Künzelsau Tod eines Buben: Trauer und Rätselraten

Absperrband der Polizei hängt vor dem mutmaßlichen Tatort. Der Junge hatte hier bei einer Bekannten übernachtet. Als die Eltern ihn abholen wollen, fanden sie ihren toten Sohn.
Absperrband der Polizei hängt vor dem mutmaßlichen Tatort. Der Junge hatte hier bei einer Bekannten übernachtet. Als die Eltern ihn abholen wollen, fanden sie ihren toten Sohn. © Foto: Hans Georg Frank
Künzelsau / Hans Georg Frank 01.05.2018
Im Fall des toten Siebenjährigen in Künzelsau sitzt eine Tatverdächtige wegen Verdachts des Totschlags in Untersuchungshaft. Erklären kann sich das Verbrechen niemand.

Der gewaltsame Tod eines kleinen Buben ist in Künzelsau ein unlösbares Rätsel. Bei allem Entsetzen über das Verbrechen an dem siebenjährigen Buben versuchen viele der rund 15.000 Einwohner eine Erklärung für die Tat zu finden. Aber selbst in der unmittelbaren Nachbarschaft gibt es keine Antwort, warum eine 69-jährige Frau ein ihr anvertrautes Kind getötet haben soll. Gegen sie war am Sonntag Haftbefehl erlassen worden, seither sitzt sie in Untersuchungshaft.

In einer Vernehmung habe sie sich gegenüber der Polizei eingelassen, teilte die Staatsanwaltschaft ohne weitere Informationen über ein eventuelles Geständnis mit. „Diese Angaben sowie auch die Erkenntnisse aus dem vorläufigen Obduktionsergebnis werden nun in die weiteren Ermittlungen einfließen“, heißt in der eher knappen Mitteilung. Gerichtsmediziner hätten bei der Obduktion herausgefunden, „dass Gewalteinwirkung gegen den Hals des Jungen todesursächlich war“. Der Vater hat offenbar seinen leblosen Sohn in einer Badewanne gefunden. Der Junge sei jedoch „nicht ertrunken“, gaben die Ermittler bekannt. Die Tatverdächtige, die sich einen Anwalt genommen habe, schweige zu den Vorwürfen. Weitere Auskünfte sind von der Staatsanwaltschaft in Schwäbisch Hall nicht zu erhalten: „Das ist der aktuelle Stand, dem ist vor dem Feiertag nichts hinzuzufügen.“

Das Kind hatte die Nacht von Freitag auf Samstag bei der Frau verbracht, mit der die Familie ein freundschaftliches Verhältnis pflegen soll, wie zu hören ist. Als die Eltern den Jungen am Vormittag abholen wollten, war das Haus verschlossen, die Bewohnern verschwunden. Mit Hilfe eines Nachbarn, der offenbar einen zweiten Schlüssel besaß, konnte die Tür geöffnet werden. Die alarmierte Polizei suchte mit einem Großaufgebot nach der Hausbesitzerin. Gegen 21.30 Uhr wurde sie nach einem Zeugenhinweis aufgespürt.

„Das war bestimmt ein Unfall“

Die 69-Jährige wird von Nachbarn als „freundlich, hilfsbereit, immer nett, eher unauffällig“ beschrieben. Vor wenigen Tagen habe sie die Treppe vor dem Haus mit dem Dampfstrahler gereinigt, „alles piccobello“. Jetzt ist der Zugang von rotweißem Flatterband der Polizei versperrt. „Niemand würde ihr eine solche Tat zutrauen“, meint ein Mann, der gegenüber wohnt. Er hat mehrfach beobachtet, wie der Junge bei ihr abgegeben und „stets freundschaftlich aufgenommen“ worden sei. Die Betreuung habe sie „bestimmt aus Nächstenliebe übernommen, nicht wegen des Geldes“. Dass sie nun eines Verbrechens beschuldigt wird, sei völlig unvorstellbar: „Das war bestimmt ein Unfall.“

Selbst als ein Großaufgebot der Polizei in der Gaisbacher Straße, wenige Schritte vom Friedhof entfernt, anrückte, mochte eine Nachbarin nicht glauben, dass in dieser ruhigen Gegend ein Mensch gewaltsam zu Tode gekommen sein soll. Als Experten der Spurensicherung in ihren weißen Overalls das weiß angestrichene Einfamilienhaus betreten haben, dachte die Beobachterin an den Einsatz von Schädlingsbekämpfern.

Bestürzung in Künzelsau

„Über den Tod des siebenjährigen Jungen aus Künzelsau sind wir zutiefst bestürzt“, erklärte Bürgermeister Stefan Neumann. Die Kreisstadt, Verwaltungszentrum des kleinesten Landkreises in Baden-Württemberg, bereitet sich schon seit geraumer Zeit auf den Ausflug ihres Ehrenbürgers Alexander Gerst ins Weltall vor. Alle fiebern mit dem sympathischen Astronauten vor seinem Start zur Internationalen Raumstation ISS. Die Nachricht über einen Totschlag an einem wehrlosen Kind hat die Vorfreude jäh gestoppt.

Die Tatverdächtige ist seit 2009 verwitwet, ihr Mann arbeitete seit 1958 im Dienst des Landes, zuletzt beim Regierungspräsidium Stuttgart. Der Sohn ist ein erfolgreicher Fotograf. Der Name der Familie steht für gutbürgerliche Seriosität. Die jetzt verhaftete Frau lebte allein in dem gepflegten Häuschen. Sie soll sich seit fünf Jahren um den Jungen gekümmert haben, der seit dem Wochenende tot ist. Auf einer Mauer erinnern ein paar Blumen und ein ewiges Licht an ihn.