Keinerlei Höhenprobleme Allgäuerin erreicht „Seven Summits“ und beide Pole

Die Allgäuer Bergsteigerin Julia Schultz bei einer Gipfeletappe an der Carstensz-Pyramide auf Neuguinea. Foto: Juli Schultz
Die Allgäuer Bergsteigerin Julia Schultz bei einer Gipfeletappe an der Carstensz-Pyramide auf Neuguinea. Foto: Juli Schultz © Foto: -
Memmingen / Von Birgit Ellinger, dpa 07.04.2018

Einen Plan hatte Julia Schultz nicht. Eher zufällig und spontan geriet sie in den vergangenen Jahren von einem Bergabenteuer ins nächste.

Am Ende gelang der 38-jährigen Memmingerin das, wovon viele ambitionierte Bergsteiger träumen: Sie hat die „Seven Summits“, die höchsten Gipfel aller Kontinente, bestiegen und war zu Fuß am Nord- und am Südpol. Laut einer weltweit geführten Liste der Explorers Grand Slam ist Schultz die erste Deutsche, die das geschafft hat.

Freude, Demut, Lebenserfahrung - es ist eine Menge, was die Allgäuerin von den exponierten Punkten der Erde mitgebracht hat. „In erster Linie aber ist es Dankbarkeit, dass alles gutgegangen ist“, sagt sie. Die angefrorenen Zehen, die sie heute noch manchmal spürt, seien bei allem, was sie erlebt hat, nicht der Rede wert.

Als Kind war Schultz viel in den Allgäuer Bergen unterwegs. Doch irgendwann verlor sie den Spaß am Wandern. Erst mit Mitte 20, als die gelernte Hotelfachfrau am Tegernsee lebte und arbeitete, fing sie wieder an, zu Fuß oder mit dem Mountainbike umliegende Gipfel zu erobern.

Dass es eines Tages der höchste der Erde werden sollte, verdankt sie einer Broschüre der Bergschule Oberallgäu, die ihr Vater zum Geburtstag geschenkt bekam. Die Tochter entdeckte darin eine Trekkingtour durch Nepal und meldete sich spontan an. Zusammen mit einer Gruppe rund um den Allgäuer Bergführer Udo Zehetleitner schnupperte sie im Herbst 2006 zum ersten Mal dünne Luft: Höchster Punkt der Tour war der Gipfel des Surya Peak auf 5145 Meter. „Mir ging es prima dort oben, ich hatte keinerlei Höhenprobleme.“

Nach dieser Reise spürte Schultz eine neue Sehnsucht: Es waren nicht nur die Berge, sondern das einfache Dasein unterwegs und die Begegnungen mit den Menschen, die sie so beeindruckt haben. „Da draußen ist alles pur und echt. Man lernt sich selbst neu kennen, ungeschminkt und in extremen Situationen. Dabei merkt man, was für einen wertvoll ist und wie wenig man zum Glücklichsein braucht.“

Es dauerte nur drei Monate, bis Zehetleitner die Memmingerin zum nächsten Bergabenteuer mitnahm. Diesmal war der Kilimandscharo das Ziel, mit 5895 Metern ist er der höchste Berg Afrikas. Am Gipfel spürte Schultz das intensive Glücksgefühl, das sie später noch oft erleben sollte. „Wenn man da oben steht, vergisst man alle Anstrengungen oder dass man friert und der Schuh seit Stunden drückt. Man hat einen Kloß im Hals, will aber gleichzeitig losschreien. Man bekommt einen Lachkrampf und im nächsten Moment kullern die Tränen.“

Auf dem Kilimandscharo fing Schultz an, besser einschätzen zu können, was sie körperlich leisten kann. Denn besonders sportlich hatte sie sich bis dahin nie gefühlt. Im Gegenteil: „Ich mag's gemütlich und esse gerne.“ Ihre Stärke, so wurde ihr später bewusst, war auch nicht der Körper, sondern der Kopf. „Die Julia hat die richtige Einstellung“, sagt auch Zehetleitner. „Sie ist eine willensstarke Bergsteigerin, die weiß, was sie kann und was ihr Spaß macht. Aber sie geht nicht mit dem Ziel los, anderen etwas beweisen zu müssen. Sie hat es immer nur für sich gemacht.“

Der 78-jährige Zehetleitner ist seit 57 Jahren Bergführer und zählt damit in Deutschland zu den Erfahrensten seines Berufsstands. Mit seiner Begeisterung für heimische und ferne Bergregionen sowie die Menschen und Kulturen vor Ort hat er Julia Schultz angesteckt.

Nach jedem Bergerlebnis dachte die Memmingerin, das sei es nun gewesen, schöner werde es nicht mehr. Aber Zehetleitner und andere Begleiter, darunter der Schweizer Expeditionsleiter Kari Kobler, ermutigten sie immer wieder zu neuen Herausforderungen. Es folgten Besteigungen vieler hoher Berge weltweit. Zwischendurch lief Schultz allein rund 1000 Kilometer auf dem Jakobsweg. In der Gastronomie und später im Unternehmen ihrer Familie, in dem sie heute mitarbeitet, konnte sie sich die Zeit dafür nehmen.

2013, nach dem Gipfelerfolg auf dem knapp 7000 Meter hohen Aconcagua in Argentinien, fing sie an, sich mit den „Seven Summits“ zu befassen. Als sie 2015 in die Antarktis reiste und den Mount Vinson bestieg, schloss sie sich direkt danach einer Expedition zum Südpol an. „Weil ich eh schon da war“, wie sie sagt. Mit einem 40-Kilo-Schlitten und auf Skiern lief sie vom letzten Breitengrad 111 Kilometer zum Pol. Bei dieser Expedition lernte sie eine Russin kennen, mit der sie im darauffolgenden Jahr zum Nordpol lief.

Danach war bei der Memmingerin der Ehrgeiz geweckt. Bis Ende 2016 hatte sie bis auf den Mount Everest alle Ziele für den „Explorers Grand Slam“ erreicht. „Ich habe lange überlegt, will ich das wirklich? Der Respekt war riesig. Wetter, Gesundheit, Material, Wegbeschaffenheit - das hast du ja alles nicht im Griff. Aber irgendwie hatte ich auch so ein Urvertrauen in mir.“ Und die Gewissheit, dass sie die Unternehmung jederzeit abbrechen kann.

Doch dazu sollte es nicht kommen. Im vergangenen Jahr stand Julia Schultz auf dem höchsten Gipfel der Erde. „Es waren sieben krasse Wochen“, fasst sie das Erlebnis Everest zusammen, zu dem große Erschöpfung, die Begegnung mit toten Bergsteigern, Zweifel und die Frage „Warum riskiere ich das?“ genauso gehörten wie Glück, Dankbarkeit und unendliche Freude.

Fasziniert hat Schultz auch, zu was der Mensch fähig ist. „Der Körper ist ein Wahnsinnswerk.“ Insgesamt 18 Stunden dauerte der Aufstieg zum Gipfel und der Abstieg ins Camp auf 6400 Meter. „Und am nächsten Tag wachst du auf und hast nicht mal Muskelkater. Dafür aber ein breites, glückliches Grinsen im Gesicht.“

Explorers Grand Slam

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