Longyearbyen Der Bierbrauer am Ende der Welt

Longyearbyen / Dirk Hülser 05.01.2018
Robert Johansen lebt schon seit fast 30 Jahren in der Nähe des Nordpols. Die Kälte und die lange Dunkelheit sind nicht immer leicht zu ertragen. Was den 59-Jährigen nicht daran gehindert hat, ein erfolgreicher Bierbrauer zu werden.

Schuhe. Überall Schuhe. Der eisige Wind pfeift über Bergstiefel, Sneaker und  fellgefütterte Treter, feiner Pulverschnee wirbelt auf die Holzterrasse, die notdürftig von einem schmalen Dach geschützt wird. Die Schuhe bleiben draußen in diesen Breitengraden, so will es die Tradition, und praktisch ist es auch. Denn aufwischen mag den Matsch niemand. Drinnen in dem roten Holzhaus ist es warm, laut, gemütlich. Eine Kneipe ohne Namen, die nördlichste der Welt, kurz vor dem Nordpol in Ny-Ålesund.

Die Forscher-Enklave auf Spitzbergen ist die nördlichste menschliche Siedlung der Welt, alles hier ist das nördlichste. Die nördlichste Theke, das nördlichste Schlagzeug, das nördlichste Haus, der nördlichste Norden. Und das nördlichste Bier.

Eigentlich wird in Ny-Ålesund geforscht, getrunken nur manchmal, der Thekendienst wird abwechselnd übernommen. Aus aller Herren Länder  kommen die Polarforscher, Glaziologen, Geologen, Meeresbiologen, Meteorologen und Abenteurer, die sich hier auf ein, zwei oder drei Drinks treffen – an den Füßen nur dicke Socken.

Im Sommer wohnen hier 180 Menschen, im Winter, in der nur von tanzenden Nordlichtern erhellten Dunkelheit der Polarnacht, gerade einmal 30. Ihre Forschungsstationen, die von zehn Ländern aus aller Welt betrieben werden, liegen geschützt im Kongsfjord im Oscar-II-Land. Gegenüber thronen die majestätischen, mehr als 1000 Meter hohen Tre Kroner (Drei Kronen). Wenige Meter hinter der Kneipe steht der rostige Ankerturm, an dem Roald Amundsen sein Luftschiff Norge befestigte, bevor er im Jahr 1926 mit Umberto Nobile und Lincoln Ellsworth als erster Mensch erfolgreich zum rund 1000 Kilometer entfernten Nordpol aufbrach.

„Ein Svalbard Pale Ale bitte.“ Die junge Frau hinter der Theke zuckt bedauernd mit den Schultern. „Svalbard ist aus. Carlsberg?“

Einige Tage später, in Longyearbyen, dem Dorf, das sich Hauptstadt von Spitzbergen nennt, rund 100 Kilometer südlich von Ny-Ålesund. Robert Johansen schüttelt den Kopf. „Wie? Mein Bier ist aus? Na ja, ich fliege die Tage eh nach Grönland, dann geh ich da mal runter und bringe ein paar Paletten vorbei.“

Er hat es wirklich getan. Johansen ist Pilot, ehemaliger Bergarbeiter, hat insgesamt 28 Jahre auf Spitzbergen verbracht und ist – natürlich – der nördlichste Bierbrauer der Welt. 16 Prozent Gletscherwasser machen seinen Gerstensaft weltweit einzigartig. Doch bis es soweit war, hat der 59-Jährige lange gekämpft. Denn auf Spitzbergen war es verboten, Bier zu brauen. Fünfeinhalb Jahre lang ist der Sturkopf aus Longyearbyen Behörden und Politikern im mehr als 2000 Kilometer entfernten Oslo auf die Nerven gegangen. Er hat jeden Monat in der norwegischen Hauptstadt angerufen, bis ein Gesetz aus dem Jahr 1928 geändert wurde. Am 1. Juli 2014 wurde der Traum des Robert Johansen wahr: Er durfte endlich brauen und gründete seine eigene Brauerei auf Spitzbergen, die Svalbard Bryggeri.

Johansen steht am Pier von Longyearbyen in der Dunkelheit, es ist nachmittags um vier. Der Wind schmettert das Salzwasser im Adventfjord an die Mole, er zerrt an dicken Seilen, mit denen die Boote festgemacht sind, reißt alles mit, was nicht niet- und nagelfest ist. Für arktische Verhältnisse ist es warm, fünf Grad unter Null, doch im Sturm verursacht auch dieses Wetter binnen Minuten Erfrierungen. Gefühlt sind es jetzt minus 35 Grad. Die wärmende Sonne wird vor Mitte März nicht zu sehen sein. Zwei Tage zuvor ist ein Hubschrauber mit Polarforschern wenige Kilometer entfernt in den Isfjord gestürzt, acht Menschen starben. Mutmaßliche Absturzursache: vereiste Technik.

