Der Ärger ist groß über den beliebten Nordtiroler Skiort Ischgl im Paznaun:  „Unser Problem heißt nicht Iran, es heißt Ischgl“, sagt der baden-württembergische Gesundheitsminister Manne  Lucha (Grüne). „Die Après-Ski-Partys in Tirol haben uns ein ganz großes Problem ins Land gebracht.“  Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht Kontakte von Urlaubern in Südtirol, Österreich und der Schweiz als Faktor zur  Ausbreitung des Coronavirus. Heimkehrer aus den Skigebieten sollen  zwei Wochen zu Hause zu bleiben. Nun werden schwere Vorwürfe laut: Wurden wirklich Lifte in Ischgl und anderswo in Tirol laufengelassen, wurde weiter gefeiert, während anderswo schon der Covid-19-Notstand ausgerufen wurde?

Betroffene waren in Ischgl beim Skifahren

Es war der Donnerstag, 12. März, abends um 21 Uhr, als das Landesgesundheitsamt positiv Getestete im Ostalbkreis meldete. Bei der Suche nach Infektionsketten und Kontakten stellte das Landratsamt in Aalen bald fest:  Betroffene waren am Wochenende zuvor in Ischgl beim Skifahren. Unabhängig voneinander, mit verschiedenen Reiseunternehmen. „Noch am Donnerstagabend um halb elf haben wir übers Internet alle, die auf den Skiausfahrten waren, dazu aufgerufen, sich beim Gesundheitsamt zu melden“, sagt Susanne Dietterle, Sprecherin des Ostalb-Landratsamtes.  Listen der Reisefirmen halfen beim Ermitteln der Teilnehmer. Skiurlauber, vor allem mit Symptomen, sollten sich testen lassen, mit ihren Angehörigen zu Hause bleiben und unnötige Kontakte vermeiden.

Ischgl/Ulm/Göppingen

Hunderte Urlauber in Isolation

Massenhaft Mails verunsicherter Urlauber gingen im Landratsamt ein, massenhaft Anrufe bei der Hotline.  Zwei Drive-in-Testzentren wurden eingerichtet. Die Zahl der bestätigten Covid-19-Fälle im Ostalbkreis verdoppelte sich allein von Montag auf Dienstag fast von 52 auf 96. Hunderte sind in behördlich verfügter Isolation.   Ärzte und Beschäftigte des Gesundheitsamts müssen Kontaktpersonen der Infizierten ermitteln, häusliche Isolation veranlassen, Telefonkontakt zu Erkrankten halten. Das binde massiv Kapazitäten.

Tirol wird zum Risikogebiet

Das Amt lag richtig mit seinem frühen Ischgl-Verdacht. Deutschland stufte Tirol am 13. März als Risikogebiet ein. Das galt für  Südtirol schon fünf Tage vorher: Am 8. März kam  die italienische Urlaubsregion auf die Liste der Risikogebiete. Island dagegen hatte schon am 5. März das Paznaun unter Verdacht. Auch Norwegen und Dänemark, so Recherchen des Nachrichtenportals t-online, führten einen Großteil ihrer frühen Ansteckungen auf Tirol-Urlauber zurück. Am 7. März wurde dann ein Mitarbeiter einer viel besuchten Bar in Ischgl positiv getestet. Ob die Behörden in Tirol zu spät reagiert haben, ob sie alles richtig gemacht haben, „das können wir natürlich nicht beurteilen“, sagt Dietterle.

Im „Kitzloch“ angesteckt

Die Tiroler Landesregierung weist Vorwürfe zurück, dass zu spät reagiert worden sei. Das Bundesland habe als erstes weitreichende Maßnahmen getroffen. „Als bekannt war, dass von der Ischgler Après-Ski-Bar eine Infektion ausgegangen war, wurde diese behördlich geschlossen“, sagt eine Sprecherin der Regierung. „Am nächsten Tag folgte die Schließung aller Lokale. Tirol  ist auch mit der Schließung der Universitäten und der Beendigung der Wintersaison vorausgegangen.“

Als am 7. März bekannt wurde, dass ein Barkeeper im „Kitzloch“, ein Deutscher (36), positiv getestet worden war, sei die Öffentlichkeit umgehend informiert worden. Der Betroffene sei isoliert worden, alle Mitarbeiter in Quarantäne gekommen. Die Gäste der Bar wurden aufgerufen, sich an die Hotline des Landes zu wenden. „Wichtiges Detail: Durch das Handeln der Gesundheitsbehörden konnte die Infektion des Barkeepers festgestellt werden“, so die Sprecherin.

„Kitzloch“-Barkeeper im Verdacht

Tirol hätten am 5. März erste Meldungen erreicht über 15 isländische Gäste, die in  ihrer Heimat positiv getestet wurden. Auch schon am 5. März erfuhren die Tiroler Behörden von der am Coronavirus erkrankten Person, die Ende Februar in einem Flieger von München nach Reykjavik  vom Skiurulaub aus Italien heimreiste. Schon am Tag danach habe man die Namen der 15 Isländer gehabt, deren Hotels  kontaktiert und beim Personal mit Symptomen Abstriche gemacht. Im Zuge dieser Ermittlungen sei auch der „Kitzloch“-Barkeeper untersucht worden. „Zu diesem Zeitpunkt hat es keinen einzigen Verdachtsfall in oder aus Ischgl gegeben.“ Vergangenen Freitag hat Tirol das Paznauntal mit Ischgl und Galtür unter Quarantäne gestellt, außerdem St. Anton am Arlberg. Diese Woche kamen weitere Orte hinzu, darunter auch Sölden.

Wie viele der inzwischen nachgewiesenen Covid-19-Fälle im Südwesten mit einem Aufenthalt in Tirol oder Südtirol in Verbindung stehen, kann das Landesgesundheitsamt in Stuttgart nicht sagen. „Nur in einigen Fällen, auf Grundlage der Meldedaten zu laborbestätigten Sars-CoV-2-Fällen, liegen Informationen zum möglichen Infektionsland vor, jedoch nicht zur konkreten Region“, so das LGA.  Für 265 Personen sei demnach das mögliche Infektionsland Österreich, für 230 Personen komme Italien in Betracht.

265


Infektionen mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg stammen nachweislich aus Österreich. Allerdings wird nur in einem Teil der Fälle die geographische Herkunft erfasst.