Ulm / LYDIA BENTSCHE  Uhr
Können Verbraucher Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, noch essen oder trinken? Selbstverständlich, sie müssen sich nur auf ihre Sinne verlassen. Wenn jemals etwas faul sein sollte, können sie sich bei der Lebensmittelüberwachung beschweren.
Zwischen 95 und 115 Kilogramm Nahrungsmittel wirft jeder Deutsche pro Jahr in die Mülltonne, ergab eine Studie der Vereinten Nationen. Auch Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner kritisiert die Wegwerfmentalität: "Selbst bei einer vorsichtigen Schätzung würde die Menge weggeworfener Lebensmittel eine Kolonne von 20-Tonnen-Lastwagen füllen, die Stoßstange an Stoßstange von Madrid bis Warschau stehen."

Ob das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) Schuld daran ist? "Oft wird das MHD als Verbrauchsdatum wahrgenommen", erklärt Manfred Edelhäuser, Leiter der Lebensmittelüberwachung im baden-württembergischen Verbraucherschutzministerium. "Man sagt dann ja auch: Das Produkt ist 'abgelaufen'." Doch zwischen Mindesthaltbarkeits- und Verbrauchsdatum gibt es einen großen Unterschied, den Verbraucher kennen sollten.

Das Verbrauchsdatum ist für bestimmte leicht verderbliche Lebensmittel vorgeschrieben, etwa für Hackfleisch oder geräucherten Fisch, erklärt Edelhäuser. Es ist die Frist, bis wann das Lebensmittel verzehrt werden soll, da es nach Ablauf des Verbrauchsdatums die menschliche Gesundheit schnell gefährden kann.

"Das MHD hingegen verfolgt eine andere Philosophie", sagt Edelhäuser. "Es soll den Verbrauchern signalisieren, dass bis zu dem Datum die Qualität, also etwa die Farbe, das Aussehen, der Geruch und die Zusammensetzung des Produkts erhalten sein soll. So lange garantiert der Hersteller dafür." Nach Ablauf des MHD ist die Ware noch eine Weile gut und genießbar. "Was passiert in der Nacht vom 17. auf den 18. Februar mit der Frischmilch, die mindestens bis zum 17. haltbar ist? Sie ist doch wenige Stunden später nicht verdorben", sagt der Lebensmittelchemiker. Also: Das MHD ist kein Verfallsdatum.

Sollten Verbraucher einen Alkopop, dessen Mindesthaltbarkeit im September 2003 ablief, noch trinken? "Man kann relativ viel probieren", sagt Edelhäuser. "Unsere Sinne sind hochempfindlich." Seiner Einschätzung nach könne man das Wodka-Zitrone-Mixgetränk mit Alkoholanteil von 5,6 Volumenprozent Alkohol wahrscheinlich zehn Jahre lang lagern. "Der Aromastoff hat sich vermutlich abgebaut, doch es dürfte sich kein gefährlicher Stoff gebildet haben", sagt er. "Auch mikrobiologisch müsste das Getränk noch haltbar sein, wenn es noch nicht vergärt ist. Aber das würde man riechen und schmecken."

Der Handel darf Ware, deren MHD überschritten ist, weiter verkaufen - macht es aber üblicherweise nicht. Egal ob das MHD überschritten ist oder nicht: Wenn Verbraucher einen Mangel feststellen, sollen sie sich an den Händler wenden und um Umtausch bitten, empfiehlt Edelhäuser. Außerdem können sie eine "Beschwerdeprobe" an die Lebensmittelüberwachungsbehörde in Stuttgart schicken.

"Die bekommen wir regelmäßig. Und durchschnittlich die Hälfte aller Beschwerden sind berechtigt." Von ranziger Butter bis zu "eingebackenen Fremdkörpern" in Backwaren, etwa Glas- oder Metallsplitter, Heftklammern oder einer Maus, sei alles dabei. Doch insgesamt biete die industrielle Lebensmittelproduktion einen hohen Sicherheitsgrad und eine hohe Produktqualität. "Es wird weitaus steriler gearbeitet als in der Küche", sagt Edelhäuser. Im Vergleich zu den 50er Jahren habe die Behörde es heute mit völlig anderen Dingen zu tun. "Damals ging es um Verderb und Verfälschungen", erzählt er. "Etwa um Bauern, die ihre Milch mit Wasser streckten."

Hersteller entscheiden selbst, welches MHD sie auf ihre Produkte drucken. "Sie haben das im Griff; die Angabe ist schon seit fast 20 Jahren vorgeschrieben", sagt Edelhäuser. "Und sie kennen das Verderbnispotenzial ihres Produkts am besten. Sie kennen Rohstoffe, Technologie und Verpackung und führen selbst Versuchsreihen zur Haltbarkeit durch."

Einige Produkte sind jedoch von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen. Dazu zählen laut Lebensmittelkennzeichnungsverordnung etwa Schokolade, alkoholfreie Erfrischungsgetränke, Salz, Zucker, Kaugummi und Getränke mit zehn oder mehr Volumenprozent Alkohol. "Manchmal gibt es EU-Verordnungen, zum Beispiel für Spirituosen und Wein, doch manchmal sind die Gründe für die Ausnahmeregelungen nicht nachvollziehbar", findet der Lebensmittelchemiker.

Er bedauert, "dass immer weniger Verbraucher Produktkenntnisse haben. Viele haben zu wenig Bezug zu Lebensmittelqualität, sie essen nicht bewusst." Ein selbst angerührter Naturjoghurt mit Erdbeeren schmeckt völlig anders als ein Fertig-Erdbeerjoghurt, H-Milch anders als Frischmilch. Wer etwa nur stark aromatisierte und übersalzene Fertiggerichte zu sich nimmt, dem falle es schwer, richtig einzuschätzen, ob ein Lebensmittel nach Ablauf des MHD noch genießbar ist oder nicht.

Dass die Deutschen zu viele Lebensmittel wegwerfen, liegt aber nicht in erster Linie am MHD, vermutet Edelhäuser. Zwar würden die Verbraucher dieses Datum überbewerten und dann eine normale Reaktion zeigen: "Frisches nehmen und Altes wegwerfen." Doch die Hauptgründe fürs Entsorgen seien, dass man zu viel gekauft, etwas im Kühlschrank vergessen hat oder dass etwas nicht geschmeckt hat.