Bloß nichts essen, was Augen hat

Gemüse essen aus Tierliebe ist heute nichts Besonderes mehr.
Gemüse essen aus Tierliebe ist heute nichts Besonderes mehr. © Foto: Fotolia
GERLINDE BUCK 16.04.2014
Klar soll man Tiere anständig behandeln. Die Liebe zu bestimmten Tieren kann allerdings durchaus bizarre Formen annehmen. Sei es, dass es wegen einer geschlachteten Giraffe zu einem regelrechten Volksaufstand kommt, sei es, dass in manchen Beziehungen die Katze mehr zählt als der Partner.

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Zum Beispiel macht es einen Riesenunterschied, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, ob ein tapsiges Eisbärenbaby im Bremerhavener Zoo zum ersten Mal im Leben ein paar Fleischbröckchen frühstückt, oder ob ein ausgewachsener Löwe vor aller Augen eine frisch geschlachtete Giraffe frisst. Während so eine Eisbärchen-Mahlzeit allenfalls Entzückensschreie auslöst, führt eine Giraffen-Verfütterung wie vor kurzem in einem Kopenhagener Zoo schon mal zu einem kleinen Volksaufstand. Manche beschimpften den Zoo-Direktor als Mörder, andere bedrohten ihn.

Extrem tierliebe Menschen sind eben nicht zwangsläufig auch tierisch gute Menschen. Zumal gerade extrem tierliebe Menschen nicht vor einem engen Blickwinkel gefeit sind. Löwe frisst Rind – okay, Löwe frisst Giraffe – schrecklich. Aber wo, bitte, ist der Unterschied? Aus der Sicht von Vegetariern und Veganern wiederum würde sich der ideale Löwe natürlich ausschließlich von Sojawürstchen ernähren. Ist es doch in jedem Fall verwerflich, etwas zu essen, „das Augen hat“.

Klar muss kein Mensch täglich zwei Pfund Billighack aus Massentierhaltung in sich hineinschaufeln. Ob es sündhaft ist, alle 14 Tage ein kleines Bio-Steak zu verzehren, darf hingegen bezweifelt werden, auch wenn manche Hardcore-Tierfreunde eben dies unterstellen und darüber hinaus jeglichen Verbrauch tierischer Produkte geißeln. Als ob es beispielsweise so viel edler wäre, statt in Lederpumps in „veganen Sneakern“ herumzulaufen. Unter welchen Bedingungen viele dieser Schuhe hergestellt werden, malt man sich besser nicht aus. Warum auch. Warum sollte man sich für ausgebeutete Arbeiterinnen im fernen Asien interessieren, wenn man jetzt und hier seine moralische Überlegenheit als Ultra-Tierfreund zelebrieren kann?

Freilich ist nicht jeder extreme Tierfreund von missionarischem Eifer getrieben. Eher zur Kategorie „Tierfreund, der in erster Linie an sich selbst denkt“, gehören jene, die ihr Haustier als Prestigeobjekt missbrauchen, es mit Perlen behängen und mit Lachspralinen mästen. Wegen der Dickmöpse übrigens schlägt der Deutsche Tierschutzbund bereits Alarm: Immer mehr Hunde und Katzen müssten dringend abspecken. Die Chance, dass der Appell des Tierschutzbunds zumindest gehört wird, ist groß. Immerhin 800 000 Mitglieder hat der Verband. Der Deutsche Kinderschutzbund gerade einmal 50 000.

Ihre Tiere sind für viele Menschen ganz offenkundig ihre Abgötter. Nicht nur für einsame Leute, im Gegenteil. „An erster Stelle kommt ihr Pferd, dann lange nichts“, klagt ein vernachlässigter Ehemann im Internet über seine Frau. Tatsächlich wird „Eifersucht aufs Haustier“ in einschlägigen Foren immer mehr zum Thema. Psychologin Karin Krause aus Frankfurt kennt Fälle, in denen die Katze nicht mal dann das Bett verlassen musste, wenn ein Paar Sex hatte. „Die sitzt daneben und schaut zu.“

Wer da schlimmer dran ist, der Mann, der sich von der Katze „bewertet“ fühlt, oder die Katze, der nichts Menschliches mehr fremd bleiben darf, sei einmal dahingestellt.

Arme Schweine finden sich jedenfalls nicht nur bei Schlachtvieh. Der Luxus-Chihuahua im Puppenwagen ist in Wirklichkeit ein armer Hund. Und die Arbeitsbiene in der Mandelplantage eine Sklavin. Das zeigt die Doku „More than Honey“: Zwecks Bestäubung der Mandelbäume in Kalifornien werden Bienenvölker Tausende von Kilometern transportiert. Zahllose Tiere kommen dabei um. Vom tödlichen Stress, ausschließlich Mandelblüten bestäuben zu müssen, ganz zu schweigen. In China setzt man längst auf andere Methoden: Mandelblüten werden dort mancherorts in Handarbeit bestäubt. Also von Menschen. Auf dass Tierfreunde in anderen Teilen der Welt besten Gewissens vegane Mandelkekse mümmeln können. Oder an ihre schicke Tibetdogge verfüttern.