehrere andere Studie gesichtet hat, finden weniger als 10 Prozent der Infektionen im Freien statt. Die Studie beziffert das Infektionsrisiko in Innenräumen 19-mal höher als draußen.

Corona Ansteckung: Wie lange ist man ansteckend?

Wie lange eine Person bei einer Infektion mit Corona ansteckend ist, ist pauschal nicht zu sagen. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gilt als sicher, dass die Ansteckungsfähigkeit um den Beginn der Symptome am größten ist. Bei milder bis moderater Erkrankung ist eine Ansteckung anderer nach mehr als zehn Tagen nach Beginn der Krankheitszeichen äußerst unwahrscheinlich.

Studie zu Corona-Ansteckung beruht auf Schätzmodell

„Es ist von großem Interesse, typische Situationen miteinander zu vergleichen, um einen generellen Eindruck zu bekommen“, sagt Kriegel. Er räumt gleichzeitig ein: „Es ist ein einfaches Abschätzungsmodell, das allerdings auf einem detaillierten Infektionsrisikomodell basiert, das an realen Ausbrüchen validiert wurde.“ Grundlegende medizinische Fragen seien dennoch unklar, etwa wie viele Viren in Aerosolpartikeln und welche Viruskonzentration für eine Infektion notwendig seien. „Man bräuchte eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit, um ein umfassendes, ganzheitliches Modell zu erhalten.“

Kritik an Studie: Vorsicht bei der Interpretation der Resultate

Die echte Welt ist eben komplexer. Der frühere Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin, Gerhard Scheuch, mahnt zu Vorsicht bei der Interpretation der Resultate: Von der Vielzahl der Einflussfaktoren sei bisher nur ein Teil bekannt, die Studie setze viele Annahmen voraus. „Solche Berechnungen sind unheimlich komplex.“ Die Resultate, die das Risiko sehr exakt angeben, erweckten den Eindruck einer Präzision, die es so nicht gebe.

Ansteckungsrisiko drinnen bei langem Aufenthalt im selben Raum groß

Der Chemiker Jos Lelieveld hebt die vergleichende Gegenüberstellung der Szenarien hervor. „Die Botschaft ist eigentlich simpel“, erläutert der Direktor am Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie. „Wenn eine Gruppe von Personen sich mit einem infizierten Menschen längere Zeit in einem geschlossenen Raum aufhält, ist das Ansteckungsrisiko sehr hoch. Über mehrere Stunden reichern sich die virenbeladenen Aerosole an, wobei die infektiöse Dosis erreicht werden kann.“
Dies gelte etwa für Oberschulen, für die sich das Risiko angesichts vergleichbarer Klassen- und Raumgrößen gut abbilden lasse. Auch das Risiko in Büroräumen sei eindeutig. „Diese Aussagen sind richtig und wichtig“, betont Lelieveld. „Die Öffentlichkeit sollte verstehen, dass sie mit dem Öffnen der Schulen ein hohes Risiko eingeht.“ Auch der Homeoffice-Anteil im Beruf sei noch sehr ausbaufähig.
Andere Aussagen der Studie sieht Lelieveld kritisch - etwa zum Risiko in Schwimmhallen, das nach Kriegels Studie beträchtlich ist. Eine Anfrage von einem Schwimmbadverband, das Infektionsrisiko zu berechnen, lehnte Lelieveld ab. „Dafür müsste man für die großen Hallen die Aerosolströmungen gut simulieren“, sagt er. „Das können wir nicht.“ Auch für Restaurants und Fitnessstudios seien genaue Angaben schwierig: „Diese Aussagen würde ich so nicht unterstützen.“

Wahrscheinlichkeit für Infektion mit Corona unter bestimmten Bedingungen

Der Physiker Eberhard Bodenschatz vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen betont, dass man relativ gut die Wahrscheinlichkeiten für Infektionen unter gegebenen Bedingungen abschätzen könne. Wichtig sei jedoch, alle Eventualitäten zu betrachten.
Ein Beispiel: Falls sich in einem Restaurant Menschen verabreden, die ohnehin Kontakt zueinander hätten, könnte es sein, dass die ganze Gruppe ansteckend sei, ohne es zu wissen. Dann sei die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass sich andere Personen über infektiöse Aerosole anstecken als etwa beim Friseur, den Kunden meist unabhängig voneinander besuchten.
Unabhängig vom jeweiligen Ort hänge das Risiko enorm von einem Faktor ab: der Verbreitung des Virus in der Bevölkerung. „Wenn die Prävalenz sinkt, sinkt auch die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt eine infizierte Person in einem Raum ist.“ Deshalb begrüßt Bodenschatz den jüngsten Beschluss der Bund-Länder-Konferenz, Lockerungen der Corona-Maßnahmen erst ab der Zahl von 35 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern binnen sieben Tagen zu erwägen. „Eigentlich sollte man die Inzidenz so weit runter drücken, wie es irgendwie geht.“

Keine Empfehlung für Lockerungen

Die Experten betonen, dass politische Entscheidungen auch von vielen anderen Faktoren abhängig seien. Studienautor Kriegel möchte seine Kalkulationen nicht als Vorgabe an die Politik bezüglich möglicher Lockerungen verstanden wissen. „Ich möchte keine Empfehlungen abgeben“, betont er. „Wir liefern Informationen. In die Entscheidungsprozesse werden wir nicht eingebunden.“

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