202.586 Bewerber hatten sich um einen Einwegflug zum Mars beworben, hat die niederländische Stiftung "Mars One" am Montag vergangener Woche mitgeteilt. Nein, es waren nur 2761 Bewerber, sagt der irische Astrophysiker Dr. Joseph Roche. Er ist selbst unter die 100 Kandidaten der dritten Auswahlrunde gekommen. Aus ihnen werden diejenigen ausgewählt, die für "Mars One" zu Astronauten ausgebildet werden sollen.

Roche, mittlerweile Ex-Kandidat, kritisiert "Mars One" heftig. Vor allem, weil er bemerkt habe, dass insbesondere solche Bewerber unter die letzten 100 gekommen sind, die "Mars One" am meisten Geld eingebracht haben, sagte er dem US-amerikanischen Magazin "Matter" (veröffentlicht auf "Medium.com"). Entweder indem sie "Mars One"-Artikel gekauft oder der Organisation Geld gespendet hätten.

"Bewerber müssen sich von ihrem Arzt eine gute Gesundheit bescheinigen lassen", schrieb "Mars One" im   August 2013   für die zweite Runde der Auswahl. "Die Bewerber werden zu einem Treffen mit dem ,Mars One'-Auswahlkomitee in ihrer Region eingeladen. Nachdem es ein Interview mit den Kandidaten geführt hat, bestimmt das Auswahlkomitee, wer in die dritte Runde gelangt."

Davon hat Roche nichts bemerkt. "Ich habe niemanden von ,Mars One' persönlich getroffen", sagte er. Es habe kein Treffen in der Region gegeben, er sei auch nicht getestet worden. "Vielmehr ließen sie uns eine Verschwiegenheitsklausel unterschreiben, wenn wir interviewt werden wollten."

"Dann wurde aus einem ordentlichen mehrtägigen Interview in der Region plötzlich ein Zehn-Minuten-Gespräch über Skype", sagte Roche. Geführt habe es Norbert Kraft, den "Mars One" seinen medizinischen Leiter nennt. Der habe ihn aber bloß über die Unterlagen zum Mars und zu "Mars One" abgefragt, die er einen Monat vorher zugeschickt bekommen hatte. Aber es habe keinen psychologischen oder psychometrischen Test gegeben.

Kritik am Verfahren zur Auswahl der Kandidaten übt der frühere Kommandant der Internationalen Raumstation (ISS), Chris Hadfield. "Mars One" fehlte es an den wichtigsten Informationen, sagte er dem Magazin "Matter". Wenn nicht bekannt sei, wie das Raumschiff aussehen soll und wie groß die Kapsel sei, in der die Astronauten zum Mars fliegen, "dann kannst Du nicht anfangen, die Leute auszusuchen, die darin leben und arbeiten".

Wie sehe der Orbiter aus? Wie wird der Raumanzug gegen Druck und Kälte gehärtet, wie sind die Handschuhe aufgebaut? Hadfield: "Nichts davon kann man von der Stange kaufen. Nichts existiert." In dem Projekt stecke ein sich selbst zerstörender Optimismus. "Ich befürchte, das wird die Leute ein wenig ernüchtern, weil sie so tun, als werde es wirklich stattfinden."

Gar nichts hält Prof. Rupert Gerzer, der Leiter des Instituts für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln-Porz, von dem Projekt. Menschen ohne Rückkehrmöglichkeit zum Mars zu schicken, sei "ethisch unseriös", sagte er unserer Zeitung. Für Marsflüge seien viele Probleme noch nicht gelöst. Zum Beispiel, wie die Astronauten vor der tödlichen oder wenigstens lebensverkürzenden Strahlung im Weltraum geschützt werden könnten. Die sei während des Flugs sogar noch höher als später auf dem Mars.

