Stuttgart Auf dem Wackelband

Soll die Konzentrationsfähigkeit fördern: Slacklining.
Soll die Konzentrationsfähigkeit fördern: Slacklining. © Foto: Igor Solovey/Shutterstock.com
Stuttgart / Ronja Gysin 26.08.2017

Slacklining ist in den späten 70er Jahren entstanden – als Schlechtwetter-Alternative für Kletterer im Basis-Camp. Das Balancieren auf einem gespannten Gurtband war aber lange versierten Alpinsportlern vorbehalten. So spannte schon der Slalomstar Ingemar Stenmark aus Schweden in den 70ern ein Seil, um darauf sein Gleichgewicht zu trainieren. Sein deutscher Rennläufer-Kollege Felix Neureuther war vor gut zehn Jahren einer der ersten, der Slacklining hierzulande bekannt machte. Der Nischen- wurde Trendsport.

Heute ist die Slackline ein etabliertes Sportgerät, das in physiotherapeutischen Praxen und zunehmend auch in Fitness-Studios zum Einsatz kommt. Im Gegensatz zum artistischen Balancieren auf dem straff gespannten Hochseil dehnt sich die Slackline unter der Last des Nutzers. Die Eigenbewegungen des Bandes müssen deshalb ständig aktiv ausgeglichen werden.

„Jeder kann lernen, auf einer Slackline zu balancieren“, sagt Robert Käding, Geschäftsführer der ID Sports GmbH in Stuttgart. Er ist mit seiner Firma „Gibbon“ vorne dabei im Vertrieb von Slacklines. Mehr als 100 000 Bänder verkauft das Unternehmen jährlich in rund 40 Länder. „Viele wollen auf dem Band direkt loslaufen, doch zuerst muss das Balancieren im Stand geübt werden“ erklärt der 39-Jährige die besondere Herausforderung der Sportart. Anfängern empfiehlt der Profi, aufrecht auf einem Bein stehend einen Punkt in Augenhöhe zu fixieren. Dabei die Arme von der Schulter weg rotieren und den Oberkörper ruhig halten. „Wer sowohl auf dem rechten, als auch auf dem linken Bein stehend das Gleichgewicht hält, kann loslaufen.“

„Balance ist etwas Elementares in unserem Leben für Körper, Geist und Seele“, ist der Produktdesigner und Firmengründer überzeugt. Studien scheinen das zu bestätigen: Der Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten berichtet etwa, dass Slacklining sich als Therapie eignet für Patienten mit Gleichgewichtsstörungen, Fehlhaltungen der Wirbelsäule sowie Gelenk- und Knieverletzungen. „Neue Untersuchungen zeigen, dass sogar Senioren erfolgreich auf der Slackline trainieren können, um ihr Sturzrisiko zu senken“, sagt die Verbands-Vorsitzende Ute Repschläger.

Eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich kommt zu dem Schluss, dass Übungen auf der Slackline messbar kognitive und hirnphysiologische Veränderungen bewirken. Auch die Konzentrationsfähigkeit soll besser werden.

Hohes Maß an Körperspannung

Robert Kädings Ehefrau Caroline hat nicht nur eine Bachelorarbeit über die Slackline als Therapiegerät geschrieben. Sie ist auch eine von zwei Gründerinnen von „Slackline Therapie“. Die 32-Jährige und ihr Team bilden Physiotherapeuten in deren Praxis oder Fortbildungszentren zu Slackline-Therapeuten aus. „Wir wollen zeigen, wie sinnvoll der Einsatz der Gurte in der Therapie ist.“ Um die Kontrolle über das Band zu behalten, sei ein hohes Maß an Koordination, Konzentration und Körperspannung notwendig. So können die Therapeuten ihre Kompetenz etwa bei Patienten einsetzen, die einen Schlaganfall hatten oder unter Parkinson leiden.

Das wackelige Band stärkt die Körpermitte, schult das Gleichgewicht und die Wahrnehmung. Weil die Patienten instinktiv mit den Armen schwingen, verbessern sie zusätzlich die Beweglichkeit ihres Oberkörpers. Viele Patienten berichten, dass sie die Slackline-Therapie eher als spielerische, sportliche Trainingseinheit wahrnehmen. „Das erhöht die Motivation, zu Hause weiter zu üben“, glaubt Caroline Käding.

Dass Slacklining auch als Gesundheitssport schon lange kein Geheimtipp mehr ist, beweist Robert Kädings jüngstes Projekt: fest installierte Slackline-Systeme. Die so genannten Slackracks eignen sich  für funktionelles Training und Fitnesskurse in kleinen Gruppen.

Verschiedene Übungen lassen sich auf dem Gerät stehend, liegend, oder mit den Armen abgestützt durchführen. Als zusätzliches Hilfsmittel im Stand eignen sich Stöcke. „Die Übungen erzeugen Resonanz-Schwingungen, die wiederum die Tiefenmuskulatur trainieren“, erklärt Käding einen nachhaltigen Effekt. Ein weiterer Pluspunkt: Slacklines helfen dem Trainer zu erkennen, ob der Kursteilnehmer eine Übung richtig ausführt. Wer etwa die Knie zu weit über die Fußgelenke hinaus beugt, kann bei einer Kniebeuge auf der Slackline unmöglich die Balance halten.

Zwischen stabilen Bäumen

Slackline-Sets bestehen aus einem Polyesterband und einer Ratsche. Je nach Gurtlänge, Zusatzmaterial, Ausführung und Hersteller liegen die Preise zwischen 50 und 200 Euro. Die Slackline (deutsch etwa: schlaffe Leine) wird an stabilen Bäumen mit mindestens einem Meter Umfang befestigt und gespannt. Zum Schutz der Bäume sind Abriebschoner erhältlich. Wer keine Bäume zum Spannen hat, erhält zum Preis von rund 100 Euro Befestigungsteile oder Bodenschrauben. Alternativ lässt sich das Band mithilfe eines Gerüstes spannen. Ein so genanntes Slackrack kostet rund 400 Euro. Slacklines sind in der Regel zweieinhalb bis fünf Zentimeter breit und werden ab circa 30 Zentimeter über dem Boden gespannt. Den Sets liegen eine Aufbauanleitung bei und meist auch Übungsanleitungen. Die kostenfreie Gibbon-App gibt Anfängern und Fortgeschrittenen praktische Tipps. gys

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