Gesellschaft Trauer um Tiere: „ . . . als wäre mein Kind gestorben“

Ulm / Von Gudrun Sokol 02.11.2018
Die Trauer um ein Tier kann sich ähnlich anfühlen wie der Verlust eines Menschen. Was Betroffenen helfen kann.

Es ist für mich, als wäre mein Kind gestorben“ – als die Tierärztin Marion Schmitt diesen Satz von einer trauernden Hundebesitzerin gelesen hat, musste sie erstmal innehalten. „Das konnte ich anfangs tatsächlich nicht nachvollziehen.“ Im Laufe ihrer Doktorarbeit zum Thema Tod und Trauer ums Tier hat sie jedoch gelernt: „Man muss sich immer die ganze Geschichte anschauen.“ Der Stellenwert eines Haustiers, seine Bedeutung für den Besitzer und der Umgang mit seinem Verlust seien individuell sehr verschieden. Hinzu komme: Manche Menschen könnten grundsätzlich besser mit Belastung und Stress umgehen, andere weniger. Fest stehe aber, die Trauer um ein Tier könne sich durchaus ähnlich anfühlen, wie die Trauer um einen Menschen, sagt Schmitt. Mit dem Unterschied, dass sie gesellschaftlich weniger akzeptiert werde – zumindest von einem Teil der Gesellschaft.

Mit anderen Trauernden austauschen

Nicht ohne Grund bieten Tierschutzverbände ebenso wie Psychotherapeuten, Trauerbegleiter und andere Ratgeber gezielt Tierbesitzern Hilfe an. Auch die Auswahl an Büchern mit Titeln „Es ist doch nur ein Hund“, „Im Katzenhimmel“ oder „Auf Wiedersehen, geliebter Freund“ wird immer größer. Sich mit anderen Trauernden auszutauschen sei eine Strategie, mit dem Verlust um ein geliebtes Tier umzugehen, sagt Schmitt. Eine andere, durchaus ergänzende: das Tier in einem feierlichen Rahmen beerdigen, sein Grab pflegen, seine Asche zu Schmuck verarbeiten lassen, zu Hause Bilder von ihm aufstellen, ein Fotobuch gestalten oder eine Gedenkstätte einrichten. Marion Schmitt sammelt solche kreativen Ansätze für ihre Doktorarbeit an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Die Veterinärin hat einen Fragebogen entwickelt, in dem Trauernde ihre Geschichte erzählen können. Auch, was Menschen darüber hinaus in Form von Gedichten, Videos, Zeichnungen mitteilen möchten, sind bei ihr willkommen – egal, um was für ein Tier es sich handelt.

Bestattung für die Vogelspinne

Dass nicht nur um Kuscheltiere getrauert wird, hat Schmitt bei ihrer Recherche in diversen Internet-Foren erfahren: Etwa von einem Nutzer, der dort den Verlust seiner Vogelspinne beschrieben hat, die für ihn persönlich etwas sehr Besonderes gewesen sein muss. Er hat für das Tier sogar einen aufwändigen Bestattungsritus in seinem Garten veranstaltet. Ihre Fragebögen wertet Marion Schmitt aus, die Ergebnisse will sie in einem Buch veröffentlichen. Das Projekt läuft seit gut einem Jahr; noch bis Anfang nächsten Jahres sammelt sie Schilderungen, Erfahrungen, Bewältigungsstrategien. Schon jetzt aber ist für sie klar, dass auch die Trauer um ein Tier Raum, Zeit und Verständnis braucht. Wer nicht verstanden wird, leidet zusätzlich darunter.

Leichter hätten es hier oft Familienmitglieder, die gemeinsam um ein Tier trauern können. Hilfreich sei auch, Menschen zu haben, die das Tier kannten. Und während manche eine lange Trauerzeit brauchen, wollten sich andere möglichst schnell ein neues Tier anschaffen. Schmitt will sich hierzu keine Bewertung erlauben – „sofern es dem neuen Tier dabei gut geht“.

Auch am Wunsch vieler Tierbesitzer, auf dem Friedhof eine aufwendige Tierbestattung zu zelebrieren, kann  Marion Schmitt nichts Verwerfliches finden, „solange es den Hinterbliebenen hilft“.  Und am Bedürfnis mancher Menschen, im Tod mit dem Tier vereint zu sein? Es also zum Beispiel auf einem „normalen“ Friedhof bestatten und später mit ins eigene Grab nehmen zu wollen? „Das ist ein sensibler Bereich“, sagt die Tierärztin. Schwierig werde es dann, wenn andere Menschen Anstoß daran nehmen könnten. Menschen, die einen Menschen verloren haben – womöglich sogar das eigene Kind.

