MIRIAM KAMMERER  Uhr
Entführungsopfer Michelle Knight ist am Mittwoch zu Gast in "Aktenzeichen XY. . . ungelöst". Moderator Rudi Cerne hat sie in Cleveland besucht. Im Gespräch erzählt er, wie sie anderen Betroffenen Mut macht. Ein Interview.

Herr Cerne, wie stark hat Sie Ihr Besuch bei Michelle Knight in Cleveland (US-Staat Ohio) betroffen gemacht?
RUDI CERNE: Das hat mich sehr beeindruckt. Michelle Knight kannte ich bisher nur von Fotos und TV-Aufnahmen und war überrascht, dass sie sehr klein ist. Aber wie selbstbewusst und vor allem auch redegewandt sie mir ihre Geschichte geschildert hat, fand ich schon sehr beeindruckend.

Wie lang konnten Sie mit Ihr sprechen?
CERNE: Wir hatten einen Termin, der ging zwei Stunden. Ich hatte die Möglichkeit, bei Spaziergängen durch Cleveland ausführlich mit ihr zu sprechen.

Die Spezialsendung von "Aktenzeichen XYungelöst" lautet: "Wo ist mein Kind?" Wie viele Kinder werden in Deutschland derzeit vermisst?
CERNE: Es gelten rund 2300 Kinder und Jugendliche als vermisst in Deutschland.

Haben frühere Spezialsendungen zum selben Thema dazu beigetragen, vermisste Kinder wieder zu finden?
CERNE: Ja, ein sechsjähriger Junge ist wiedergefunden worden. Es handelte sich um einen so genannten Kindesentzug. Die Mutter hat den Jungen länger als erlaubt bei sich behalten und ist mit ihm an einen unbekannten Ort gefahren. Aufgrund eines Hinweises aus "Aktenzeichen" hat man das Auto der Mutter ausfindig machen können. Das war eine erste Spur. Tatsächlich konnten bald darauf Mutter und Sohn in Paris ausfindig gemacht werden.

Michelle Knight wird live in der Sendung sein. Was kann sie Betroffenen, vor allem deren Angehörigen, mitgeben?
CERNE: Sie ist ein großer Hoffnungsschimmer für die Betroffenen, und sie möchte ihnen sagen, dass sie nicht aufhören sollen, nach ihren Angehörigen zu suchen. Michelle Knight und auch Natascha Kampusch, die 2012 bei "Wo ist mein Kind?" war, haben beide erzählt, wie schrecklich es war, wenn ihre Entführer immer wieder sagten: "Da draußen sucht keiner mehr nach Dir, Du bist längst vergessen."

Was will Michelle Knight erreichen?
CERNE: Sie hat mir offen gesagt, dass es wichtig ist für sie, die Botschaft rüberzubringen, dass es sich lohnt, Hoffnung zu haben. Und ich weiß aus der Erfahrung und aus Gesprächen mit Betroffenen, die in der Sendung waren, dass es ihnen wichtig ist, Aufmerksamkeit zu finden. Und wenn jemand wie Michelle Knight in der Sendung ist, der Betroffenen Hoffnung gibt, dann ist der Zweck erfüllt.

Was haben Sie für einen Eindruck: Wie geht es Michelle Knight ein Jahr nach ihrer Befreiung?
CERNE: Auf mich hat sie einen ganz selbstbewussten Eindruck gemacht. Michelle Knight ist eine kleine Frau mit einem ganz großen Willen. Michelle Knight versucht in allem etwas Positives zu finden. Es bringt nichts, sagt sie, in Selbstmitleid zu verfallen. Alles im Leben hat einen Sinn und wer weiß wofürs gut ist.

Hat sie mit Ihnen auch über ihren Entführer Ariel Castro, der in der Haft Selbstmord beging, geredet?
CERNE: Es tat ihr fast ein Stück weit Leid, dass er sich umgebracht hat. Vielleicht, weil er sich aufgrund dieser Tatsache seiner lebenslangen Gefängnisstrafe entzog. Darüber werde ich in der Sendung sicher genauer mit ihr sprechen.

Gibt es Strategien, um Entführungen zu vermeiden oder zumindest die Gefahr zu verringern?
CERNE: Tipps, wie man sich davor schützen kann, kann ich kaum geben. Ich glaube aber, dass man sich schon auf seinen klaren Menschenverstand verlassen kann und sollte. Das gilt natürlich auch für alle anderen Dinge. Wenn man sich zum Beispiel unter vielen Menschen befindet, ist es sicherlich schwieriger, überfallen zu werden, als wenn man nachts in einer einsamen, dunklen Straße unterwegs ist. Deutschland ist ein sicheres Land, aber man muss trotzdem immer offene Augen und Ohren haben.

Was haben Sie von Michelle Knight gelernt?
CERNE: Definitiv, dass man niemals aufgeben darf.

Rudi Cerne
Rudi Cerne, 55, moderiert seit 2002 die Sendung "Aktenzeichen XY. . .ungelöst". Der frühere Eiskunstläufer (Vierter bei den Olympischen Spielen 1984) wechselte nach seiner Sportlerkarriere in den Journalismus. Viele Jahre moderierte er im Wechsel mit anderen das "Aktuelle Sportstudio" im ZDF. Für seine langjährige "Fahndungsunterstützung" erhielt Cerne 2012 den Hamburger Polizeistern.

 

Elf Jahre in der Hölle

Entführung Michelle Knight ist im August 2002 verschwunden. Sie war damals 21 Jahre alt. Ihr Entführer, Ariel Castro, lockte sie mit dem Versprechen, einen Hundewelpen zu bekommen, in sein Haus in Cleveland im US-Staat Ohio. Knight hatte schon vor der Entführung mit Schicksalsschlägen zu kämpfen. Sie war von drei Klassenkameraden vergewaltigt worden und wurde schwanger.

Gefangenschaft Ariel Castro vergewaltigte und misshandelte Michelle Knight in der elfjährigen Gefangenschaft immer wieder. Fünf Fehlgeburten soll sie während der Zeit erlitten haben, ausgelöst durch Tritte in den Bauch. Neben Knight waren auch Amanda Berry, seit 2003, und Georgina DeJesus, seit 2004, Gefangene von Ariel Castro.

Befreiung Vor rund einem Jahr, am 6. Mai 2013, gelang es den drei Frauen, sich gemeinsam zu befreien. Castro hatte das Haus an diesem Tag verlassen und vergessen, die innere Tür zu verschließen.

Urteil Castro wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, er hatte sich in allen 937 Anklagepunkten schuldig bekannt. Im September 2013 wurde er erhängt in seiner Zelle gefunden. Er soll Selbstmord begangen haben.

Sendetermin Die Spezialsendung "Aktenzeichen XY. . .ungelöst" wird am morgigen Mittwoch um 20.15 Uhr live im ZDF ausgestrahlt.