Frau Krewel, gibt es etwas Neues in diesem Wahlkampf?
MONA KREWEL: Ja. Wir erleben einen Trend zum Retro-Wahlkampf, wenn ich das so bezeichnen darf. Insbesondere die SPD und die Grünen setzen auf eine sehr starke Beteiligung durch die Mitglieder und betreiben das in den USA so verbreitete "Canvassing", also Haustürwahlkampf. Der ist in Deutschland vor allem in vormodernen Wahlkämpfen eingesetzt worden. In den 50er und 60er Jahren. Die SPD hat sich nun vorgenommen, fünf Millionen Hausbesuche zu absolvieren. Das ist zumindest das ehrgeizige Ziel ihrer Agentur.

Gewinnt man dadurch tatsächlich Wähler oder dient das eher der Mobilisierung der eigenen Mitglieder? KREWEL: Damit kann man durchaus Wähler gewinnen. Die meisten Menschen haben selten Gelegenheit direkt mit Politikern zu reden. Wenn da erst einmal ein Gespräch zustande kommt, dann lassen sich Wähler eher überzeugen, als durch die Wahlwerbung oder Medienberichterstattung. Wobei die Berichterstattung über den Haustürwahlkampf durchaus auch hilfreich sein kann. Denn die Wirkung der Besuche selbst bleibt schlichtweg durch ihre Zahl begrenzt.

Studien zeigen, dass Parteien ein Themen-Ranking haben: erstens der Wahlkampf selbst, zweitens die Wirtschaft, drittens Soziales. Gilt das wirklich für alle?
KREWEL: Zunächst einmal hat sich herausgestellt, dass die Parteien keineswegs so inhaltsleer daherkommen, wie ihnen unterstellt wird. In Wahlkampfzeiten wirkt das aber häufig so, weil die Parteien auf keinen Fall anecken wollen. Aber die Parteien sind keineswegs immer ununterscheidbarer geworden. Nur im Wahlkampf zählt tatsächlich erst einmal der Wahlkampf selbst. Im Durchschnitt aller Parteien geht es dann um Wirtschaftsthemen und danach kommt das Soziale. Aber jede Partei setzt auch ihre Akzente und bleibt bei ihren Kernkompetenzen. Linke und SPD stellen die Sozialpolitik in den Vordergrund und die FDP die Wirtschaft.

Am Berliner Hauptbahnhof wurde ein Riesenplakat angebracht, auf dem nur die zur Raute gefalteten Hände der Kanzlerin zu sehen sind. Genial oder eine Frechheit gegenüber den Wählern?
KREWEL: Da wurde die Kanzlerin so inszeniert, wie man sie kennt. Und im Konrad-Adenauer-Haus ist man schlau genug, alle Versuche, sich im Internet über die Raute lustig zu machen, mit einem wohlwollenden Lächeln zu begleiten. Die Aufmerksamkeit ist riesig. Das ist schon alles recht geschickt.

Wie wirkt Wahlkampfwerbung?
KREWEL: Grundsätzlich wirkt sie vor allem auf die Unentschlossenen. Die Stammwähler erreicht man fast gar nicht. Allerdings haben wir heute viel mehr ungebundene Wähler als früher. Sie machen fast die Hälfte der Wählerschaft aus. Insofern kann man sagen: Wahlkämpfe sind wichtiger geworden. Nur: Es ist sehr schwer, Kampagneneffekte nachzuweisen. Manche Studien finden Effekte, andere nicht. Einig ist sich die Wahlkampfforschung, dass es diese Effekte gibt, aber dass sie weder stark noch schwach sondern moderat sind.

Welche Wirkung hat die Medienberichterstattung?
KREWEL: Eine deutlich größere als die Wahlwerbung. Die Journalisten gelten gegenüber den Parteien als glaubwürdiger. Das ist ja auch logisch. Die Parteien werben für sich selbst, die Medien berichten mehr oder weniger vorurteilsfrei. Eine nicht zu unterschätzende Wirkung haben Großereignisse wie das TV-Duell, hier vor allem die Nachberichterstattung. Allerdings wissen wir, dass die Wirkung bis zum Wahltag oft schon wieder verpufft ist.

Wie wichtig ist die Werbung im Internet und in den sozialen Medien? Ich kenne keinen, der auch nur eine E-Mail von Parteien bekommen hat.
KREWEL: Oft werden diese E-Mails und SMS erst 48 oder 24 Stunden vor der Wahl verschickt. Ansonsten ist mein Eindruck, dass man sich in Deutschland von dem Obama-Effekt fürchterlich hat blenden lassen. Internet, Facebook und Twitter werden völlig überschätzt. Die Agentur der Grünen hat behauptet, die Wahlkämpfe können im Netz verloren werden. Früher hieß es, die Wahlkämpfe würden im Fernsehen entschieden. Die Agenturen haben natürlich ein kommerzielles Interesse daran, den Mythos Internet am Leben zu erhalten. Im Jahr 2009 - und das ist ja nur vier Jahre her - haben sich nur ganze 17 Prozent der Wähler im Internet über Politik informiert.

Weil ich im Internet selbst aktiv werden muss?
KREWEL: Ja. Man muss gezielt auf die Facebook-Seite einer Partei gehen und bekommt dann erst etwas von der Werbung mit. Das Internet dient eher der Mobilisierung der eigenen Parteimitglieder und Sympathisanten.

Ihre Einschätzung: Wer macht den wirkungsvollsten Wahlkampf?
KREWEL: Alle Bundestagsparteien sind sehr konsequent. Die CDU setzt auf Personalisierung, die SPD auf einen Mitmachwahlkampf, die Grünen auf das, was sie Wertewahlkampf nennen. Die Linke hat noch nicht so richtig in den Wahlkampf gefunden und die FDP hat ein Problem mit ihrer Regierungsarbeit. Also: Vor dem Hintergrund ihrer Ziele ist die CDU am erfolgreichsten. Alles voll auf Merkel und die SPD abschütteln, wenn sie mit Themen kommt - das funktioniert bis jetzt bestens. Auf Platz 2 sehe ich die Grünen. Die setzen auf gebildete, gut verdienende und postmaterialistische Wähler. Dann kommt schon die SPD, der es nun besser gelingt ihren Kandidaten mehr in den Hintergrund und ihre Themen stärker in den Vordergrund zu rücken. Und auf Platz 4 sehe ich die Linken und die FDP, wobei ich mich wundere, dass man von der FDP so wenig hört, obwohl es bei ihr durchaus ums Überleben geht.

Grundlagenforschung zu Politik und Europa