Info Unter der Internet-Adresse www.tiho-hannover.de/trauer können Tierbesitzer in einem anonymen Fragebogen ihre Erfahrungen, Erinnerungen und Empfindungen beschreiben sowie Bilder, Fotos, Gedichte oder andere Texte beilegen. Beispiele bereits eingesandter Beiträge finden sich unter www.belecanbuchprojekt.wordpress.com

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„Die Bedeutung von Haustieren ist größer geworden“

Trauert man um ein geliebtes Tier grundsätzlich anders als um einen Menschen? Professor Peter Kunzmann: Aus subjektiver Sicht: nein. Wir trauern ja auch nicht um alle Menschen gleich. Manche Familienangehörige oder Verwandte stehen uns näher als andere; entsprechend empfinden wir dann auch den Verlust mehr oder weniger stark. Die Dauer der Beziehung, die Intensität und vor allem die Einzigartigkeit spielen hier eine wichtige Rolle. Während die meisten Menschen in ihrem Leben mehrere Tiere haben, füllen enge Familienmitglieder oder Freude eine wesentlich größere und besondere Rolle aus. Die Mutter etwa verliert man nur einmal; sie ist einzigartig.

Wie hat sich die Bedeutung von Haustieren in der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten verändert? Sie ist intensiver geworden. Früher war die enge Bindung an ein Tier die Ausnahme, heute ist es die Regel. Wir wissen inzwischen sehr viel über die so genannten „Companion Animals“ (Begleit- oder Liebhabertiere), nehmen sie als Individuen wahr, als Wesen mit Bewusstsein. Sie sind raus aus der reinen Nutzungsperspektive. Hunde müssen nicht mehr zwingend einen Zweck erfüllen, etwa als Hof- oder Hütehunde. Katzen sind kaum noch als Mäusejäger gefragt. Man sieht das sehr gut am Beispiel des Märchens von den „Bremer Stadtmusikanten“, wo die Katze ersäuft und der Hund erschlagen werden sollte, nachdem sie ihrem Zweck nicht mehr dienlich waren. Trotzdem erfüllen Heimtiere heutzutage auch das Bedürfnis, mit ihnen als Lebewesen ein Stück Natur bei sich zu haben.

Warum reagieren wir auf manche Tiere wie Hund und Katze stärker als auf Nutztiere? Heimtiere haben wir meist ihr ganzes Leben lang, ob es der Hund ist, der zwölf oder vierzehn Jahre alt wird, oder der Hamster, der als Jungtier in die Familie gekommen ist. Nutztiere haben für uns, wenn sie eine bestimmte Größe oder ein gewisses Alter erreicht haben, ihren Zweck erfüllt.

Hat dieser unterschiedliche Umgang mit Nutz- und Liebhabertieren auch mit deren Größe – also einer gewissen Handlichkeit und Alltagstauglichkeit – zu tun? Oder weil sie uns im Wesen ähnlicher sind? Es hat vor allem damit zu tun, welches Interesse wir an dem Tier haben. Es gibt durchaus auch größere Tiere – Huftiere wie Lamas oder Pferde zum Beispiel –, die uns ihr ganzes Leben lang begleiten. Nähe lässt sich nicht allein an der Art des Tiers festmachen. Manche Menschen halten sich mit großer Begeisterung Mini-Schweine in der Wohnung. Es ist auch die Frage, wie wach und intelligent diese Tiere sind.

Wo sehen Sie die Grenze, wenn es darum geht lebenserhaltende oder lebensverlängernde Maßnahmen in der Tiermedizin anzuwenden? Sollte man ein unheilbar krankes Tier nicht besser einschläfern? Im Vordergrund steht natürlich der Schutz des Lebens. Die zentrale Frage ist aber, ob das künftige Leben dem Tier zuträglich ist, nicht nur erträglich. Also nicht allein, es am Leben zu halten, sondern ihm ein gutes Leben zu erhalten. Das Wohlbefinden des Tiers sollte im Mittelpunkt stehen, nicht das Interesse seines Besitzers. Manchmal tut man dem Tier den größeren Gefallenen, wenn sein Leben beendet wird.

. . .  was sich aber natürlich nicht immer eindeutig feststellen lässt. Wie finden Tierarzt und Tierbesitzer hier zusammen? Wann machen lebensverlängernde Maßnahmen und palliative Begleitung für ein Tier Sinn? In der Tat haben die Fortschritte in der Tiermedizin dazu geführt, dass es hier – wie in der Humanmedizin – immer mehr Möglichkeiten gibt und deshalb auch Palliativ-Begleitung Thema geworden ist.  Wir haben hierfür eine Entscheidungshilfe zusammengestellt. Der Tierhalter schaut natürlich primär auf sein Tier. Er muss sich aber vor allem die Frage stellen, welche Zukunft es hat. Welche Voraussetzungen nötig sind, um ihm ein gutes Weiterleben zu ermöglichen. Sind es Zustände, die ich dem Tier wünsche? Gibt es genügend Ressourcen für die Verpflegung und Versorgung des Tiers? Zeit, Geld, möglicherweise auch andere Menschen, die sich mit kümmern können. Wie viel kann und will ein Tierbesitzer aufbringen, sich zumuten, auflasten? Aber natürlich gibt es eine prinzipielle Scheu, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Das ist moralisch eine sehr schwierige Frage.

Zur Person Peter Kunzmann ist Professor für Angewandte Ethik in der Tiermedizin an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Der studierte Theologe und Philosoph ist der bundesweit einzige Professor für Ethik in der Tiermedizin. sok

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