Hätten Sie 2006 gedacht, dass die Serie acht Jahre laufen wird?
CHRISTIAN BERKEL: Ehrlich gesagt: Nein. Die Perspektive war: Ein Vertrag für ein Jahr plus eine Option auf zwei weitere.

Dann kam die Reihe sehr gut an. . .
BERKEL: Stimmt. Wir haben fünf Millionen Zuschauer, damit sind wir sehr zufrieden.

War es nicht gewagt, eine Krimiserie mit einem Victimologen, also Opferforscher, im Mittelpunkt zu starten?
BERKEL: Ja, natürlich. Das war etwas völlig Neues. Bruno Schumann geht die Mordfälle mit seinem Team ja aus Sicht des Opfers an. Er saugt alles auf, was mit dem Opfer zu tun hat und packt es in den Hinterkopf. Seine Herangehensweise ist ein Mix aus Intuition und Analyse, aus Bauch und Kopf. Die Idee zu der Figur war übrigens von mir.

Wie bereiteten Sie sich auf diese spezielle Art eines Ermittlers vor?
BERKEL: Akribisch, denn ich stelle hohe Ansprüche an mich selbst - schließlich will ich glaubhafte Figuren spielen. Also habe ich im Internet alles über Victimologen gelesen, mir auch Fachliteratur besorgt und durchgeackert und echte Victimologen getroffen. Die arbeiten beim LKA in der Abteilung "Delikte am Menschen". Also Mord, Erpressung, Entführung. Das war höchst interessant und aufschlussreich.

Wieviel Christian Berkel steckt nun in Bruno Schumann?
BERKEL: Sehr viel. Zum Beispiel habe ich mein assoziatives Arbeiten in die Rolle miteingebracht. Das hat sich bei mir, seit ich den Schumann spiele, auch noch verstärkt.

Gibt es Fälle, die Ihnen besonders unter die Haut gehen?
BERKEL: Oh ja. Alle die, in denen Kinder Opfer sind. Jeder von uns kann eine mörderische Situation nachvollziehen. Sind aber Kinder das Opfer, dann nicht. Das kann, das möchte man sich nicht vorstellen. Sich klarzumachen, dass so etwas möglich ist, ist desillusionierend. Ich weiß, dass es nicht nur uns so ergeht, wenn wir diese Stories spielen, sondern auch echten Ermittlern. Einer sagte mir: "Wir können uns an Tote gewöhnen, aber an getötete Kinder niemals."

Im Juni 2010, mitten in den Dreharbeiten, verstarb nur 38-jährig Ihr Serienkollege Frank Giering, der den Kommissar Henry Weber spielte.
BERKEL: Eine furchtbare Sache. Frank wurde am ersten Drehtag zur damaligen neuen Staffel tot in seiner Wohnung gefunden. Unfähig zu arbeiten haben wir zwei Tage pausiert. Es wurde sogar ans Aufhören gedacht, aber letztendlich ging es weiter. Die Drehbücher mussten umgeschrieben, neue Figuren entwickelt werden. Obwohl wir alle geahnt hatten, dass es psychisch und physisch nicht gut um Frank stand, traf uns die Nachricht wie ein Schlag. Er hatte im Jahr zuvor schon einen Herzstillstand erlitten und war ins Leben zurückgeholt worden. Ich erinnere mich sehr, sehr gerne an ihn - als Kollege und als Mensch. Ich war ihm ziemlich nahegekommen, obwohl er "in seiner Welt lebte", kaum jemanden an sich ranließ und private Verabredungen stets kurz zuvor absagte.

Dürfen Ihre Söhne, Bruno (12) und Moritz (15), eigentlich zuschauen, wenn der Papa Mörder jagt?
BERKEL: Inzwischen - ja. Die ersten Jahre nicht, da waren sie zu jung. Heute schauen sie sich das an, strahlen mich an, sagen "gute Nacht" und gehen ins Bett (er lacht). Sie kritisieren nicht, sie jubeln aber auch nicht. Sie wachsen halt mit Schauspieler-Eltern auf, da ist es normal, Mama und Papa im TV zu sehen.

1978 spielten Sie in einem geschichtsträchtigen "Tatort". "Rot-rot-tot". Der hält bis heute den Einschaltrekord: 26,57 Millionen sahen zu, das entsprach 65 Prozent Marktanteil.
BERKEL (lacht): Unfassbare Zahlen, oder? Ich erinnere mich gut, schließlich spielte ich den Sohn des großartigen Curd Jürgens, der ja dann der Mörder war. Ich war noch jung und entsprechend stolz, mit einem so fantastischen Schauspieler zu arbeiten. Aber ich bin auch nicht Ehrfurcht erstarrt. Jürgens war sehr freundlich, sehr kollegial. Der Regisseur Dominik Graf zählt diese Folge übrigens - nicht zu unrecht - zu den fünf besten "Tatorten" aller Zeiten.

Wären Sie selbst gerne mal "Tatort"-Kommissar?
BERKEL: Och ja, da hab ich grundsätzlich nichts dagegen. Aber die Frage stellt sich bis auf Weiteres überhaupt nicht. Ich kann nicht im ZDF Bruno Schumann und in der ARD ein "Tatort"-Kommissar sein.

In der ersten Folge der neuen Staffel haben Sie "Oben-ohne-Szenen". Man sieht einen durchtrainierten Mittfünfziger, Hut ab! Was ist Ihr Rezept für diese sportliche Figur? Das Gassigehen mit Ihren beiden Hunden kanns doch nicht sein, oder?
BERKEL: Nein, das reicht nicht. Ich jogge mehrmals die Woche, abwechselnd mache ich einen Morgen Liegestütze, einen Morgen Klimmzüge. Im Moment leider noch etwas reduziert, da ich mir im Sommer einen Muskelfaserriss zugezogen hatte und vorsichtig sein muss.

Sehen wir Sie auch im kommenden Jahr als "Der Kriminalist"?
BERKEL: Ja! Einige Bücher sind schon fertig, und im Januar ist Drehbeginn.

Info Die zehnte Staffel startet heute, 20.15 Uhr im ZDF

Zur Person vom 24. Oktober 2014

Christian Berkel wurde am 28. Oktober 1957 in Berlin geboren. Er absolvierte die Schauspiel-Ausbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, debüttierte 1976 in einer Nebenrolle in Ingmar Bergmanns "Das Schlangenei" und spielte an Theatern in München, Berlin, Wien, Bochum, Düsseldorf. Berkel stand mit Tom Cruise, Brad Pitt und Jodie Foster vor der Kamera. Er wurde mit dem Bambi und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Im Dezember 2011 heiratete er seine Kollegin Andrea Sawatzki. Sie haben zwei Söhne.