Matthias Matschke im Interview „Neurose ist mein zweiter Vorname“

Matthias Matschke hat als Professor T. panische Angst vor Keimen.
Matthias Matschke hat als Professor T. panische Angst vor Keimen. © Foto: Professor T Honorarfrei - Professor T. (Matthias Matschke), Daniel Winter (Andreas Helgi Schmid) und Anneliese Deckert (Lucie Heinze). Foto: Martin Rottenkolber/ZDF
Berlin / Cornelia Wystrichowski 03.05.2018

Er ist eitel, neurotisch und ziemlich genial: Professor T., der Titelheld der gleich­namigen Krimiserie. Von morgen an zeigt das ZDF neue Folgen des im vergangenen Jahr gestarteten Formats. Mat­thias Matschke spielt in der Serie den verschrobenen Psychologen, der die Kölner Polizei bei besonders schwierigen Fällen unterstützt.

Herr Matschke, Sie ermitteln im Fernsehen in zwei Krimireihen – als Magdeburger Kommissar im „Polizeiruf 110“ und als Titelheld der ZDF-Krimireihe „Professor T.“  Sind Sie privat selber ein fleißiger Krimi-Seher?

Matthias Matschke: Ich schaue durchaus „Tatort“, meistens in der Mediathek. In Schauspielerkreisen diskutieren wir die Sonntagskrimis ja wie Kinofans und fragen einander, ob man diese und jene Folge mit diesem und jenem Kollegen schon gesehen hat und wie man das fand.

Haben Sie einen Lieblings-Kommissar?

Es gibt ganz tolle Ermittlerpaare und von mir hochgeschätzte Kommissare. Aber mein Lieblingskommissar ist immer noch Schimanski. Er war der Kommissar meiner Kindheit, und deshalb wird er immer meine Nummer eins sein. So wie man sich den Fußballverein nicht aussucht, in den man verliebt ist.

Wie würden Sie Professor T. beschreiben?

Ich bin als Professor T. kein Kommissar und kein Profiler, sondern ein verquerer Heini, der von einer Kommissarin bei ihren grausamen Fällen um Hilfe gebeten wird. Der hat ein Problem, der Typ, und das ist das Spannende.

Jasper Thalheim, von allen nur Professor T. genannt, ist im Umgang mit anderen Menschen ein Scheusal und hat panische Angst vor Keimen. Was ist reizvoll daran, diesen neurotischen Typen zu spielen?

Für mich war es sehr spannend, eine Figur zu entwickeln, die in sich selbst gefangen ist. Er scheint zwar mit all den Eigenheiten, die er regelrecht zelebriert, mit sich im Reinen zu sein – aber er hat sich damit einen goldenen Käfig gebaut. Der Typ ist verquer, seltsam, er durchschaut die Dinge, ist ein eitler Fatzke, aber er fühlt sich damit nicht wohl. Er ist ein intelligenter Elefant im Porzellanladen, aber er ist auch selber aus Porzellan.

Haben Sie selber auch Neurosen?

Neurose ist mein zweiter Vorname (lacht). Nein, Spaß beiseite: Man muss zwischen Neurosen und Marotten unterscheiden – ich habe Marotten, aber keine Neurosen. Aber mir ist bewusst, dass wir im Leben alle auf einer Plattform stehen, so kommt es mir vor. Wir brauchen nur zehn Schritte in die eine oder andere Richtung zu gehen, und überall gähnt ein Abgrund. Wir haben aber gelernt, uns selber an der Hand zu nehmen und zu uns zu sagen: „Da gehst du besser nicht hin!“ Professor T. hat sich zum Schutz in einen Kokon aus Marotten eingesponnen. Ich kenne diese Abwehrmechanismen auch von mir, allerdings nur in homöopathischer Form.

Macht es denn Spaß, diese ganzen Phobien darzustellen?

Klar. Der Typ ist ein Klugscheißer, er kommt mit all seinen Marotten daher, die vielleicht auch Koketterie sind, will nichts anfassen. Aber das sind für mich als Schauspieler eher kleine Kunststückchen – es ist schön, aber es ist nicht das Herzstück der Rolle. Als Schauspieler überreicht man dem Zuschauer einen Blumenstrauß, und in diesem Fall sind die Marotten nur das grüne Beiwerk.

Müssen Sie eine Figur mögen, um sie spielen zu können?

Ich als Schauspieler denke nicht in der Kategorie von mögen oder nicht mögen. Es geht vielmehr darum, einen Menschen mit vielen Eigenschaften darzustellen, mit denen ich mich intensiv beschäftige. Wenn man die Sache so betrachtet, ist das eine unheimliche Befreiung, weil man sonst eine Verpflichtung eingeht, die überhaupt nicht notwendig ist.

Haben Sie sich zur Vorbereitung auf die Rolle auch konkret mit dem Fachgebiet beschäftigt, das der Professor unterrichtet, psychologische Kriminologie?

Ich habe versucht, den Lehrstuhl zu verstehen, den er innehat. Es ist ja eine Verquickung aus verschiedenen Materien, ein Crossover-Studium aus Rechtsprechung, Biologie, Ermittlerarbeit bis hin zur Philosophie. Das ist sehr interessant. Als ich bei den Dreharbeiten vor den Studenten stand, dachte ich mir: Wenn ich die Wahl hätte, würde ich unter Umständen so was studieren.

Hat es einen Grund, dass Sie sich auf kein Genre festlegen?

Mein Genre ist Spielen. Sonst kenne ich keine Festlegung. Ich will erleben – und dazu muss ich mich allen Möglichkeiten aussetzen. Ich bin sehr darauf bedacht, nie mit dem Forschen aufzuhören. Als Schauspieler bin ich unersättlich, sozusagen ein darstellerischer Vielfraß.

Info „Professor T.“, neue Folgen ab Freitag, 20.15 Uhr, ZDF.

Comedian, Schauspieler und Fotograf

Der Wahl-Berliner Matthias Matschke wurde 1968 in Marburg geboren und studierte Deutsch und Religion auf Lehramt, bevor er ein Schauspielstudium absolvierte. Nach der Ausbildung übernahm er Engagements an großen deutschsprachigen Bühnen, unter anderem am Wiener Burgtheater.

Dem breiten Publikum ist der 49-Jährige aus TV-Comedy-Formaten wie „Ladykracher“, „Pastewka“ und „Sketch History“ bekannt, aber auch aus TV-Filmen wie „Der Fall Barschel“ sowie Kinoproduktionen wie „Sonnenallee“. In der Krimireihe „Polizeiruf 110“ ermittelt Maschke an der Seite von Claudia Michelsen in Magdeburg. Neben seiner Schauspielkarriere betreibt der leidenschaftliche Fotograf eine Fotogalerie in Berlin. ski