„Die Polarnacht ist für mich die schlimmste Zeit“, sagt Johansen. Der 59-Jährige wohnt weit draußen am Ende der Straße, im Bjørndalen, dem Bärental, wildromantisch mit seiner Familie in einem Holzhaus in einer spektakulären Bucht am Isfjord, dem Eisfjord. „Nach 28 Jahren ist da nichts mehr mit Romantik, Kerzen und Wein und dem ganzen Quatsch“, sagt er. „Es ist anders als in den skandinavischen Ländern“, meint er. „Ganz anders. Denn wir haben drei Monate komplette Dunkelheit.“ Hinzu kommen die vielen Wochen, in denen es nur dämmert, es die Sonne aber nicht über den Horizont schafft.

Die allerletzten Ausläufer des Golfstroms sorgen dafür, dass auf Spitzbergen kurz vor dem 80. Breitengrad ein Klima herrscht, in dem Menschen irgendwie überleben können. „Die Leute sind dann viel zu Hause“, erzählt Johansen. Doch die „Dark Season“, wie die Einheimischen die dunkle Jahreszeit nennen, hat auch Vorteile, berichtet er: „Es ist sehr einfach, hier oben mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.“ Jedermanns Sache ist das allerdings nicht. Die Kälte. Die Dunkelheit. Der fast schon überlebensnotwendige Kontakt zu den wenigen Mitbewohnern des Archipels. „Du magst es, oder du magst es nicht“, sagt Johansen. Dazwischen gibt es nichts.

Wenn im Dezember oder Januar – aufgrund des Klimawandels jedes Jahr später – das Packeis und der Schnee da sind, kommen auch die Eisbären über den Isfjord ins Bjørndalen. Robert Johansen kann sie dann zuhause durch sein Fenster beobachten. „Wenn das Eis da ist, siehst du auch fast zu 100 Prozent Eisbären“, erzählt er. Angst hat er nicht: „Zum Haus kommen sie nicht. Denn wo Eis ist, sind auch Robben.“ Und die schmecken den Bären besser als die Menschen. Sie liefern auch deutlich mehr Kalorien. Und die sind überlebensnotwendig im arktischen Winter.

Robert Johansen braucht genau zwei Nutzpflanzen: Gerste und Hopfen. Die wachsen im Eis natürlich nicht, er lässt sie sich bringen, den Hopfen aus Tettnang in Baden-Württemberg. Doch bis es soweit war, verbrachte er viel Zeit im Cockpit kleiner Propellerflieger.

Im Hangar von „Lufttransport AS“ begrüßt der Pilot einen Mechaniker und öffnet die Tür der rund 15 Meter langen Dornier Do-228. Johansen kramt Papiere aus dem kleinen Cockpit und erzählt, dass er bis zum Jahresende 2016 Chef der nördlichsten Basis der kleinen Fluggesellschaft war. Wegen seiner Brauerei ist er dann kürzer getreten, fliegt jetzt nur noch als regulärer Pilot zwischen der Barentssee und Grönland, dem Packeis beim Nordpol und Spitzbergen. Charter- und Linienflüge, Rettungseinsätze und Suchexpeditionen gehören zum Alltag der verwegenen Piloten dieser Airline.

Hopfen aus Tettnang

Nach Longyearbyen kam Robert Johansen als 24-Jähriger im Jahr 1982. Er verließ seine Heimat in Tromsø und suchte sein Glück als Bergmann im Kohleabbau. Vor 35 Jahren gab es noch keine Touristen auf Spitzbergen, keine Universität, kein Museum, der Flughafen war erst wenige Jahre zuvor eröffnet worden. „Es war sehr harte Arbeit“, erinnert er sich. 60 bis 70 Zentimeter waren die Stollen hoch, in denen die Kumpel im Liegen ihrem harten und staubigen Job nachgingen. „Wir waren zehn Neue, die gleichzeitig angefangen haben. Nach einem halben Jahr waren acht wieder weg.“ Johansen blieb, zwölf Jahre lang.

Er hat in Grube drei gearbeitet, oben am Berg, über dem Flughafen. Heute tummeln sich dort Touristen bei Führungen, beim „Dark Season Blues Festival“ spielen Musiker aus aller Welt im alten Bergwerk. Die Bergbautradition in Longyearbyen jedoch geht dem Ende entgegen. Mit Ausnahme von Grube sieben sind alle Schächte geschlossen, statt hunderter Kumpel gibt es gerade noch ein Dutzend.

Die sorgen heute dafür, dass es in der vom Amerikaner John Munroe Longyear 1906 gegründeten Bergarbeitersiedlung Strom, Fernwärme und warmes Wasser gibt. In Longyearbyen steht das einzige Kohlekraftwerk Norwegens, ansonsten setzt das Land auf Wasserkraft. Vor wenigen Wochen hat die norwegische Regierung beschlossen, einige Minen auf Spitzbergen, die noch betriebsbereit waren, endgültig stillzulegen.

„Unwirtschaftlich und ohne Zukunft“, lautet die Begründung. 500 Menschen gingen in Longyearbyen auf die Straße und demonstrierten, eine eigens aus Oslo angereiste Ministerin verteidigte die Entscheidung.

