Brückeneinsturz Genua: Regierungschef ruft Ausnahmezustand aus

Rom / AFP/DPA/swp 15.08.2018
In Genua sind beim Einsturz einer Autobahnbrücke mindestens 42 Menschen gestorben. Es werden immer noch Menschen vermisst.

Nach dem Brückeneinsturz von Genua mit rund 40 Toten werden noch viele Menschen vermisst - und die Schuldzuweisungen gehen weiter. Mitglieder der neuen populistischen Regierung machten am Mittwoch den privaten Betreiber der Autobahn für das Unglück verantwortlich. Die Vize-Regierungschefs Luigi Di Maio und Matteo Salvini zeigten mit dem Finger in Richtung früherer Regierungen und der EU. Die EU-Kommission wies die Kritik zurück.

Italiens Regierungschef Giuseppe Conte rief in der Stadt den Notstand aus. Der Ausnahmezustand solle für zwölf Monate gelten, sagte Conte nach einem außerordentlichen Treffen des Ministerrats in der Hafenstadt. «Wir wollten diesem Treffen einem symbolischen Wert geben.» Die Regierung stellte fünf Millionen Euro Nothilfe bereit.

Suche nach Überlebenden

Auch in der Nacht sollten die Rettungsarbeiten weitergehen. «Wir werden nicht aufhören zu suchen», sagte D'Angelo. Zuvor hatte Innenminister Matteo Salvini von 30 bestätigten Toten und Verletzten in ernster Verfassung gesprochen. Elf Überlebende seien aus den Trümmern geborgen worden, hatte Bürgermeister Marco Bucci dem Fernsehsender SkyTG24 gesagt.

Die Morandi-Brücke auf der Autobahn A10, der berühmten Urlaubsverbindung „Autostrada dei Fiori“, stürzte in mehr als 40 Metern Höhe auf einem zwischen 100 und 200 Meter langen Stück ein. Nach Berichten von Zeugen wurden Autos in die Tiefe gerissen, Lastwagen landeten im Fluss Polcevera. Zahlreiche Fahrzeuge wurden unter herabfallenden Trümmern begraben. Unter den Toten soll auch ein Kind sein. Der Polcevera-Viadukt, im Volksmund nach dem Architekten Riccardo Morandi auch Ponte Morandi genannt, überquert unter anderem Gleisanlagen und ein Gewerbegebiet im Westen von Genua.

Häuser großräumig evakuiert

Mehr als 300 Rettungskräfte waren laut Feuerwehr im Einsatz. In der Nähe der Brücke wurden nach dem Einsturz vorsichtshalber Gebäude evakuiert. Es bestehe das Risiko, dass weitere Teile des Bauwerks einbrechen, berichtete Ansa unter Berufung auf Rettungskräfte vor Ort. Drei Krankenhäuser in Genua wurden in Alarmbereitschaft versetzt.

Erste Fernsehbilder vom Unglücksort zeigten die hohe Brücke in Staubwolken. Laut Feuerwehr stürzten die Trümmer aus rund hundert Metern Höhe auf Bahngleise.

Großeinsatz der Rettungskräfte

Bei dem unter der Brücke liegenden Stadtteil handelt es sich offenbar um ein von Industrie und Gewerbe geprägtes Gebiet im Westen Genuas. Das Unglück ereignete sich gegen Mittag.

Die Tageszeitung „La Repubblica“ schrieb online, dass mehrere Autos in die Tiefe gestürzt sein könnten. Die Agentur Agi berichtete, die Feuerwehr berge „zahlreiche Personen“ aus Trümmern. Die A10 wurde gesperrt.

„Wir stehen in engem Kontakt mit den Autobahnbetreibern und werden mit Vizeminister Edoardo Rixi vor Ort sein“, erklärte Verkehrsminister Danilo Toninelli. Er sprach der Stadt Genua seine Anteilnahme aus.

Ursache weiterhin unklar

An der Brücke waren zum Zeitpunkt der Tragödie Bauarbeiten im Gange. Wie die Betreibergesellschaft Autostrade per Italia auf ihrer Homepage mitteilte, sei an der Sohle des Polvecera-Viadukts gerade gearbeitet worden. Auf der Brücke selber habe ein Baukran gestanden.

Der Zustand der Brücke sowie der Fortgang der Renovierung seien immer wieder kontrolliert worden. Erst wenn ein gesicherter Zugang zur Unfallstelle möglich sei, könne Näheres über die Ursachen des Einsturzes gesagt werden, teilte das Unternehmen weiter mit.

Die Autobahn A10 ist die berühmteste Urlaubsverbindung „Autostrada dei Fiori“ und unter anderem auch eine wichtige Verbindungsstraße nach Südfrankreich.

Die 1967 errichtete Brücke überspannte dutzende Bahngleise sowie ein Industriegebiet mit Gebäuden und Fabriken. Zum Unglückszeitpunkt wurden Wartungsarbeiten an der Brücke vorgenommen, überdies gab es ein Unwetter. Was genau die Unglücksursache war, ist jedoch noch unklar.

Innenminister Matteo Salvini machte am Dienstagabend die mangelnde Instandhaltung der Brücke für das Unglück verantwortlich. Die Verantwortlichen müssten für das Desaster bezahlen, „alles bezahlen, teuer bezahlen“, erklärte er.

Zahlen, Daten und Fakten zur Brücke

Der Polcevera-Viadukt, auch Ponte Morandi genannt, ist eine vierspurige Autobahnbrücke in der italienischen Hafenstadt Genua. Sie ist Teil der Autobahn 10 entlang der Riviera. Das 1967 eingeweihte Bauwerk aus Spannbeton führt über das Polcevera-Tal und überquert den gleichnamigen Fluss, Bahnanlagen sowie Wohn- und Gewerbegebiete.

Die vom italienischen Ingenieur Riccardo Morandi (1902-1989) entworfene elegante Schrägseilbrücke gilt als ein Meisterwerk der Architektur des 20. Jahrhunderts. Der etwa 1100 Meter lange Viadukt wird von 90 Meter hohen Pylonen - drei davon mit Schrägseilen - gestützt.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel