München Charakterstudie: Wer sich wie auf der Wiesn vergnügt

München / MARLENE MÜLLER 01.10.2014
Auf den ersten Blick dreht sich auf dem Oktoberfest alles nur ums Bier. Auf den zweiten Blick offenbart sich die Wiesn als kultureller Lebensraum, in dem sich die unterschiedlichsten Bewohner tummeln.

Der Ur-Münchner - Die vielen Touristen auf dem Oktoberfest machen dem Ur-Münchner nichts aus. Missstimmung könnte es lediglich geben, wenn er auf einen Preißn (Preußen) trifft. Als Preißn gelten generell alle Deutschen nördlich des Weißwurstäquators. "Früher host glei gsehn, wer der Preiß is", erklärt der Ur-Münchner. Heutzutage jedoch schwingt auch der sich in die Tracht und täuscht so Tradition vor. Für den Ur-Münchner im Grunde aber kein Problem: "Nach der fünften Maß basst des scho."

Schließlich kennt der Ur-Münchner den wahren Sinn der Wiesn: "Hier sitzt der Angestellte glei nebam Geschäftsführer. Des is des, wos die Wiesn ausmacht."

Der Geschäftsmann - Unter dem Vorwand "Kundenbindung" laden Münchner Firmen ihre Geschäftspartner zur Sause auf die Wiesn ein. Die reisen dafür teils aus Wolfsburg oder Amerika an. Anstatt gezwungenen Business-Smalltalks erlebt der Geschäftsmann auf der Wiesn eine echte Gaudi. Spätestens um 21 Uhr tanzt er auf der Bierbank. Seine Garderobe hat sich in den vergangenen zehn Jahren gewandelt: War der Geschäftsmann früher als solcher zu identifizieren, tarnt er sich heute in Tracht mit Lederhosn. Krawatte und Anzug sind die Ausnahme. Auf dem Heimweg verwandelt sich der Geschäftsmann wieder in sein wahres Ich. Seiner Ehefrau berichtet er von dem "anstrengenden Geschäftstermin", an dessen Details er sich irgendwie nicht erinnern kann.

Der Zuagroaste - Seine Jugend verbrachte er im deutschen Ausland, nun lebt der Zuagroaste in Bayern und blüht auf der Wiesn vollends auf. Lässig gibt er alle zwei Minuten ein gedehntes "jo mei . . ." von sich. Jemand sagt "Maaaß" statt "Maß" und "Hähnchen" statt "Hendl"? Da kann der Zuagroaste nur verschämt grinsen. Als ausgewiesener Experte der Wiesn (bitte niemals Oktoberfest) kennt er sämtliche Tricks. Zum Beispiel, dass man mit einem 50-Euro-Schein das Herz der Security erwärmt. So kommt er schnell ins Bierzelt.

Der Zuagroaste trägt gern Tracht. Die darf billig sein, denn Understatement siegt. Dass es inzwischen in aller Welt eine Wiesn gibt, hält er für einen unnötigen Kulturexport.

Der Italiener - Gemeinhin als Zuspätkommer bekannt, schafft es der Italiener jedes Jahr pünktlich am zweiten Wochenende auf die Wiesn. Er und seine Landsleute pilgern in zehntausenden Wohnmobilen über den Brenner. "Oktoberfest, amore mio!" Dabei ist er sich gar nicht bewusst, wie gezielt sich München auf diese Invasion vorbereitet: Die Verkehrsnachrichten werden auf Italienisch durchgesagt und die Polizei rüstet mit Kollegen aus Südtirol auf. "Beh, i tedeschi sono sempre ben organizzati . . ."

Im Lauf des Wochenendes schüttelt der Italiener sein Image als Weintrinker ab und entledigt sich so eines zweiten Klischees. Er überflutet das Bierzelt mit überschwänglichem Italo-Charme. Ob und wie schlimm das ist, können nur die Wiesn-Kellnerinnen selbst sagen.

Der Halbwüchsige - Weil er noch nicht ins Bierzelt darf, zieht der Halbwüchsige auf dem Rummel seine Kreise. Dabei ist er stets von einem Rudel Gleichaltriger umgeben. Er macht bei jedem, wirklich jedem waghalsigen Fahrgeschäft mit. Das (unausgesprochene) Motto: "Wer zuerst kotzt, hat verloren." Um diesen Effekt zu beschleunigen, schaufelt er unablässig gebrannte Mandeln in sich hinein.

Die coolsten Selfies postet der Halbwüchsige sofort. Über "Whats App" tauscht er sich mit seinen 627 Freunden in Echtzeit aus. So erfährt jeder, was die "Bros" gerade machen und wie "shit" die Preise sind. "Yala yala, Digga!" Am nächsten Morgen muss der Halbwüchsige schon wieder in die Schule. Aber das ist ihm "wayne".

Der Hund - Was Herrchen hat, darf Hundchen nicht fehlen. Deshalb trägt der Vierbeiner immer öfter Schürze und Schleife. Dabei erlaubt es die Festordnung gar nicht, Tiere aufs Oktoberfest mitzunehmen. Macht aber nix. Schließlich kann Frauchen ihren ganzen Stolz auch außerhalb präsentieren. Wenns perfekt sitzt, wurde die Tracht maßgeschneidert. Dafür lässt Herrchen gern 60 Euro oder mehr springen.

Tierschützer würden den Hund lieber in natura sehen, weil die Bekleidung seine Bewegungsfreiheit einschränkt. Und was sagt Bello selbst dazu? Nun, er hofft, dass der Trend auf die Wiesn-Zeit beschränkt bleibt und nicht auf Weihnachten und Ostern überspringt.

So viel kostet das Vergnügen

Bier Die Maß übersteigt dieses Jahr zum ersten Mal die 10er-Marke und kostet zwischen 9,70 Euro und 10,10 Euro.

Alkoholfreies Der Liter Wasser kostet im Schnitt 7,71 Euro, Limo 8,51 Euro.

Fahrgeschäfte Deren Preise werden im Gegensatz zum Bier nicht offiziell erfasst - erreichen aber auch die 10-Euro-Grenze.

Hendl Für ein halbes Hähnchen zahlt man in den Festzelten rund 10 Euro.

Eintritt Das Festgelände an sich ist frei; nur der historische Bereich, die "Oide Wiesn", kostet 3 Euro.

Im Schnitt Ein Besucher gibt auf dem Oktoberfest im Schnitt 68 Euro am Tag aus.

DPA/ MÜNCHEN.DE

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