Köln / AXEL HABERMEHL  Uhr
Seit er ein kleiner Junge war, wollte er hoch zu den Sternen. Nun, mit 38 Jahren und nach hartem Training, ist es soweit: Alexander Gerst fliegt zur ISS. Zu Besuch bei einem Mann, der seinen Kindheitstraum lebt.

Ein bisschen sieht er aus wie Meister Proper, wie er da in der Trainingshalle für Astronauten steht. Ein muskulöser Mann im blauen Overall mit spiegelblank rasierter Glatze. Ein kerniger Händedruck, ein gewinnendes Lächeln. Hier steht jemand, der vor Energie und Selbstbewusstsein nur so strotzt: Alexander Gerst, demnächst 38 Jahre alt, promovierter Geophysiker, Vulkanexperte, Taucher und Snowboarder, wenn er Zeit hat. In letzter Zeit hatte er nicht mehr viel Zeit, denn Gerst ist jetzt auch Astronaut. Seit fünf Jahren wird der gebürtige Künzelsauer für seine erste Mission im All ausgebildet: sechs Monate ISS. Ende Mai fliegt der "europäische Astronaut deutscher Nationalität", wie er sich nennt, zur Internationalen Raumstation.

Dort, wo er jetzt steht, hat er einen Teil seines Trainings absolviert: Köln-Porz, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Um Gerst herum türmt sich meterhoch High-Tech der Decke entgegen. Nebenan ist ein Schwimmbad für das Schwerelosigkeitstraining, hier im Hangar stehen Simulatoren und Modelle. Ein Raumfahrer-Übungsparcours. Rechts parkt ein "Columbus"-Weltraumlabor, eine knapp sieben Meter lange Röhre, vollgestopft mit wissenschaftlichem Gerät. Das Original oben an der ISS hat mal knapp 1,5 Milliarden Euro gekostet. Es ist Europas größter Beitrag zur Raumstation. Hier wird Gerst viele wissenschaftliche Versuche unternehmen, die Hauptziel seiner Mission sind.

Doch noch ist es nicht soweit. Mit langen Schritten läuft Gerst vorbei am Modell eines ATV-Weltraumfrachters und zeigt auf ein graues, erschreckend enges Modell einer Sojus-Kapsel. In so ein Ding werden sich, wenn alles klappt, Alexander Gerst, Maxim Surajew (Russland) und Reid Wiseman (USA) am 28. Mai zwängen. Sie werden sich zusammenkauern und festschnallen, Gerst auf dem rechten der drei Sitze. Dann wird die Tür verschlossen, die Trägerrakete entwickelt 26 Millionen PS und donnert mit 28 000 Stundenkilometern zur ISS.

Dann folgen sechs Monate Astronautenalltag: Experimente, Wartungsarbeiten, mindestens ein Weltraumspaziergang. Über 50 Versuche sind geplant: Aus Medizin, Physik, Biologie, Materialwissenschaft. Gerst soll Grundlagenforschung zu multiresistenten Bakterien leisten, aber auch zu neuen Legierungen, die irgendwann helfen könnten, Treibstoff zu sparen. Aber erstmal ist das alles ganz schön teuer: 772 Millionen Euro zahlte allein Deutschland vergangenes Jahr für die europäische Raumfahrt. In Zeiten der Eurokrise muss man das Zweiflern schon genauer erklären.

Muss man ins All, um Legierungen zu testen? "Das geht nur in der Schwerelosigkeit, weil die Stoffe kein Randgefäß berühren dürfen", sagt Gerst und schiebt sehr ernst und sehr eindringlich hinterher: "Das sind Versuche, die dem Leben auf der Erde zugute kommen werden." Zudem sei die Raumfahrt kein Minusgeschäft, das Fünffache der Investitionen fließe zurück in die deutsche Wirtschaft.

