Ulm Armar         und seine Freunde

Ulm / Monika Höna 11.03.2017

Ein Haussklave, der stets zu Diensten ist, alle anfallenden Arbeiten wie Putzen, Spülen, Waschen erledigt und nie meckert – das wär’s doch. Noch sind solche stummen Diener nicht serienreif, doch die Prototypen lassen bereits ahnen, wohin die Reise geht.

„Armar“ ist einer dieser Vorreiter, die mit viel technischem Knowhow darauf programmiert sind, den menschlichen Alltag zu erleichtern. Entwickelt wurde der humanoide, also in menschenähnlicher Gestalt daherkommende Roboter am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), wo ihm immer wieder neue, zunehmend schwierigere Aufgaben gestellt werden. So kann das erste Modell namens Armar-IIIa Gegenstände, die ihm bekannt sind, ausfindig machen und greifen, um sie anschließend einem Menschen zu reichen. Die Küche ist für ihn vertrautes Terrain, wo er auf Anweisung den Kühlschrank oder Schubladen öffnet. Sein Kollege Armar-IIIb ist zudem in der Lage, menschliches Verhalten zu beobachen und zu wiederholen. Wenn ein Mensch zum Beispiel den Tisch abwischt, ahmt der Roboter die Bewegung anschließend nach.

Wie Nikolaus Vahrenkamp von der entsprechenden Forschungsgruppe in Karlsruhe berichtet, werden beide Roboter mit Sprache gesteuert und können mit Menschen Dialoge im Küchenkontext führen. Einen ganz wörtlich zu nehmenden Schritt weiter ist Armar-4, der sich nicht mehr wie seine Vorgänger auf einer fahrbaren Tonne bewegt, sondern auf zwei Beinen. „Bis jetzt kann er auf einem Bein balancieren und auf ebenen Flächen laufen“, sagt Vahrenkamp. Treppen steigen sei dagegen noch nicht möglich.

Die Spülmaschine ein- und ausräumen oder Getränke aus dem Kühlschrank holen, ist für den Roboter offenbar weniger schwierig als das energieaufwendige Balance-Halten beim Gehen. Das bestätigt auch Michael Decker, der sich am KIT unter anderem mit den Folgen der Technik beschäftigt. Ihm zufolge sind die humanoiden Roboter der Kategorie Armar noch sehr teuer und wartungsintensiv, sodass sie für Privathaushalte in absehbarer Zeit nicht in Frage kommen dürften.

In anderer Gestalt sind Roboter aber längst dabei, den Menschen Arbeiten abzunehmen oder wenigstens zu erleichtern. Ausgehend von Deckers Definition, dass „ein Roboter eine Maschine ist, die eine Sensorik, ein pfiffiges Steuerungssystem und einen so genannten Aktuator hat, der physikalisch etwas verändert“, lässt sich bereits der automatische Garagentoröffner dazuzählen. Verhältnismäßig weit verbreitet sind auch robotische Rasenmäher und Staubsauger sowie intelligente Maschinen in der Landwirtschaft. Neu gebaute Häuser und Wohnungen weisen als so genannte Smart Homes ebenfalls robotische Systeme in Form vernetzter Steuerungen für Rollläden, Licht und andere Dinge auf.

„Eine entsprechende Nachrüstung bereits bestehender Wohnungen ist natürlich aufwendiger“, sagt Decker. Wobei solche Maßnahmen seiner Ansicht nach gut geeignet wären, um alten Menschen das Leben im gewohnten Umfeld zu erleichtern. Sensorteppiche vor dem Bett etwa, die beim Aufstehen automatisch das Licht anknipsen oder Bewegungsmelder, die eine schwere Tür öffnen. Trotzdem hält Decker eine völlig unsichtbar in Böden und Wände integrierte Technik gerade bei älteren Menschen nicht für ideal: „Viele neigen im Alter zu Vergesslichkeit und denken nicht an Dinge, die sie nicht sehen.“ In solchen Fällen sei ein sichtbares Gerät mitunter die bessere Lösung.

Gerade im Pflegebereich, ambulant wie stationär, werden Roboter immer mehr zu wertvollen Helfern. „Selten geht es darum, den Menschen komplett zu ersetzen“, betont Decker. Denkbar sei eher, dass ein Service-Roboter die Tätigkeit des Menschen ergänzt. So könne ein Pfleger entlastet werden, indem ein Roboter ihm die schwere Tasche mit einem Reanimationsgerät hinterher fährt oder die physiologischen Daten des Pflegebedürftigen überwacht. Und bei der Betreuung eines Angehörigen daheim wäre ein kräftiger Roboterarm für das anstrengende Umlagern oder Ins-Bett-hieven sicher mehr als willkommen.

