Gesellschaft  Bankkunden lassen alten Mann am Boden liegen

Essen / dpa 31.10.2016

Vier Kunden einer Essener Bank werden demnächst wohl wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt. Das kann mit einem Jahr Gefängnis bestraft werden. Sie hatten einen Mann ignoriert, der vor den Geldautomaten zusammengebrochen war. Weil die vier Leute Geldgeschäfte getätigt haben und gefilmt wurden, sieht die Polizei kein Problem darin, sie ausfindig zu machen.

3. Oktober, eine Bankfiliale in Essen-Borbeck. Im Vorraum mit den Geldautomaten liegt ein 82 Jahre alter Mann. Die Überwachungskamera hält fest, dass nacheinander vier Männer und Frauen hereinkommen, um ihn herum oder über ihn hinweg gehen und ihre Geldgeschäfte erledigen. Erst der fünfte Kunde setzt einen Notruf ab. Später stirbt der Rentner im Krankenhaus.

„Wie abgestumpft muss man sein, um hier nicht zu reagieren?“, schimpft jemand auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. „Jeder hat schließlich ein Handy!“ Ein anderer schreibt: „Es hätte euer Vater oder Opa sein können.“ Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck: „Ich glaube ganz fest, dass ohne echte Barmherzigkeit keine Gesellschaft letztlich existieren kann.“

Kein Einzelfall

Rainer Wendt, der Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, sagt: „Natürlich kommt man im ersten Moment auf die Idee, das ist ein Einzelfall. Aber wenn, dann wären es ja schon mehrere Einzelfälle.“ Denn da seien ja vier vorbeigegangen.

Wendt sieht einen „kollektiven Empathieverlust in der Bevölkerung“. Egoismus gehöre zum Zeitgeist. „Und ehrlich gesagt: Ich habe kein Rezept dafür, wie man das stoppen kann.“ Eltern vermittelten immer weniger Werte, und Kindertagesstätten und Schulen holten das nicht nach.

Der Berliner Psychologe Peter Walschburger sagt, der Mensch sei von der Evolution her zwar als soziales, hilfsbereites Wesen angelegt. Das gelte aber in erster Linie in Bezug auf Menschen, die man gut kenne. „Unser heutiges Leben, vor allem in der Stadt, läuft aber unter völlig anderen Bedingungen ab. Da macht jeder sein Ding.“ Seine Empfehlung: „Wir brauchen sozusagen eine Verdörflichung der Stadt. Nachbarschaftshilfe statt Großstadt-Anonymität.“ dpa