Gesundheit „Der große Popo ist beliebt geworden“

„Den Kunden kann es nicht schnell genug gehen“: Schönheitschirurg Dr. Darius Alamouti, Haranni-Clinik, Herne.
„Den Kunden kann es nicht schnell genug gehen“: Schönheitschirurg Dr. Darius Alamouti, Haranni-Clinik, Herne. © Foto: privat
Herne / Joanna Stolarek 23.09.2017
Gibt es Trends in der Schönheitschirurgie? „Der große Popo ist beliebt geworden“, sagt den Facharzt für ästhetische Medizin, Darius Alamouti, im Interview.

Falten wegspritzen, Haare auffüllen und Fett absaugen – viele Menschen in Deutschland lassen sich verschönern. Darüber gesprochen wird es selten.  Nach den Gründen und den Trends in der Schönheitschirurgie fragte Joanna Stolarek den Facharzt für ästhetische Medizin, Darius Alamouti (Haranni Clinik, Herne).

Herr Dr. Alamouti, Sie gehören zu den bekanntesten Schönheitschirurgen Deutschlands. Ihre Klinik steht aber nicht in München oder Berlin, sondern mitten im Ruhrgebiet: in Herne. Haben Sie dort Kunden? Wer kommt zu Ihnen?

Alle. Die Putzfrau lässt bei mir Fett absaugen und der Geschäftsmann die Lider straffen. Es redet nur keiner darüber. Das ist das Faszinierende an Deutschland. Zum Schönheitschirurgen geht offiziell niemand. Man nutze nur Wasser und Nivea, um gut auszusehen. In Wirklichkeit ist das Land aber der größte Abnehmer von Botox. Warum wohl?

Vor der Bundestagswahl gab es bestimmt manch einen prominenten Patienten … Was lassen Politiker machen?

Oft sind es Behandlungen, die nicht auffallen. Hautstraffung mit Radiofrequenz zum Beispiel. Das geht schnell, man sieht danach aber viel besser aus. Wie nach dem Urlaub. All die Menschen, die sozial sehr aktiv sind wie eben Politiker, Aufsichtsräte, Fernsehjournalisten mögen solche Prozeduren.

Das klingt wie ein Besuch beim Friseur, nicht beim Chirurgen. Den verbindet man ja eher mit Skalpell, Wunden, Schmerzen …

So ist es auch. 80 Prozent der Methoden der Schönheitschirurgie sind heutzutage nichtinvasiv. Den Kunden kann es nicht schnell genug gehen. Lange Heilungsprozesse sind out. Und es darf auf keinen Fall auffallen, dass man was machen ließ.

Also finden große Operationen gar nicht mehr statt?

Je nachdem. In Deutschland ist jede zweite Frau und jeder dritte Mann zu dick. Vor allem mit zu viel und hängendem Bauch haben viele zu kämpfen. Dann kommt meine spezielle Absaugtechnik zum Einsatz und der Bauch geht hoch. Narben gibt es so gut wie keine mit nur zwei kleinen Löchern. Die Menschen kommen deswegen zu mir, weil sie keine Lust haben auf eine aufwändige OP, Schnitte, Drainagen und Schmerzen.

Und wie wäre es mit mehr Sport?

Die meisten meiner Patienten haben schon alles vorher versucht und sind mit ihrem Latein am Ende. Wer legt sich schon gern einfach nur so auf den OP-Tisch und gibt Geld aus!?

Wenn wir schon über Geld reden, was kostet so eine Fettabsaugung?

Etwa 3900 Euro. Der Eingriff dauert circa eine Stunde, im Anschluss ist das Gewebe ein paar Wochen lang geschwollen und verhärtet. Danach beginnt ein neues Leben.

Und was ist mit den Risiken?

Die gibt es bei jedem Eingriff. Ich habe bestimmt schon über 15 000 Menschen abgesaugt. Fehler können vorkommen, gerade am Anfang,  aber nach 20 Jahren ist das Routine.

„Routine“, sagen Sie. Können Sie überhaupt all das noch sehen, die Falten, die Bäuche, die hängenden Schlupflider? Wird das nicht langweilig?

(lacht) Es ist ein Job wie jeder andere auch. Ich versuche, ihn gut zu machen. Die Arbeit ist angenehm. Die Patienten schätzen mich. Bei mir gibt es sofort ein Ergebnis – ich mache die Leute innerhalb kürzester Zeit glücklich. Was will man mehr?

Wie alt sind Ihre Patienten?

