Raumfahrt Alexander Gersts heißer Ritt ins All

Köln / Von Sven Kaufmann 26.06.2018
Die Esa zeigt ein einzigartiges Video aus der Sojus-Kapsel von Alexander Gersts Flug ins All. Die ARD-Maus düst mit.

Es donnert, als die Triebwerke maximalen Schub entwickeln. In der Kapsel sitzen die drei „Raumfahrt-Heringe“ Alexander Gerst, Sergej Prokopjew und Serena Auñón-Chancellor wie in einer Dose so eng beieinander, dass bei dem Geschüttel nicht einmal ihre Köpfe wackeln können. Die Kapsel ist vollgestopft, jeder Zentimeter genutzt: Weiße Säcke über den Köpfen etwa beinhalten Nachschub für die Internationale Raumstation. Die Astronauten wirken etwas angespannt, doch nach der Ansage „Lift off!“ lächeln alle, sie heben die Daumen.

Es sind spektakuläre Bilder, welche die Esa jetzt, drei Wochen nach dem Start in Baikonur, im Internet veröffentlicht. Erstmals wurde der Flug einer Sojus-Rakete mit Kameras in der Kapsel und auch außerhalb aufgezeichnet. Das beeindruckende Video zeigt, vom Zünden der Triebwerke bis zum Abschalten im Orbit, spannende zehn Minuten lang den „Ritt auf dem Drachen“, wie der Künzelsauer Astronaut Alexander Gerst später den Flug nennt.

Der deutsche Astronaut Matthias Maurer und ein Esa-Moderator kommentieren live das Geschehen. Funksprüche auf Russisch begleiten das Dröhnen der Triebwerke. Zwei Kameras zeigen wechselweise die Crew oder die Monitore und Schalter, die Kommandant Prokopjew mit einem Teleskopstab betätigt, weil er zu weit weg sitzt. Die Astronauten werden durch die enorme Beschleunigung mit dem bis zu Vierfachen ihres Gewichts in die Sitze gepresst.

Der Flug selbst  ist erstaunlich ruhig. Die Außenkamera zeigt das Heck der Sojus und die bewölkte Erde. Nur bei Ereignissen wie der Trennung von der ersten Stufe nach knapp zwei Minuten wackelt die Kamera durch die Erschütterung, Auñón-Chancellor reagiert erstaunt. Die Sonne scheint in die Kapsel, als 40 Sekunden später die Hülle abgeworfen wird.

 Der erfahrene Gerst wirkt souverän und entspannt, schließt mal die Augen, lächelt. Nach dreieinhalb Minuten, beim Übergang in den Weltraum in etwa 100 Kilometern Höhe, reicht er seinen Kollegen die Hand: Erst schlägt die US-Ärztin ein, dann auch der Russe – ein Bild der Einigkeit.

Die Sojus beschleunigt immer noch, nach sechs Minuten rast sie schon mit 15 400 Stundenkilometer ins All. Die Strecke Ulm – Stuttgart würde sie jetzt in rund 22 Sekunden schaffen. Um im Orbit zu bleiben, muss sie Tempo 28 000 erreichen. Prokopjew, der coole Kampfpilot, blickt den ganzen Flug über konzentriert und stoisch auf die Instrumente. Als aber nach 8,48 Minuten die dritte Raketenstufe abgeschaltet wird und das Sojus-Raumschiff unter einem mächtigen Stoß erbebt, reißt er die Augen auf und ruft „Uh!“. Das Team hat den Orbit erreicht. Esa-Astronaut Matthias Maurer sagt: „Friends are in space!“  Die Außenkamera zeigt, wie die dritte Stufe wegsegelt.

So intensiv und gefährlich die ersten zehn Minuten des Starts und Fluges mit 26 Millionen PS sind – Humor und ein Augenzwinkern fehlen bei dem netten Trio nicht: Neben WM-Maskottchen Zabivaka hängt die ARD-Maus im Raumfahrtanzug von der Decke. Beide baumelten während der Beschleunigung munter im Kamerabild hin und her, jetzt schweben sie auf dem Weg zur ISS. Gerst lobt später auf Twitter: „Die Maus hat nicht mal mit der Wimper gezuckt.“

Den Internetnutzern gefällt das Video, einer schreibt begeistert: „Sehr beeindruckend!!! That‘s rocket science: in 10 Minuten ist man im All (dagegen braucht man vom Münchner Hauptbahnhof zum Flughafen immer noch 45 Minuten).“

Unterdessen scheint auf der ISS seit dem Andocken am 8. Juni emsige Betriebsamkeit zu herrschen. Astro-Alex hat unter anderem Kollegen bei einem Außeneinsatz geholfen, und er ist offenbar fleißig am Experimentieren. Da scheinen auch Teamarbeit und Improvisationskunst gefragt, etwa bei einem Versuch zur Orientierung in Schwerelosigkeit im „Columbus“-Modul. Gerst twitterte dazu: „Europäische Freundschaft & Kooperation in der Praxis: Wir konnten das französische GRASP-Experiment dadurch retten, dass ich meine deutsche Flagge auf dem Boden von #Columbus ausgebreitet habe, um störende Reflexe eines Sensors zu blockieren.“

Wieder auf Twitter aktiv

Alexander Gerst ist auf Twitter wieder als Astro-Alex  aktiv und berichtet über interessante Aspekte der Mission und auch private Gedanken.

Zu einem Foto von dem an der Raumstation angedockten Sojus-Raumschiff schreibt er: „Das Schiff, das uns hierher gebracht hat, glänzt noch wie neu. In einem halben Jahr wird die Schutzfolie auf der Außenseite völlig ausgebleicht sein durch das raue Weltraumwetter, einem ständigen Bombardement aus vernichtenden Strahlen und Partikeln.“

Über ein Bild, auf dem man Europa sieht, heißt es: „Diese überraschende Sicht während unserer zweiten Erdumkreisung hat mich an Zuhause denken lassen – mit einem Lächeln im Gesicht. Ich freue mich sehr auf ein halbes Jahr im Weltraum – und auf die Rückkehr nach Hause danach!“

Nachdenklich wird er im diesem Tweet: „Außenposten. Auf dem Planeten unter uns leben 7 Milliarden Menschen. Im Weltraum leben 6 Menschen. Unglaublich!“ sk

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