Interview Tatort: Gespräch mit Schauspielerin Dagmar Manzel

Dagmar Manzel (Rolle: Paula Ringelhahn).
Dagmar Manzel (Rolle: Paula Ringelhahn). © Foto: BR/Julia Müller
Ulm / Rebecca Jacob 13.04.2018
Zentrales Thema im neuen Franken-„Tatort“ ist Radikalisierung. Ein Gespräch mit Schauspielerin Dagmar Manzel.

„Ich töte niemand“, der vierte Franken-„Tatort“, zeigt die Kommissarin Paula Ringelhahn von einer neuen Seite: verletzlich und auf die Hilfe ihres Partners Felix Voss (Fabian Hinrichs) angewiesen. Eine Herausforderung für die Schauspielerin Dagmar Manzel, die mit ihrer Figur neue Wege gehen muss. Im Gespräch berichtet die 59-Jährige von den Herausforderungen und Freuden beim Dreh.

Frau Manzel, wie schon beim ersten Franken-Tatort hat für „Ich töte niemand“ Max Färberböck das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Wie lief die Zusammenarbeit?

Dagmar Manzel: Das war schön, wie er jetzt nach zwei anderen Regisseuren, mit denen die Arbeit ganz unterschiedlich und auch sehr schön war, neue Türen für die von ihm entwickelten Figuren geöffnet hat. Für mich war das spannend, weil ich Paula Ringelhahn diesmal an ihre Grenzen bringen musste. Ein enger Freund verunglückt tödlich und das spielt für die Ermittlungen plötzlich eine Rolle. Es war ein Geschenk, mit Max Färberböck zu arbeiten.

Der Film geht sehr nah heran an die Figuren, emotional und bildlich. Wie hat das ihr Spiel beeinflusst?

Eine Schlussszene wie hier bekommt man ja nicht alle Tage geschrieben, da dachte ich schon: „Wow, das wird ein richtig harter Drehtag.“ Die Kamera ist immer ganz nah dran. Die Szene dauert neun Minuten und wir haben sie immer wieder komplett am Stück gedreht, den ganzen Tag lang – intensiv, aber unglaublich schön. Das gilt für alle, nicht nur die Schauspieler, auch Kameraleute, Beleuchtung, Requisite, Ton – das war eine solche Konzentration, wir haben permanent versucht, dieses Level, diese hohe Emotionalität zu halten.

Wie schafft man das?

Absolute Konzentration. Nicht ablenken lassen, nicht so viel schwatzen, immer wieder in die Szene eintauchen und natürlich mit einem Regisseur, der einen antreibt und fordert. Dann ist man richtig drin und kommt auch nicht so schnell wieder raus. Danach haben wir uns erst mal in den Armen gelegen, weil wir wussten, dass wir etwas Besonderes geschaffen haben.

Paula macht im Laufe des Films eine Entwicklung durch: Anfangs ist sie schwierigen Situationen gegenüber stoisch, fast gefühlskalt oder gleichgültig. Ist das eine Taktik, die Sie auch im echten Leben anwenden?

Da fragen Sie die Falsche – emotionale Kälte ist bei mir eher schwierig. Ich bin ein sehr leidenschaftlicher Mensch und mein Beruf erfordert immer Wachheit und Neugierde. Dadurch ist man zwar durchlässiger und weniger geschützt, aber das ist für mich als Schauspielerin sehr wichtig: sich vor der Kamera oder auf der Bühne verletzbar zu machen. Emotionale Kälte ist also eher nicht „my cup of tea“.

In der Folge geht es um Rechtsradikalismus unter jungen Menschen. Wie kann man das verhindern?

Wehret den Anfängen: Das fängt ja schon im Kindergarten, in der Schule an oder bei der Kindererziehung an. Es geht aber nicht nur um Rechtsradikalismus – das ist das Bemerkenswerte an diesem „Tatort“. Jeder hat Vorstellungen von Werten wie Ehre und Würde. Und wenn diese eigentlich positiv besetzten Begriffe pervertiert werden, um Menschen zu Gewalt und Mord zu verleiten, dann ist es egal, ob das religiös oder politisch oder sonst wie motiviert ist. Es ist immer unmenschlich und zutiefst verabscheuungswürdig. Deswegen ist es wichtig, dass man so einen Film zeigt.

Also Dialog als Mittel gegen Radikalismus?

Es gibt Situationen, da kann man nicht mehr reden, da ist es einfach zu absurd. Aber man muss Wege finden, in Dialog zu kommen, alles andere hat doch gar keinen Zweck: Wenn man nicht mehr in der Lage ist, mit dem anderen kommunizieren oder ihm zuhören zu können, wenn man nur noch anonym im Netz unterwegs ist und kein Gesicht mehr zeigen muss – das ist der Anfang vom Ende. Dem muss man entgegentreten und ich hoffe, dass so ein „Tatort“ dazu beitragen kann, indem er Menschen darauf aufmerksam macht.

Die Chancen auf Letzteres stehen gut – der „Tatort“ ist quasi das Lagerfeuer vieler Deutscher, um das sie sich sonntags versammeln. Liegt das daran, dass oft gesellschaftliche Themen aufgegriffen werden?

Zum einen das und zum zweiten ist es ja auch spannende Unterhaltung. Man schaut zusammen den Film und redet miteinander – das ist doch toll. Außerdem ist der „Tatort“ ein Format mit sehr hohem Niveau. Da wird viel investiert, damit er sich weiterentwickeln kann. Und das soll auch um Gottes Willen so bleiben.

Info „Tatort – Ich töte niemand“, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD.

Schauspielerin, Sängerin und Mutter

Dagmar Manzel wurde 1958 in Ost-Berlin geboren und besuchte nach dem Abitur die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Neben ihrer schauspielerischen Tätigkeit am Theater tritt sie immer wieder in Musiktheater-Produktionen auf. Auch in zahlreichen Fernsehfilmen spielte die 59-Jährige schon mit. Seit 2015 ermittelt sie im zweiten „Tatort“­-Team des Bayerischen Rundfunks als Hauptkommissarin Paula Ringelhahn in Franken.

Die Schauspielerin lebt in Berlin und ist in zweiter Ehe mit dem Schauspieler Robert Gallinowski verheiratet. Aus ihrer ersten Ehe mit dem Schauspieler Marcus Kaloff hat Manzel zwei inzwischen erwachsene Kinder.

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