Berlin Abschließbare Hülle soll Filmen und Fotografieren bei Konzerten verhindern

JENNY TOBIEN, DPA 08.07.2016
„Die Handys zum Himmel“: Das ist schon lange Realität auf Konzerten. Statt zu tanzen und die Show wirklich aufzunehmen, starren viele Fans auf ihr Display. Die Künstler sind genervt. Eine abschließbare Smartphone-Tasche soll jetzt Abhilfe schaffen.

Hochgestreckte Arme, die die Sicht versperren, Fans, die nur auf das leuchtende Display starren, verwackelte Videos, die später doch keiner mehr anschaut. Wer kennt nicht die leidige Situation auf Konzerten, wenn der Besucher in der vorderen Reihe die ganze Show aufzeichnet? Und dann zückt man doch das eigene Handy, um schnell ein Erinnerungsfoto zu machen.

Auf einigen Konzerten ist damit jetzt Schluss. Denn das kalifornische Startup Yondr hat eine Handyhülle mit einem Sicherheitsschloss entwickelt. Damit kann das Telefon zwar mit ins Konzert genommen, aber nicht genutzt werden.

„Wir schaffen handyfreie Zonen in Konzerten, in Schulen – überall, wo das sinnvoll sein kann“, sagte der Yondr-Gründer Graham Dugoni laut einem Artikel der „Washington Post“. Leuchten im Zuschauerraum der Rockkonzerte künftig also wieder Feuerzeuge statt Smartphones, wie in der guten, alten Zeit?

Erste prominente Abnehmer der Taschen gibt es bereits. US-amerikanischen Medien zufolge waren sowohl das Überraschungskonzert der wiedervereinten Guns N’Roses im April in Los Angeles als auch die Warm-up-Shows des Oscar-Moderators Chris Rock handyfreie Veranstaltungen.

Auch Alicia Keys hat die abschließbaren Hüllen für sich entdeckt. Kürzlich gab die Sängerin ein Geheimkonzert im Berliner Club Lido, in dem neue, bislang unveröffentlichte Stücke präsentiert wurden. Kein Wunder, dass Keys verhindern wollte, dass Videos davon bereits vorab im Netz auftauchen.

Sämtliche Besucher mussten am Eingang des Lido ihre Telefone in die Neopren-Hüllen packen lassen. „Das hat tatsächlich einen Unterschied gemacht während des Auftritts. Die Leute haben einfach mehr gefeiert und waren bewusster dabei“, sagte ein Konzertbesucher. Nach Ende der Show seien die Taschen recht schnell und unkompliziert wieder entriegelt worden. Die Frage ist allerdings, ob das auch bei großen Stadionkonzerten so reibungslos funktioniert. Und was ist bei einem Notfall – oder gar einem Terroranschlag – wenn die Betroffenen die Polizei oder ihre Angehörigen erreichen wollen?

Ob sich das Konzept also tatsächlich durchsetzt, bleibt abzuwarten. Klar ist aber: Immer mehr Künstler stört die exzessive Foto- und Videoaufzeichnung. So sprach Adele kürzlich auf einem ihrer Konzerte eine Besucherin direkt an. „Könntest Du bitte aufhören, mich zu filmen“, sagte die genervte Britin in einem im Internet verbreiteten Video. „Ich bin doch hier, in echt.“ Sie könne die Show doch live und direkt genießen,   anstatt durch eine Kamera. „Das ist keine DVD, das ist ein echtes Konzert.“

„Wenn du noch nie bei einer handyfreien Veranstaltung warst, weißt du einfach nicht, was du verpasst“, sagt auch Yondr-Chef Dugoni. Man nehme die Show anders wahr, wenn man nicht ständig filme, Nachrichten schreibe oder irgendetwas auf Twitter poste. Der Yondr-Chef hatte seine Idee entwickelt, nachdem er auf einem Festival zwei Besucher beobachtet hatte, die einen betrunkenen Fremden beim Tanzen filmten und den Clip direkt auf YouTube stellten.

Neben Yondr gibt es auch noch andere Ansätze, um das nervige Filmen auf Konzerten einzudämmen. So hat das US-Patentamt in der vergangenen Woche einen Antrag von Apple genehmigt, wonach die iPhone-Kameras künftig per Infrarot-Licht manipuliert werden könnten. Damit wäre es möglich, dass auf Konzerten etwa der Bühnenbereich für Aufnahmen blockiert würde.

Ob diese Idee aber tatsächlich umgesetzt wird, ist völlig unklar. Schließlich patentiert der US-Konzern regelmäßig Innovationen, von denen bei weitem nicht alle den Markt erreichen.