Auch was die Befriedigung emotionaler Bedürfnisse angeht, können Roboter Erstaunliches leisten. Die Kuschelrobbe Paro etwa, mit flauschigem Fell und dunklen Knopfaugen niedlich anzusehen, verfügt am ganzen Körper über Sensoren, die auf Berührung oder Stimmen reagieren und beim Streicheln schnurren und die Augen bewegen. Obwohl das ein rein technisch hervorgerufener Reflex ist, wirkt Paro auf ältere, vor allem demenzkranke Menschen nachweislich beruhigend und löst sogar Glücksgefühle aus.

Die gesellschaftlichen Erwartungen an Roboter sind aus Forschersicht Segen und Fluch zugleich. Einerseits hat das Roboterbild, das man aus Filmen und Science-Fiction-Literatur kennt, dazu beigetragen, den Menschen die Angst zu nehmen. Andererseits seien die fiktiven Maschinen so gut und intelligent konzipiert, dass die Enttäuschung beim Anblick der echten mit ihrem oft noch ungelenken Ruckeln umso größer ausfalle. Figuren wie Commander Data vom Raumschiff Enterprise, R2D2 aus dem Krieg der Sterne oder Sonny aus dem Film „I, Robot“ hätten die Erwartungen ordentlich in die Höhe geschraubt. Es gibt aber auch Parallelen: So kommt in „I, Robot“ eine ethische Problematik zur Sprache, die auch beim Programmieren echter Roboter auftauchen kann. Im Film leidet ein Polizist an der Tatsache, dass ein Roboter ihm das Leben rettete und ein Mädchen sterben ließ, da die Maschine seine Überlebenschance nach logischer Berechnung als höher einschätzte. So ein Dilemma ist auch bei selbstfahrenden Autos denkbar, wenn ein Unfall unvermeidlich ist und nur noch die Entscheidung offen ist, wer wie sehr zu Schaden kommt.

Grenzen der Technik

Ethische und rechtliche Fragen stellen sich laut Decker immer dann, wenn der Technik Entscheidungen übertragen werden. Entsprechend sorgfältig müsse abgewogen werden, wie viel autonomes Handeln an einen Roboter abgegeben werden darf. Vor diesem Hintergrund stelle sich aber auch die Frage, wie gut oder falsch der Mensch in einer entsprechenden Situation entscheiden kann.

Dass Roboter mittlerweile über erstaunliche Fähigkeiten verfügen und den Menschen auf manchen Gebieten bereits eingeholt haben, ist bewiesen. „Zum Beispiel wurde der menschliche Weltmeister im Go-Spiel bereits von einem Computersystem geschlagen“, berichtet Decker. Zwar habe dieses System zunächst aus 30 Millionen Spielzügen von Menschen gelernt, aber die einzelnen Züge dann selbstständig ohne entsprechende Programmierung ausgeführt.

Noch streitet sich die Fachwelt, wo die technischen Systeme an ihre Grenzen stoßen. Extrem schwierig ist auf alle Fälle noch die umfassende Beurteilung von Situationen, die uns Menschen aufgrund unserer jahrzehntelangen Sozialisation durch Schule, Familie und Gesellschaft sehr leicht fällt. „Wenn in einem Gasthaus eine Gruppe schick gekleideter Leute zusammenkommt, erfasst ein Mensch sofort, ob es sich um eine Beerdigung oder eine lustige Feier handelt“, erläutert Decker. Einem Roboter fiele das schwer.

Mag die Komplexität der Welt und die Mannigfaltigkeit bestimmter Ereignisse für Roboter auch noch nicht zu durchschauen sein – in unserem Alltag spielen sie eine immer wichtigere Rolle. Vielfach kommunizieren die technischen Systeme in unserem privaten Umfeld schon jetzt miteinander. Hausgeräte und Computer sind per App mit dem Handy verbunden, sodass wir rechtzeitig an Geburtstage oder wichtige Termine erinnert werden. Beim Nachhausekommen geht das Licht an, die Stereoanlage spielt die Lieblingssongs, und auf dem PC-Monitor erscheint die am Vortag unterbrochene Schachpartie.

Die Karlsruher Forscher versuchen unterdessen, Armar Strategien beizubringen, damit er sich auch in unbekannten Umgebungen zurechtfindet. Selbst wenn er oder einer seiner Nachfolger in absehbarer Zeit noch nicht bei uns daheim einzieht, ist Nikolaus Vahrenkampf zuversichtlich, dass „humanoide Roboter eines Tages für den Hausgebrauch angeboten werden“.