Ich behandle niemanden vor dem 20 Lebensjahr, denn bis dahin sehen sich die meisten nur überkritisch. Unsere ältesten Patientinnen sind um die 88. Sie kommen mit Winke-Ärmchen und sagen: Ich will zur Hochzeit meines Enkels, dieses oder jenes Kleid anziehen und will gut aussehen. Mach mir das weg!

Die Branche boomt, es gibt Zuwachsraten von 20 Prozent, monatelange Wartezeiten, täglich kommen zu Ihnen und Ihren Kollegen um die 30 Patienten. Warum redet keiner darüber?

Von jeher haben die Frauen versucht, sich extra nicht schön zu machen, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden. Schönheit und Persönlichkeit ging in den Köpfen einfach nicht zusammen. Hinzu kam im letzten Jahrhundert noch die Emanzipation der Frau. An sich eine gute Sache, aber auch hier wurde über hübsche Frauen gesagt, dass sie dumm und dämlich seien. Und seitdem tragen alle Frauen in Deutschland nur Jeans und kaum noch Röcke. Schönheit ist verpönt und wird negativ gesehen. Das ist nicht so in Spanien, Frankreich oder Polen – in Deutschland wird Schönheit mit Dummheit gleichgesetzt.

Aber wie passt es mit dem Boom der Schönheitschirurgie zusammen?

Die Patienten wollen ja nicht gleich zum Topmodel werden. Die meisten wollen nur ihre Problemzonen loswerden.

40 Prozent Ihrer Patienten sind Männer. Das würde man nie denken … Was sind ihre Problemzonen?

Die ganzen Jungs, die früher viel Sport gemacht haben, um ihren Brustmuskel aufzubauen, kommen zu mir, weil – sobald sie aufhören mit Pumpen – der Muskel sich in Fett verwandelt. Ihre Brüste sind manchmal so groß wie die einer Frau. Das wollen sie natürlich nicht haben. Es dauert 15 Minuten und schon ist das Problem beseitigt. So einen Fall habe ich täglich.

Das kann man noch verstehen, aber ein wenig Bauch oder Glatze bei einem Mann um die 50 ist doch kein Problem.

Wir urteilen mit dem Auge. Jedes Foto wird mit Apps bearbeitet, damit es perfekt wirkt. Ich bin quasi auch nur wie eine App. Ich verbessere das Aussehen. Und man muss bedenken, die Zeiten sind vorbei, in denen man dauerhaft ein und denselben Job hatte. Man wechselt zwischendurch, aus verschiedenen Gründen. Man muss plötzlich auf dem Markt mit hundert anderen Gutaussehenden konkurrieren. Da sind Bauch und Glatze der Karrierekiller schlechthin. Es ist wissenschaftlich belegt, dass wir uns innerhalb von Sekunden-Bruchteilen ein Bild machen – sei es bei der Partnerwahl oder auf dem Arbeitsmarkt. Deswegen verzichtet man mittlerweile ganz auf Bewerbungsfotos.

Gibt es Trends auch in der Schönheitschirurgie?

Klar, gepusht in den Medien und sozialen Netzwerken. In den letzten drei Jahren ist der Brazilian-Butt, der große Popo, unglaublich beliebt geworden – wegen all der Kardashians und J-Los. Wir haben viele Nachfragen – speziell von Südländerinnen. Die deutschen Frauen wollen schlank und rank aussehen, eher burschikos, die Südländerinnen dagegen stehen auf Rundungen. Schönheitsideale sind immer kulturell bedingt.

Sehen Sie einem Menschen bereits an der Tür an, was er gemacht haben möchte?

Ich erkenne es bereits an der Kleidung. Je nachdem, was versucht wird zu kaschieren. Wenn ein Patient schwarz und relativ dick angezogen kommt, dann weiß ich, er hat ein Schwitzproblem und versucht den Achselschweiß zu verstecken. Er will also die Schweißdrüsen wegmachen lassen. Männer in T-Shirts mit großen Aufdrucken wollen hingegen von ihren Hängebrüsten ablenken.

Und Sie selber, legen Sie sich auch mal unters Messer?

Noch nicht, aber ich würde alles machen lassen, wenn es nötig ist.

Der Facharzt und die Branche

Dr. Darius Alamouti (49) ist Facharzt für Dermatologie und Venerologie. Der gebürtige Breslauer (Vater Iraner, Mutter Polin) wuchs im Remscheid auf, und studierte in Breslau, Budapest und Bochum. Seit 2002 betreibt der Schönheitschirurg die Haranni Clinic in Herne.

Im Jahr 2016 wurden laut der International Society of Asthetic Plastic Surgery (ISAPS) weltweit rund 23,63 Millionen Schönheitsoperationen (operativ und nicht-operativ) durchgeführt (Quelle: Statista). stoj

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