Selten durfte ein Museumsdirektor sich so bestätigt fühlen: In der Zeitung des Deutschen Kulturrats hatte Felix Krämer, Generaldirektor des Düsseldorfer Kunstpalasts, sich jüngst mit dem Maler Emil Nolde auseinandergesetzt, der nicht nur ein großer Künstler, sondern auch ein überzeugter Nationalsozialist war. Zwei seiner Gemälde hingen bislang im Büro von Kanzlerin Angela Merkel im Bundeskanzleramt – ob das wirklich der angemessene Ort sei?, fragte Krämer. Zufall oder nicht: Vergangene Woche wurde bekannt, dass Merkel die Nolde-Bilder austauscht. Ob dafür Werke von Karl Schmidt-Rottluff ins Kanzleramt wandern, ist allerdings fraglich: Auch ihm werden antisemitische Äußerungen zugeschrieben. „Es ist noch keine definitive Entscheidung gefallen, welche Kunstwerke im Amtszimmer der Kanzlerin künftig hängen werden“, hieß es dazu bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Leihgeberin.

Haben Sie damit gerechnet, dass Ihr Text so eine Wirkung hat?

Felix Krämer: Ach Quatsch, mit so einer schnellen Reaktion konnte ich nicht rechnen, auch wenn mir klar war, dass ich mit dem Text einen neuralgischen Punkt berühre. Ich finde die Entscheidung jetzt richtig, erfreulich und konsequent.

Das Bild „Brecher“ wird ja offiziell zurückgegeben, damit es in der Nolde-Ausstellung gezeigt werden kann, die jetzt in Berlin eröffnet.

Das Bundeskanzleramt hat den Zusammenhang mit der Ausstellung hergestellt, aber die Bilder sollen ja anschließend nicht zurückkehren. Das ist das absolut richtige Signal.

Dass Nolde ein Nazi war, ist doch eigentlich keine Neuigkeit, oder?

Nein, das war lange bekannt – ich hätte diesen Artikel schon vor Jahren schreiben können. Es hat mich eher überrascht, dass sich die Legende von Nolde als Widerstandskämpfer so hartnäckig gehalten hat. Seine Kunst war im „Dritten Reich“ zwar verfemt, er selbst aber war ein überzeugter Nazi. Er war in der Partei, es gibt eine Vielzahl antisemitischer Äußerungen von ihm, und er war auch nicht nur ein Mitläufer: Wenn er seinen Kollegen Max Pechstein als Juden denunzierte – was Pechstein gar nicht war –, musste er wissen, was er tat. Nolde hat bis zum Schluss an die NSDAP geglaubt, er hatte nur das Pech, dass Hitler sich mit seiner Kunstauffassung durchsetzte.

Das alles betrifft die Person. Aber ist das Werk nicht etwas anderes?

Es wurde lange Zeit so getan, als gebe es keine Spur von Noldes politischer Einstellung in seinem Werk. Das ist aber nicht der Fall. Man muss nur ins Werkverzeichnis schauen und wird feststellen, dass zwischen 1933 und 1945 keine religiösen Bilder mehr auftauchen. Dafür malt er Bilder, die der nordischen Mythologie frönen. Was er während der Nazi-Zeit gemacht hat, ist keine antifaschistische Kunst. Wenn er 1936 den „Brecher“ malt, dann tut er das in einer Weise, die mit der herrschenden Ästhetik korrespondiert: Die Mystifizierung der Natur als einer Urkraft spielt bei den Nazis eine wichtige Rolle. Dass das Werk eines Künstlers einfach nur ein Spiegel seiner Person ist, ist genauso naiv wie zu glauben, dass Werk und Person überhaupt nichts miteinander zu tun haben.

„Auch ein Blumenstillleben ist nicht frei von Ideologie“, schreiben Sie in Ihrem Artikel. Heißt das, man darf Nolde nicht mehr ausstellen?

Nein, das meine ich nicht, aber das Bundeskanzleramt ist kein Museum und kein Privatraum, sondern ein Ort, der unser Land repräsentiert und an dem polnische oder israelische Staatsoberhäupter empfangen werden. Und man muss sich vor Augen halten: Eine Entscheidung für einen Nolde ist auch eine Entscheidung gegen einen anderen Maler wie Max Beckmann zum Beispiel, der unter dem NS-Regime wirklich gelitten hat.

Wieso wurde Noldes nationalsozialistische Einstellung erst so spät zum Thema?