Gerst ist von seiner Mission überzeugt. Sollte er auch, denn Astronauten sind selbst Versuchskaninchen. Getestet wird, wie sich im All ihre Augen verändern, ihr Immunsystem, ihre Knochen. Das soll nicht nur künftigen Astronauten nutzen, sondern zum Beispiel auch Osteoporosekranken auf der Erde. "Wir müssen Wissenschaftler, Hausmeister, Pilot, Reinigungskraft, Arzt, Feuerwehrmann, Ingenieur und Versuchskaninchen gleichzeitig sein", schrieb Gerst neulich in seinem Blog und fügte stolz an: "Der Weg zu den Sternen ist steinig."

Ihm sind sie jedes Hindernis wert, denn eigentlich, sagt er, wollte er schon immer Astronaut werden. "Nicht in dem Sinn, dass ich darauf von Kindesbeinen an hingearbeitet hätte, aber fasziniert hat mich das Weltall schon immer. Ich hatte schon immer diese Neugier in mir."

Wann immer in diesen Tagen ein Journalist über ihn berichtet, darf eine Geschichte nicht fehlen, nämlich die, wie sein Großvater, ein Amateurfunker, den sechsjährigen Alexander in sein Studio mitnahm und mit ihm ins All funkte. Sekunden später hörte der Junge seine eigene Stimme. Die Funkwellen waren vom Mond zurückgeworfen worden. Das faszinierte ihn.

Und so war der Weg des Jungen aus Künzelsau im Hohenlohekreis ins Trainingszentrum in Köln irgendwie auch immer ein geradliniger. Astronauten müssen vielseitig sein, Gerst war das schon immer. Er machte Abitur am Technischen Gymnasium Öhringen, war Rettungsschwimmer, Pfadfinder und bei der Jugendfeuerwehr. Nach dem Zivildienst beim Roten Kreuz reiste er mit dem Rucksack um die Welt. Er begeisterte sich für Vulkane in Neuseeland, schrieb sich an der Uni Karlsruhe für Geophysik ein, legte ein Diplom mit Auszeichnung hin, dazu einen Master in Wellington (Neuseeland) und nahm an Expeditionen in die ganze Welt teil. Schließlich schloss er in Hamburg mit dem Doktor in Vulkanologie ab.

Eine blitzsaubere Wissenschaftskarriere, doch den Traum vom All träumte er immer noch. 2009 schrieb die Esa Stellen im Ausbildungsprogramm aus. 8413 Bewerberbungen gingen ein, acht wurden ausgewählt, Gerst war dabei. Als Einziger ohne Piloten-Hintergrund.

Astronauten müssen jahrelang trainieren, aber letztlich ist es fast einfach: "Entweder sie bringen einem Wissenschaftler das Fliegen bei oder einem Flieger die Wissenschaft", sagt Andreas Schepers von der Esa. Den Pilotenschein hat Gerst inzwischen auch, erworben, natürlich, im Schnelldurchgang. Außerdem hat er Russisch gelernt, massenhaft technische Bedienungsanleitungen gepaukt, zig Notfallpläne gelernt. Sein Training hat ihn in die USA geführt, nach Japan und Russland. Dazu kamen ein Überlebenstraining in der russischen Wildnis, Übungen im Raumanzug, Tests auf Belastbarkeit und Teamfähigkeit und immer wieder viel Sport.

Warum er das alles macht? Er zögert kurz und sagt: "Ich will der Natur ihre Geheimnisse entlocken." Er meint es wohl gar nicht so pathetisch, wie es klingt, sondern eher praktisch. Alexander Gerst (unverheiratet, keine Kinder) ist ein Mann, der in vielen Bereichen herausragt, aber vor allem ist er universell interessiert. Gerst ist, was man einen Überflieger nennt. Er mag riskante Sportarten wie Klettern, Fallschirmspringen und Snowboarden, nennt sich aber selbst risikoscheu. Er hat schon als junger Mensch wissenschaftliche Preise gewonnen, hat Artikel in "Nature" und "Science" publiziert, den weltweit angesehensten Zeitschriften für Naturwissenschaften, aber er ist kein Schreibtisch-Nerd, eher ein Mann für Expeditionen. "Im Büro wäre ich verkümmert", sagt er. Nun hat er sechs Monate lang den exklusivsten Arbeitsplatz überhaupt. In 400 Kilometern Höhe die Erde überfliegend. Mit einmaliger Aussicht nach unten.

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