Kindesmissbrauch verhindern Ulmer Psychologin leitet Therapiezentrum für Pädophile

Elisabeth Quendler, Psychotherapeutin und Sexualtherapeutin am Universitätsklinikum Ulm arbeitet mit Pädophilen.
Elisabeth Quendler, Psychotherapeutin und Sexualtherapeutin am Universitätsklinikum Ulm arbeitet mit Pädophilen. © Foto: Thomas Burmeister/Archiv
Ulm / Thomas Burmeister, dpa 31.07.2018
Die Psycho- und Sexualtherapeutin Elisabeth Quendler koordiniert den Ulmer Standort des Präventionsnetzwerkes „Kein Täter werden“. Hier können sich Betroffene anonym Hilfe suchen.

Sie erzählen von ihrem Verlangen. Wann sie es bemerkt haben, wie stark es manchmal wird. Und wie sie damit umgehen. Ähnlich wie in Gruppen der Anonymen Alkoholiker. Doch hier geht es nicht um Wodka oder Wein. Es geht um Kinder.

Sven, 45, berichtet vom Drang, „einer Schülerin näher zu kommen“. Paul, 60: „Mit 24 wurde mit klar, dass ich mich sexuell zu Kindern hingezogen fühle.“ Christian, 43, schildert „Ersatzbefriedigungen“ mit „schlanken jungen Prostituierten, die dem Kind-Schema entsprechen“.

Die Zitate sind echt. Das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ hat sie veröffentlicht. Namen und Alter wurden geändert. „Ohne Anonymität und Schweigepflicht würde kaum jemand in unserer Therapiegruppen kommen“, sagt Elisabeth Quendler. Die 42-jährige Psycho- und Sexualtherapeutin am Universitätsklinikum Ulm hat berufsmäßig mit Pädophilen zu tun.Mit Männern - selten auch Frauen - also, die eine „sexuelle Präferenz für vorpubertäre Körper von Kindern“ haben.

Wie lässt sich Kindesmissbrauch verhindern?

Und erneut stellen viele die Frage, wie sich verhindern lässt, dass Kinder sexuell missbraucht werden. Eine Frage, die sich zwischen Rügen und Schwarzwald auch Tausende von Pädophilen stellen. „Sie können ihre Sexualität genauso wenig einfach abschalten wie andere Menschen, aber sie wollen auf keinen Fall zu Straftätern werden“, sagt die Ulmer Therapeutin Quendler. „Bei uns können sie das anonym thematisieren und sie dürfen auch über ihre Fantasien reden. Vielen hilft das, sexuelle Impulse zu kontrollieren.“

In Ulm koordiniert die Therapeutin den einzigen Standort des Präventionsnetzwerkes „Kein Täter werden“ im Südwesten. Insgesamt gibt es zwölf, darunter auch in Regensburg, Berlin, Hamburg und Hannover. Der Begriff „sexuelle Neigung“ erscheint Quendler eher verharmlosend. „Es geht um etwas biologisch Festgelegtes, etwas Unveränderbares, das sich bereits in der Pubertät entwickelt.“

Scham und Selbstverachtung sind für viele Alltag

Die Erkenntnis, pädophil veranlagt zu sein, werde oft als persönliche Katastrophe empfunden, berichten Experten übereinstimmend. Anders als Heterosexuelle, Schwule oder Lesben müssen Pädophile ihr Verlangen ständig unterdrücken, wenn sie Kinder vor sich schützen wollen. Viele erlebten immer wieder Scham und Selbstverachtung. „Einige berichten von Suizidabsichten, manche haben das tatsächlich versucht. Was wir nicht erfahren, ist, wie viele Selbsttötungen es wegen dieser sexuellen Präferenz tatsächlich gibt.“

„Lieben Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist?“ Das Netzwerk stellt diese Frage und steht allen offen, die mit „Ja“ antworten. Kostenlos, die Finanzierung der oft langwierigen Gruppen- und Einzeltherapien wird von den gesetzlichen Krankenkassen getragen. Ausgeschlossen sind Personen, gegen die noch Verfahren wegen Sexualstraftaten laufen oder die ihre Strafe noch nicht verbüßt haben.

Oft kommen auch Ehepaare zur Therapie

Ausdrücklich begrüßt wird die Beteiligung von Familienmitgliedern oder Freunden. „Zu uns kommen auch Ehepaare und manchmal auch Mütter, die ihren Söhnen helfen wollen, mit dieser Präferenz zu leben, ohne sich an Kindern zu vergreifen“, sagt Quendler.

„Kein Täter werden“ entstand 2005 an der Berliner Charité. Das Therapie-Spektrum reicht von Ratschlägen zum möglichst vollständigen Verzicht auf Kinderpornografie und zur Meidung „riskanter“ Orte und Situationen - Kinderbereiche in Freibädern etwa oder das Alleinsein mit Kindern bei Verwandten und Freunden - bis hin zur Möglichkeit medikamentöser Unterstützung.

Insgesamt ist der Therapieansatz einer im April 2018 veröffentlichten Studie der Charité-Gruppe zufolge durchaus erfolgreich. Nur einer von 56 Teilnehmern, die sechs Jahre nach ihrer Teilnahme befragt wurden, gab an, einen sexuellen Missbrauch begangen zu haben, wie der leitende Sexualwissenschaftler Klaus M. Beier erläuterte.

Eine Viertelmillion Männer hat pädophile Neigungen

9500 Menschen haben das Netzwerk bisher um Hilfe gebeten. Etwa 925 begannen Therapien, die zum Teil noch andauern. 360 schlossen sie erfolgreich ab. Dem steht gegenüber, dass sich Untersuchungen zufolge etwa 250.000 Männer zwischen 18 Jahren und 75 Jahren sexuell zu Kindern hingezogen fühlen.

Nur die wenigsten werden zu Tätern, doch die Zahl der Missbrauchsfälle ist insgesamt weiter erschreckend hoch: 11.547 verzeichnet die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2017 - etwa ebenso viele wie jeweils in den Vorjahren seit 2010. Allerdings gehen die Ermittler von einer hohen Dunkelziffer aus, da längst nicht alle Taten angezeigt werden.

Website des Netzwerks "Kein Täter werden"

Kurzfilm Spiegel-TV "Stigma - Die Geschichte eines Pädophilen"

Häufigkeit von sexuellem Missbrauch

Präzise Angaben zur Häufigkeit sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Deutschland sind aufgrund der vorhandenen Datenlage schwer möglich.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik gibt Aufschluss über die Zahl der Anzeigen, das sogenannte Hellfeld.

Für das Jahr 2017 verzeichnet sie:

  • 11.547 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch
  • 990 Fälle von Missbrauch an Jugendlichen
  • 403 Fälle von Missbrauch an minderjährigen Schutzbefohlenen
  • 6.512 Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung sogenannter Kinderpornografie und
  • 1.306 Fälle von Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung sogenannter Jugendpornografie.

Diese Zahlen sind seit 2010 nahezu gleich geblieben. Da nur ein kleiner Teil der Taten angezeigt wird, werden viele Taten statistisch nicht erfasst und bleiben im Dunkelfeld.

Quelle: www.hilfeportal-missbrauch.de

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