Nachtleben Auf einen Shot in die Altstadt von Rom

Von Bettina Gabbe 24.08.2018

Die Zeiten von Anita Ekbergs legendärem Bad im Trevi-Brunnen in Fellinis Kino-Klassiker „La dolce vita“ am Ende einer langen Nacht rund um die Via Veneto sind längst Vergangenheit. Das Glamour-Leben von Film-Stars und jenen, die sie wie Motten das Licht umkreisen, spielt seit dem Niedergang der italienischen Filmindustrie in den Studios von Cinecittà anderswo. Im Gegenzug hat sich das Nachtleben, das bis vor wenigen Jahren auf eine Handvoll Jazz-Clubs beschränkt war, stark belebt.

 Bis vor wenigen Jahren öffneten römische Restaurants abends nicht vor 20 Uhr und schlossen die Küche meist wieder um halb zehn. Bars machten vor dem Abendessen dicht. Mit der Einführung der Billig-Flieger und der Erasmus-Stipendien im Ausland haben viele Italiener aber die Vorzüge moderner Lokale entdeckt.

 Wie in anderen Touristenstädten auch meiden viele Römer die Altstadt, um sich in neuen Ausgehvierteln außerhalb des Zentrums zu treffen. Wer sich gern unter Menschenmassen mit vielen Touristen bewegt, trifft sich im Sommer in zahlreichen Budenrestaurants und Bars auf der Tiberinsel. Vermögende ausländischer Studenten der Universitäten Roms mischen sich in den Bars rund um den zentralen Campo de‘ Fiori im Herzen der Altstadt ab 23 Uhr für einen hochprozentigen „Shot“ unter die Touristen, um auf Touren zu kommen. Zwei Stunden später ist es Zeit für kreative Long Drinks mit Limettensaft, Zimt und anderen bunten Ideen.

 Römer, die tagsüber arbeiten müssen, treffen sich zum „Post Office“ genannten Aperitif in Gegenden, die um den Altstadtkern liegen. „Das wohlhabende Rom geht zum Ponte Milvio“, erzählt Lucia Minelli, die bei einem Energiekonzern arbeitet. An der Tiberbrücke im heute reichen Norden der Stadt begrüßten deutsche Künstler als Wahlrömer im 19. Jahrhundert Neuankömmlinge. Die Lokale rund um den Platz an der Brücke bieten ab halb acht einen Aperitif, aber erst gegen halb zehn wird es richtig voll.

Lucia trifft sich mit Kollegen in Clubs, man verabredet per Internet einen Treffpunkt. In einer auch vielen Römern unbekannten Seitenstraße nahe des künftigen Hauptbahnhofs Tiburtina mit seinen riesigen Glasfassaden plaudert sie im Monk über die Firma und das Privatleben. Auf dem weiträumigen Gelände serviert die Bar mit weithin duftenden Minze-Blättern versehene Drinks in Plastikgläsern.

 Neben isoliert liegenden Lokalen sind vor allem Bars und Restaurants in den einstigen Arbeitervierteln San Lorenzo und Pigneto im Osten Roms zu Zentren des Nachtlebens geworden. Unter die jungen Studenten aus  San Lorenzo in der Nähe der Universität sowie die Schauspieler, Künstler und Designer um die dreißig aus Pigneto mischen sich auch Ältere. „Es gibt keine Gegenden nur für jüngere oder ältere“, sagt Paolo Ottaviani (59), der bei einem Rüstungskonzern arbeitet und gern ausgeht: „Wo es laut ist, trifft man mehr junge Leute, wo man in Ruhe reden kann, sind eher die Älteren.“

 Im Pigneto-Viertel am östlichen Stadttor Porta Maggiore gibt es mittlerweile so viele Lokale, dass der Anfang der gleichnamigen Hauptstraße zur Fußgängerzone erklärt wurde. Hier versuchen junge Frauen, Passanten in die zahlreichen Lokale zu locken. Kenner verziehen sich eher in die Seitenstraßen. „Wer zu uns kommt, kommt nicht zufällig vorbei, sondern muss es wollen“, sagt Andrea Franciotti Il Tiaso.

Das Weinlokal hat draußen nicht mal ein Schild, einzig die warme Atmosphäre, die durch die Glasfassaden des Ecklokals leuchtet und die wenigen Tische auf dem Bürgersteig laden zum Verweilen ein. Neben ausgesuchter Jazz und Blues-Musik bietet Il Tiaso neben den Weinen des Hauses vegane und griechische Speisen von Nachbarlokalen.

Keine Konkurrenz sondern gelassenes Miteinander prägt die Atmosphäre in den Seitenstraßen des ehemaligen Arbeiterviertels, in dem Pier Paolo Pasolini einst Szenen für seine Filme über das damalige „Subproletariat“ drehte. In der Bar Necci aus seinem Erstlingsfilm „Accatone“ treffen sich heute nicht mehr gesellschaftliche Außenseiter der 60er Jahre, sondern ein bunt gemischtes Publikum beim Frühstück bis hin zum abendlichen Aperitif, zum Abendessen mit modernisierter italienischer Küche oder zum nächtlichen Absacker.

 An den Wochenenden zieht es viele Römer vor allem im Sommer in die grüne Hügellandschaft von Umbrien. Wer sich etwa beim Festival von Spoleto zwischen Theater-, Tanzaufführungen und Konzerten von früh bis spät zwischendurch erholen möchte, findet in dem mittelalterlichen Städten zahlreiche Lokale mit internationalem Publikum.

Für jeden etwas

Wer gern die Lebensgewohnheiten kreativer Römer beobachten will, ist bei Il Tiaso in der Via Ascoli Piceno 25 im Pigneto gut aufgehoben. Über Jazz-Konzerte in dem urigen kleinen Lokal informiert die Website www.iltiaso.com.

Neben Pigneto und San Lorenzo entwickelte sich dank der der neuen Universität in der Gegend des ehemaligen Großmarkts an der Via Ostiense ein lebendiges Nachtleben. Nach einem Besuch im kleinen Eisenbahnmuseum mit alten Loks auf Gleisen empfiehlt sich die schräg gegenüber gelegene Enoteca Giansanti (Hausnummer 34) für ein Glas Sekt.

Am ehemaligen Schlachthof in Testaccio am Tiber liegt ein weiteres Ausgehviertel, in dem der Abend etwa mit einem Aperitif in der Enoteca Palombi an der Piazza Testaccio beginnen kann.

Wer in der Altstadt bleiben möchte, muss bei Camponeschi an der malerischen Piazza Farnese oder in Trastevere auf der anderen Tiberseite in der Enoteca Ferrara an der Piazza Trilussa 41 für einen Aperitif mehr als in den anderen Vierteln ausgeben, hat dafür aber Ruhe vor Touristenmassen. gab

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