Kathmandu "Arbeiten, so viel es geht"

Kathmandu / MADELEINE WEGNER 08.05.2015
Der deutsche Arzt Matthias Baumann ist direkt nach dem Erdbeben nach Nepal geflogen, um bei der Versorgung Verletzter zu helfen. Er arbeitet in der Bergstadt Dhulikhel, eine Stunde östlich von Kathmandu.

Herr Baumann, Sie sind seit über einer Woche in Dhulikhel. Was erleben Sie dort im Krankenhaus?

MATTHIAS BAUMANN: Heute war eine Patientin hier im Krankenhaus, wir haben sie operiert, sie ist durch das Erdbeben querschnittsgelähmt. Was ich mich frage, ist: Wird sie den Rollstuhl, den sie ja jetzt braucht, jemals benutzen können? Wie soll sie damit in die Berge hoch und in ihrem Dorf vorwärts kommen? Das Gelände ist unwegsam, und die Wege nicht asphaltiert. Oder eine andere Frau: Sie stand gerade am Herd, als die Erde zu beben begann. Sie hat sich die Hände so stark verbrannt, wir mussten beide Unterarme amputieren. Auch da frage ich mich: Wie geht es weiter bei diesen Menschen?

Haben Sie und Ihre Kollegen im Dhulikhel-Krankenhaus alles, was Sie für die Operationen brauchen?

BAUMANN: Uns geht das Material aus. Die häufigsten Verletzungen sind Knochenbrüche von Armen und Beinen. Dafür fehlen vor allem Platten, Schrauben und Nägel. Wir haben bereits welche aus Indien bestellt, und ich habe zusätzlich Material in Deutschland organisiert. Das bringt nächste Woche ein Arzt aus Erfurt persönlich mit, er wird mich hier ablösen. Denn es herrscht immer noch Chaos in Kathmandu am Flughafen, es kommen nicht alle Hilfsgüter durch den Zoll. Auf diesem Weg bekommen wir das Material dann sicher hierher.

Wie ausgelastet ist das Krankenhaus? Gibt es genügend Platz für alle Verletzten?

BAUMANN: Dhulikhel ist das erste Krankenhaus für die Menschen, die aus den Bergen kommen. Im Normalbetrieb gibt es hier Platz für 220 Patienten, momentan sind 400 hier. Das sind weniger als letzte Woche, aber das Krankenhaus ist immer noch überbelegt. Die Patienten müssen nicht mehr in Zelten draußen untergebracht werden, fast alle können in den Zimmern liegen, manche aber auch in den Gängen. Aber es sind sehr viele Ärzte da, und es gibt keinen richtigen Schichtbetrieb zurzeit - alle arbeiten eben so viel es geht.

Was brauchen die Menschen in Nepal am nötigsten?

BAUMANN: Die meisten Patienten haben das Tal erreicht. Als in der ersten Woche noch kaum Hubschrauber geflogen sind, haben die Menschen ihre verletzten Angehörigen aus den Bergen heruntergetragen. Jetzt fliegen die Militärhubschrauber rund um die Uhr. Die meisten Schwerverletzten sind jedoch versorgt. Nun geht es vor allem um Unterkunft, Essen und Trinken. Wasser ist ein Problem. Durch das Beben funktionieren viele der Wasseraufbereitungssysteme nicht mehr. Es gibt zwar Wasser, aber es ist eben nicht sauber genug zum Trinken. Die Menschen bekommen Magen-Darm-Probleme.

Das Technische Hilfswerk zum Beispiel installiert Wasseraufbereitungsanlagen in Nepal. Sind mittlerweile viele internationale Helferteams vor Ort?

BAUMANN: Es kommen jeden Tag neue Leute dazu und bieten Hilfe an, jeden Morgen bei der Frühbesprechung hier im Krankenhaus gibt es neue Gesichter. Das, was ich hier im Land sehe und erlebe, ist wirklich großartig: diese unglaubliche Hilfsbereitschaft, von den Nachbarländern China und Indien, aber auch aus der ganzen Welt.

Info Dr. Matthias Baumann hat ein Spendenkonto eingerichtet. Mit den Spenden will er vor allem Kindern helfen, die beim Erdbeben ihre Eltern verloren haben: Himalayan Project, Kreissparkasse Biberach,

IBAN DE82 6545 0070 0007 8203 31, BIC SBCRDE66,

Kennwort: "Erdbeben-Opfer".

Hilfe für Hilfsorganisationen

Neue Karten Studenten der Universität Bonn erstellen Karten von den Schäden der Erdbebenkatastrophe. Sie werten dafür Satellitenbilder aus, teilt Prof. Klaus Greve vom Bonner Geographischen Institut mit. Damit sollen Hilfsorganisationen besser erkennen können, in welchen Gegenden das Erdbeben die größten Zerstörungen hervorgerufen hat und auf welchem Weg Hilfslieferungen am besten zum Ziel kommen.

OpenStreetMap Die Studenten greifen auf Satellitenbilder der Organisation Humanitarian OpenStreetMap zurück. Sie sammelt frei verwendbare Kartendaten für die gesamte Erde.

Heimarbeit Alle Studenten bearbeiten Ausschnitte der Satellitenaufnahmen. Die Arbeit können sie zu Hause erledigen.

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