Urteil „Zementmord“: Täter kommt nicht in Sicherungsverwahrung

Der Hauptangeklagte im sogenannten „Zementmord“-Fall sitzt rechts in einem Gerichtssaal vor seinen Richtern. Foto: Roland Böhm/Archiv
Der Hauptangeklagte im sogenannten „Zementmord“-Fall sitzt rechts in einem Gerichtssaal vor seinen Richtern. Foto: Roland Böhm/Archiv © Foto: Roland Böhm
Stuttgart / Roland Müller 11.04.2018
Deniz E., Haupttäter im „Zementmord“-Fall, muss nicht in Sicherungsverwahrung. Die Begründung des Gerichts ist bemerkenswert.

Nach mehr als zehn Jahren hinter Gittern könnte es für Deniz E. nun ganz schnell gehen. „Mein Mandant erwartet, in die Türkei abgeschoben zu werden“, sagt seine Anwältin Buket Yildiz-Özdemir nach dem Urteil vor dem Saal des Stuttgarter Landgerichts. Es seien nur noch einige Formalitäten mit dem türkischen Konsulat zu klären. „Er möchte dort gänzlich neu anfangen und sich ein neues Leben aufbauen.“

Freiheit statt Sicherungsverwahrung: Dieses Urteil hat viele Beobachter des Prozesses überrascht. Der Vorsitzende Richter Joachim Holzhausen weiß, dass er Erwartungen enttäuscht, als er sein Urteil spricht. Zwei Stunden lang begründet er die Entscheidung in eindringlichen Worten, erklärt, warum auch ein Täter, der einen an Brutalität kaum zu überbietenden Mord begangen hat, an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet und in Haft nie eine Therapie gemacht hat, trotzdem ein Recht auf Freiheit hat. „Es gibt diese juristische Logik nicht: Ganz, ganz schlimme Tat führt zu Sicherungsverwahrung“, sagt Holzhauser.

Leichenteile in Blumenkübel

Die Tat ist es aber, die den Menschen im Gedächtnis ist. Aus krankhafter Eifersucht hatte der damals 18-jährige Deniz E. 2007 mit mehreren Komplizen den 19-jährigen Gymnasiasten Yvan Schneider in einen Hinterhalt gelockt und zu Tode geprügelt. Danach zerstückelten die Täter über Tage die Leiche, betonierten die Leichenteile in Blumentöpfe ein und versenkten sie im Neckar. Kann es für diese Tat, die als „Zementmord“ in die Kriminalgeschichte einging, Gnade geben?

Um Gnade gehe es nicht, macht Holzhausen klar. Denn seine Strafe – zehn Jahre Haft, das Höchstmaß im Jugendstrafrecht – habe Deniz E. schon „vollständig verbüßt“. Nun gehe es allein darum zu klären, ob von ihm noch eine „hochgradige Gefahr schwerster Gewaltstraftaten ausgeht“ – ob er also zu gefährlich ist, um ihn freizulassen.

Dafür sieht das Gericht nicht genügend Anhaltspunkte. Zwar leide der Häftling an einer narzisstischen Störung, die im Gefängnis in zehn Jahren „völlig unbehandelt geblieben sei“ und sich sogar „noch verfestigt“ habe. Deniz E. habe die Tat nie aufgearbeitet, und seine Kriminalprognose sei schlecht: Man müsse bei ihm mit Körperverletzungen und Drogendelikten rechnen. Dass er erneut zum Mörder wird, könne man aber nicht vorhersehen. „Spekulieren darf eine Strafkammer nicht“, sagt Holzhausen. An dieser entscheidenden Frage waren sich die beiden psychiatrischen Gutachter im Prozess uneins gewesen: der eine hatte die Sicherungsverwahrung befürwortet, der andere sprach sich dagegen aus.

Die Tat von 2007 sei in einer besonderen Konstellation geschehen, argumentiert Holzhausen: Deniz E. habe sich aus narzisstischer Kränkung in Eifersucht hineingesteigert und sei in der Gruppe der Mittäter noch bestärkt worden. Wie wahrscheinlich sei es, dass sich eine solche Konstellation wiederholt? Zum Zeitpunkt der Tat sei er zwar Drogenkonsument und sozial auffällig gewesen – aber nicht vorbestraft. Im Gefängnis habe er sich über Jahre kooperativ verhalten und tüchtig in einem Betrieb gearbeitet.

Dann folgte jedoch eine „katastrophale“ Phase in Haft: Deniz E. verhielt sich unberechenbar, aggressiv, randalierte nachts in seiner Zelle, probte Machtkämpfe mit dem Anstaltspersonal. Unter Einfluss von Drogen und Medikamenten verletzte er sich selbst. Er bekam sogar Wahnvorstellungen. Doch selbst in dieser Zeit habe Deniz E. „nie Gewalt gegen Personen ausgeübt“ oder jemanden angegriffen. Er sei also in der Lage, sich zu kontrollieren. In der Gesamtschau reiche das nicht, um die nachträgliche Sicherungsverwahrung anzuordnen.

Doch mit der Freiheit, wandte sich der Richter an Deniz E., „fängt die Herausforderung erst an“. Deshalb solle er möglichst rasch eine Sozialtherapie beginnen, um eine Lebensperspektive zu gewinnen. „Sie sind noch jung, Sie entscheiden, ob die Zeit bisher verlorene Jahre waren.“

Den Neuanfang muss Deniz E. in der Türkei versuchen. Eine Ausweisung ist bereits rechtskräftig, danach darf er zehn Jahre nicht nach Deutschland zurück. Wie gut eine Resozialisierung gelingen kann, ist fraglich: Die Familie hat kaum Geld, in der Türkei muss er wohl erst zum Militärdienst. Türkisch spricht der gebürtige Stuttgarter nicht.

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