Sicherlich spielte die Nolde-Stiftung eine Rolle, aber es existiert auch ein Narrativ, das besagt, dass der Expressionismus und die Moderne „gut“ sind. Und außerdem haben wir es hier natürlich mit einem großartigen Künstler zu tun. Ich kenne niemanden, der so gut mit Farben umgehen kann wie Nolde, es gibt ganz großartige Werke von ihm. Gerade das macht es ja für viele so schwer anzuerkennen, dass er ein überzeugter Nazi war.

Sie würden ihn also nicht aus den Museen verbannen?

Nein! Ich finde es richtig, die Werke zu zeigen. Aber ich finde es falsch, ihn als Widerstandskämpfer zu verkaufen. Als wir 2014 unsere große Nolde-Retrospektive im Frankfurter Städel gezeigt haben,  haben wir seine politische Einstellung deshalb offensiv thematisiert. Dass sie allerdings die Hauptrolle spielt, wie jetzt in Berlin, das ist neu.

Der Zusammenhang von Kunst und Moral wird ja momentan wieder heiß diskutiert. Es gibt Radiosender, die wegen der Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson seine Musik nicht mehr spielen. Wenn es um die Malerei der Moderne geht, werden pädophile Darstellungen etwa von „Brücke“-Künstler Kirchner problematisiert. Wie sollte man Ihrer Meinung nach damit umgehen?

„Thriller“ hat natürlich Musikgeschichte geschrieben, aber dass Michael Jackson ein problematisches Verhältnis zu Kindern hatte, wussten wir alle. Bei Ernst Ludwig Kirchner sind die Umstände eindeutig: Wenn man nackte Kinder breitbeinig auf Männern sitzen lässt, ist das eine Form des Missbrauchs, heute fällt so etwas unter Kinderpornografie. Da sind Museen gefordert, einen Kontext herzustellen und nicht so zu tun, als ginge es bei diesen Bildern nur um Linienführung und Farbgebung. Ich würde diese Werke nicht einfach wegschließen. Ich plädiere für einen offensiven Umgang. Wir müssen die Hintergründe offenlegen. Museen sind nicht dazu da, PR für eine Sache zu machen, sie sind Bildungsinstitutionen und müssen auf der Höhe der Zeit arbeiten, auch wenn das nicht immer bequem ist.

Sie haben ja selbst vor Jahren eine Kirchner-Ausstellung kuratiert, wie haben Sie das Problem gelöst?

Es ist eine Gratwanderung. Wir haben damals eine Retrospektive gezeigt, in der auch problematische Arbeiten mit Kindern zu sehen waren, aber keine ganz expliziten Arbeiten. Die hatten wir im Städel ohnehin nicht im Bestand, ich hätte sie eigens leihen müssen. Die Gemälde mit den Kindermodellen haben wir aber entsprechend kommentiert. Ich finde, wenn man solche Arbeiten zeigt, muss man sich überlegen, wie man das tut. Aber es ist eine Entscheidung von Fall zu Fall, eine pauschale Lösung gibt es nicht.

Die Museen wären wohl etwas leerer, wenn sie nur moralisch einwandfreie Künstler zeigen würden, oder?

Man muss total aufpassen, den es geht ja um Kunst und nicht um einen Gewissenstest. Caravaggio etwa war ein verurteilter Mörder – trotzdem sind seine Werke großartig. Wegschließen ist nie eine Lösung.  aber man sollte die Dinge beim Namen nennen und keine Legenden erfinden. Es gibt in der Kunstgeschichte eine Tradition des Schützens, aber ich bin als Kunsthistoriker nicht dem Marketing, sondern der Geschichte verpflichtet. Und man muss Künstler nicht als Helden verklären.

Ausstellung in Berlin


Felix Krämer wurde 1971 als Sohn des 1999 im Kosovo getöteten Stern-Reporters Volker Krämer geboren. Er studierte Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Volkskunde in Hamburg. Von 2008 bis 2017 war er Sammlungsleiter der Kunst der Moderne am Städel Museum in Frankfurt, wo er unter anderem eine Nolde- und eine Kirchner-Ausstellung kuratierte. Seit 2017 ist Krämer Generaldirektor der Stiftung Museum Kunstpalast in Düsseldorf.

Die Ausstellung „Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“, die sich mit dem politischen Kontext seiner Kunst befasst, läuft von Freitag bis 15. September im Hamburger Bahnhof in Berlin.