Er ist eine Institution im deutschen Fernsehen und beinahe 20 Jahre lang war er das Gesicht des ZDF-„heute journal“: Claus Kleber. Heute moderiert der 66-Jährige die Nachrichtensendung im zweiten deutschen Fernsehen (ZDF) zum letzten Mal. Beginn der Sendung ist um 21.45 Uhr. Kleber verabschiedet sich nach mehr als 3000 Ausgaben, erstmals war er am 3. Februar 2003 Hauptmoderator der Sendung – damals als Nachfolger von Wolf von Lojewski. Kleber blickt auf eine illstre journalistische Karriere zurück: Zuvor war der promovierte Jurist für die ARD als Korrespondent und Studioleiter in den USA und später in Großbritannien tätig.

Heute Journal: Christian Sievers folgt auf Claus Kleber

Als Klebers Nachfolger wurde Christian Sievers verkündet, der bislang hin und wieder als Vertreter in der Sendung einsprang. In der neuen Rolle absolviert der 52-Jährige seinen ersten Auftritt am 10. Januar. Zweite Hauptmoderatorin bleibt Marietta Slomka (52). In diesem Jahr verfolgten im Schnitt jede „heute journal“-Ausgabe 4,15 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer.
Nach Ansicht Klebers halten nicht alle Kollegen die Grenze zwischen Aktivismus und Journalismus ein. „Was ich oft höre von Moderatoren, insbesondere im Hörfunk, lässt mir die Hutschnur hochgehen, mit welcher Selbstverständlichkeit da Urteile abgegeben werden, von Leuten, die sich erkennbar mit der Sache nie vertieft beschäftigt haben“, sagte Kleber der „Zeit“ laut Vorabmeldung vom Mittwoch. Solche Automatismen im Kopf seien nichts anderes als „Denkfaulheit“.
Ideologie sei für einen Journalisten „immer der faulste Weg“, sagte der scheidende „heute journal“-Moderator. Wer eine bestimmte Weltanschauung abonniert habe, brauche nicht mehr lange nachzudenken und zu recherchieren, da schon alle Entscheidungen gefallen seien. „Ideologie vergiftet den Journalismus“, sagte er. Journalisten müssten immer wieder infrage stellen, ob das, was sie am Abend zuvor gesagt haben, der Überprüfung standhält.

Kleber vor seinem letzten „heute journal“: „Wieder mehr konfrontative Formate trauen“

Kleber kritisierte zudem, dass ein journalistischer Konsens die Oberhand gewonnen habe. „In der Redaktion haben wir jeden Tag strittige Debatten, trotzdem machen wir Sendungen, die den Zuschauern nicht das Gefühl geben, dass dort Meinungen aufeinanderstoßen“, sagte er der „Zeit“. Selbst die Kommentare im Öffentlich-Rechtlichen seien oft eher „Besinnungsaufsätze“. „Vielleicht sollten wir uns wieder konfrontative Formate trauen“, sagte er.
Der Job des Journalisten habe sich mehr verändert als jeder andere Job, sagte Kleber. Dies betreffe die Art der Recherche, die Machart des Programms und die Rezeption des Publikums in den vergangenen 20 Jahren. Dabei übte er auch Selbstkritik: „Ich glaube, dass wir Journalisten unseren Beitrag dazu geleistet haben, dass es eine große Gruppe von Menschen gab und gibt, die sich in den Medien nicht mehr vertreten sehen - Menschen mit einem konservativen Wertekostüm in Religion, Familie, Nation.“

Kleber über Corona, Streeck und Medien: Auch Minderheitenmeinungen präsentieren

Medien sollten nach Ansicht Klebers auch Experten mit Minderheitenmeinungen wie den Virologen Hendrik Streeck zu Wort kommen lassen. „Unabhängig davon, dass ihm Christian Drosten beim Verstehen der Viren vermutlich turmhoch überlegen ist. Aber ich bin weder der Schiedsrichter in diesem Wissenschaftsstreit noch der Obervirologe“, sagte Kleber dem „Spiegel“ laut Vorabmeldung vom Mittwoch. Streeck und der Chefvirologe der Berliner Charité, Drosten, hatten sich in der Vergangenheit teils sehr unterschiedlich zu den nötigen Maßnahmen in der Corona-Krise geäußert.
„Hendrik Streeck ist kein Verschwörungstheoretiker, er hält die Erde nicht für flach und Elvis nicht für lebendig“, sagte Kleber, der am Donnerstag zum letzten Mal das „heute journal“ moderiert. Natürlich könne und solle man ihn nach seiner Meinung zu den Corona-Maßnahmen fragen. Zwar sei eine False Balance, also ein falsches medial erzeugtes Gleichgewicht zwischen einer deutlichen Minderheitenmeinung und dem allgemeinen Konsens, eine ständige Gefahr. „Es ist aber genauso gefährlich, wenn man, um der Balance aus dem Wege zu gehen, gewisse Interpretationen von Fakten nicht mehr zulässt.“