Nach zwölf Jahren hatte auch Johansen genug von der Arbeit als Kumpel. Er verließ die Arktis und gründete nördlich des Polarkreises auf der wilden Inselgruppe der Lofoten eine Fluggesellschaft, transportierte Güter und Menschen mit Wasserflugzeugen zwischen den Inseln und dem Festland hin und her.

„Arctic Bug“ nennen die Bewohner der Arktis das arktische Virus, das die meisten Leute befällt, die einmal in dieser unwirtlichen und unberührten Gegend waren – und dann ein Leben lang nicht mehr von ihr lassen können. Auch Robert Johansen war infiziert. Sieben Jahre blieb er auf den Lofoten, dann kam er zurück nach Longyearbyen und übernahm die Leitung der Basis von Lufttransport AS. Bis er seine Leidenschaft für das Bierbrauen entdeckte.

Und nun löst er vielleicht auch noch die Energieprobleme des Archipels. Die Kohle reicht nicht mehr, zur Warmwasseraufbereitung werden mittlerweile auch Dieselgeneratoren eingesetzt. Da kam dem Tüftler eine Idee: Warum den Treber, der beim Brauen übrigbleibt, nicht verbrennen und so Strom erzeugen? Die ausgekochten Getreidereste wandern in den Müll, sind aber eigentlich ein guter Brennstoff. So plante er eine weltweit einzigartige Anlage, im November kam das Okay von der Verwaltung: Die in Österreich im Versuchsbetrieb gemessenen Abgaswerte sind in Ordnung, er darf bauen, bekommt sogar 60 Prozent der anvisierten 500 000 Euro Baukosten als Zuschuss. Denn Longyearbyen kann dann seinen überschüssigen Strom abnehmen, den bekommt er auch noch bezahlt. Stand jetzt wird er vier Mal so viel produzieren, wie er selbst verbraucht. Die Dieselgeneratoren in der kleinen Stadt werden dann überflüssig.

Treber verbrennen und Strom erzeugen: Brauereien aus der ganzen Welt haben bereits Interesse an der Anlage angemeldet. Wenn sie fertig ist, werden sich Besucher die Klinke in die Hand geben.

Irgendwie ist das kleine Bier-Projekt mittlerweile ziemlich groß geworden. Eine der beiden größten Brauereien Norwegens, Mack aus Tromsø, hat ein Auge auf den kleinen Konkurrenten geworfen, der ihr den Titel „Nördlichste Brauerei der Welt“ abspenstig gemacht hat. Johansen ist es recht: 150.000 Liter hat er 2017 gebraut, ein bisschen mehr darf’s schon sein. Mack hat nun 25 Prozent der Svalbard Bryggeri gekauft, das Bier wird bald überall in Norwegen vertrieben. „Und dann gehen wir nach Italien und Frankreich“, sagt der Brauer, der seine selbst abgefüllten Dosen auch mal eigenhändig in Richtung Nordpol fliegt.

Und in einem Jahr, so hofft Johansen, gibt’s sein Pilsner, Pale Ale und Weißbier auch im Land des Reinheitsgebots: „Wir schauen nach Deutschland“, verspricht er. Sein erstes Bier hat der Brauer am 7. August 2015 ausgeschenkt. Im „Coal Miners’ Cabin“, einem Gästehaus im alten Stadtteil Nybyen, wo früher die Bergarbeiter gewohnt haben und heute Touristen und Abenteurer preiswert übernachten können. „Genau dort“, erzählt Robert Johansen, „wo wir Kumpel früher alle immer gemeinsam gegessen haben.“ Und lacht dabei. „Wenn die mich heute sehen könnten.“

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Samen im Frost

Es gibt rund 150.000 Sorten Reis und ebenso viele verschiedene Weizensorten. Angebaut werden nur noch eine Handvoll davon - doch im Global Seed Vault sind Samen von allen zu finden: 130 Meter tief im Berg im Permafrost auf Spitzbergen lagern die Proben bei minus 18 Grad in der größten Samenbank der Welt, viele sagen, es sei die Arche Noah der Menschheit.

Die norwegischen Behörden nennen das 2008 eingeweihte Bauwerk mit der markanten Eingangspforte profaner „weltweiten Saatgut-Tresor“. Bis zu 2,5 Milliarden Samen können hier Platz finden, derzeit sind es rund 500 Millionen, knapp eine Million Proben mit jeweils 500 Samen. Rund 220 Länder lagern hier Saatgut - mehr als die UNO oder die Fifa Mitglieder haben. Darunter Nordkorea, aber auch untergegangene Staaten wie die DDR und Jugoslawien, deren Saatgut stammt wiederum aus anderen Samenbanken, die ihre unwiederbringlichen Schätze nach Longyearbyen gebracht haben. Doch auch dem Global Seed Vault macht der Klimawandel zu schaffen: Es gab bereits Wassereinbrüche im Permafrost, das Bauwerk musste nachgebessert werden. Und es wurde auch schon konkrete Hilfe geleistet: Samenproben gingen zurück ins zerstörte Aleppo nach Syrien. Um den Menschen vor Ort wieder eine Zukunft zu geben. Die Arche Noah erfüllt ihren Zweck.

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