"Ein Auto ist uns wichtiger als gesundes Essen"

Ernährungs- wissenschaftler Volker Peinelt forscht an der Hochschule Niederrhein über Schul- essen.
Ernährungs- wissenschaftler Volker Peinelt forscht an der Hochschule Niederrhein über Schul- essen.
DPA 08.10.2012
Tiefgekühlte chinesische Erdbeeren haben vermutlich mehr als 11000 Schülern Brechdurchfall beschert. Was könnte falsch gelaufen sein?

Sie forschen an der Hochschule Niederrhein über Schulessen. Kann man Schulküchen in Sachen Erdbeeren einen Vorwurf machen?

VOLKER PEINELT: Eher nicht. Sie sind das letzte Glied in der Lieferkette. Viele arbeiten ohne eine vollausgestattete Küche. Mahlzeiten sollten hier kontrolliert und sicher ankommen.

Wem sind die Fehler passiert und wie lassen sie sich vermeiden?

PEINELT: Ehrlicherweise muss man sagen, dass man bei Lebensmitteln das Risiko nie ganz auf null bekommt. Wir brauchen aber bei der gesamten Liefer- und Verarbeitungskette eine vorausschauende und vorbeugende Gefahrenanalyse - samt Kontrollen.

Was bedeutet das in Bezug auf die verdächtigen Erdbeeren?

PEINELT: Schon in der Landwirtschaft können Fehler passieren, etwa durch Fäkalien bei Tierdung auf dem Feld. Noroviren und viele andere Keime können so oder auch über verunreinigtes Wasser in oder auf Früchte gelangen. Ein Einkäufer muss also darauf achten, ob die Verhältnisse in China oder anderen Drittländern sicher sind. Auch Drittländer müssen sich an unsere Verordnungen halten.

Hätten Zentralküchen wie Sodexo das Übel noch vermeiden können? PEINELT: Um ganz sicher zu gehen, sollte man Tiefkühlfrüchte nach dem Auftauen für zwei Minuten auf 70 Grad erhitzen. Dabei verliert das Produkt nichts an Qualität und Geschmack, und Keime werden sicher abgetötet. Eine Pflicht dazu besteht aber nicht.

Ist die Methode "billiger Jakob" das Hauptproblem beim Schulessen in Deutschland?

PEINELT: Nicht nur, aber sicher ein wesentlicher Grund. Wenn ich sage, ich kann für eine Mahlzeit nur rund zwei Euro Gesamtkosten ausgeben - wie bisher in Berlin -, dann ist das ein Witz! Da muss ich natürlich beim Einkauf sehen, dass ich den billigsten Anbieter erwische und werde meine Mitarbeiter nicht schulen. Und dann habe ich eben nicht die volle Sicherheit. Mit 4,50 Euro wäre eine vollwertige warme Mahlzeit für Kinder und Jugendliche machbar - alle Kosten inklusive.

Woran liegt diese Knauserigkeit?

PEINELT: Wir Deutschen neigen dazu, das Essen nicht so wertzuschätzen. Wir schätzen eher die Technik - ein Auto oder ein großer Fernseher sind uns oft wichtiger als tägliche gesunde Mahlzeiten.

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