Ungelöst scheint auch, wie das Projekt finanziert werden soll. "Mars One" gibt als Kosten für die erste Reise mit vier Astronauten 6 Milliarden US-Dollar an. Es setzt laut seiner Homepage vor allem darauf, dass spätestens die Übertragungsrechte von der Landung viel Geld einbringen.

Schon das achtjährige "Astronautentraining", das in diesem Jahr beginnen soll, will "Mars One" vermarkten. In einer Werbebotschaft für das Projekt heißt es: "Die . . . Filmproduktionsfirma Darlow Smithson Productions (DSP) wird die Auswahl und das Training der ersten Astronauten der Welt, die den Mars betreten, exklusiv begleiten."

Daraus wird allerdings nichts. DSP, eine Tochter des niederländischen Konzerns Endemol, hat sich aus dem Projekt zurückgezogen. Sie habe sich mit "Mars One" nicht auf einen präzisen Vertrag einigen können, zitiert der britische Sender "Sly" eine Sprecherin der Endemol Shine Group.

"Mars One" hat das dem kanadischen Nachrichtendienst "Realscreen News" bestätigt. Sein Gründer und Vorsitzender Bas Lansdorp: "Wir haben einen Vertrag mit einer neuen Produktionsgesellschaft." Deren Namen nannte er jedoch bisher nicht, auch nicht in einer E-Mail, die Donnerstag an die Presse geschickt wurde.

Dafür kündigte Lansdorp an, der erste Flug mit Ausrüstung zum Mars werde später stattfinden als geplant. Nicht 2018, sondern 2020. Die Finanzierung sei noch nicht gesichert. Wegen dieser Verzögerung verzögere sich auch der erste bemannte Flug auf 2027. Wie so gut wie in allen Mitteilungen versichert "Mars One", es sei auf einem guten Weg, die richtigen Firmen unter Vertrag zu bekommen.

Die australische Journalistin Elmo Keep, die die Artikel für "Matter" geschrieben hat, zieht ein anderes Fazit aus den vorliegenden Informationen: "Mars One" habe kaum Geld, keine Verträge mit Herstellern, die Technik für weite Raumflüge entwickeln, keinen TV-Partner, keine öffentlich bekannten Finanzpartner, keinen Plan für ein Trainingszentrum für die Astronauten-Kandidaten. Und Kandidaten, die aufgrund eines 10-Minuten-Interviews über Skype ausgewählt worden seien.

"Stimmt alles nicht"

Zuversicht Die ausgewählte Kandidaten gehen anscheinend davon aus, dass der Marsflug wirklich stattfinden werde und alles korrekt abgelaufen sei. Auf Facebook wurden reichlich Entgegnungen gerade auf Joseph Roches Interview verbreitet. Das Magazin "Matter" hat sie auf einer Seite von "Medium.com" zusammengefasst. Der Tenor: Stimmt alles nicht.

Widerspruch Kandidaten entgegnen Roche:

- Unter den 100 Kandidaten seien viele, die "Mars One" kein Geld eingebracht hätten - außer ihrer Bewerbungsgebühr (bis zu 73 US-Dollar) und "vielleicht dem Kauf eines T-Shirts".

- Die Änderung, dass die Interviews online und nicht in der Region der Kandidaten geführt werden, sei "nicht plötzlich" gekommen, sondern im November 2014. Erst am 6. Dezember sei Abgabeschluss für die Verschwiegenheitserklärung gewesen.

- Die Eignungstests kämen erst noch.

- Der medizinische Leiter Norbert Kraft sei ein Psychologe mit "überaus großer Erfahrung" auf dem Gebiet. Er werde das Interview mit einem Kandidaten wohl besser beurteilen können als die Kandidaten.

Stellungnahme "Mars One" spricht auf Anfrage unserer Zeitung von "falschen Anschuldigungen". Was die Kandidaten gespendet haben, habe keinen Einfluss auf die Auswahl gehabt. Und in der Tat hätten sich 200.000 Menschen um den Marsflug beworben.