Großbritannien 100 Jahre Windsor

London / Hendrik Bebber 15.07.2017

Wenn man die angelsächsischen Könige berücksichtigt, besteht die britische Monarchie seit fast 1200 Jahren. Doch das heutige Herrscherhaus ist nur neun Jahre älter als seine Chefin Königin Elizabeth II. Am 17. Juli 1917 hat ihr Großvater ­George V die deutschen Wurzeln gekappt und „Saxe-Coburg-Gotha“ durch „Windsor“ ersetzt – als neuen Namen für seine Familie und die Dynastie.

Drei Jahre zuvor hatten „Willie“ (Kaiser Wilhelm II) , „Georgie“ (König George V) und „Nicky“  (Zar Nicholas II) noch eine rege Korrespondenz geführt, um den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu vermeiden. Doch die Bemühungen der seit ihrer Kindheit befreundeten Vettern waren erfolglos und sie wurden mit ihren Völkern in das Blutbad gerissen.

Nach den fürchterlichen Materialschlachten in Flandern wuchs der Druck in der britischen Öffentlichkeit auf das Königshaus, sich völlig von seiner deutschen Herkunft zu distanzieren. Der König hatte längst seine Uniform eines deutschen Feldmarschalls eingemottet, die er bei seinen Besuchen in Berlin vor dem Krieg angelegt hatte. Bach und Beethoven wurden ebenso aus den Konzertsälen verbannt wie deutsche Weine aus den Kellern und Dackel als Haustiere.

 Je länger und verlustreicher der Krieg tobte, desto mehr ärgerten sich Briten, dass sie sich mit ihrem Herrscherhaus eine deutsche Laus in den Pelz gesetzt hatten. Zu ihrem Frust war ihr König der Inbegriff eines englischen Gentlemans, dem gute Manieren und Fairness über alles gingen. So weigerte er sich bis 1917, seinen deutschen Verwandten britische Adelstitel abzuerkennen.

Zur öffentlichen Empörung ordnete er auch an, das seit Jahrzehnten in London spielende Salonorchester „Gottlieb’s German Band“ aus dem Internierungsgefängnis zu entlassen. „Ich bin gespannt, was mein deutsches Freundchen heute zu sagen hat,“ höhnte Premierminister Lloyd George häufig vor der Audienz mit seinem Monarchen.

Rein genetisch hat diese abfällige Bemerkung durchaus zugetroffen. Seit der Hannoveraner Georg I am 1. August 1714 den britischen Thron bestieg, blieben dessen Inhaber und ihre Partner bis 1923 völlig deutsch. Erst dann kam durch die Ehe des späteren Königs Georg VI. mit der schottischen Grafentochter Elizabeth Bowes-Lyon britisches Blut in die Linie. Ihre gleichnamige Tochter und heutige Queen jedoch heiratete mit Prinz Philip wieder einen deutschen Aristokraten.

Die antideutsche Stimmung gegen den König erreichte ihren Siedepunkt, als die kaiserlichen Luftstreitkräfte am 13. Juni 1917 London bombardierten. Bei dem Angriff wurden auch 18 Kinder in einer Grundschule getötet. Die Typenbezeichnung  „Gotha GV“ der Flugzeuge erinnerten fatal an den Namen der Dynastie und das Monogramm von König Georg V.

Er entschloss sich schließlich, alle Beziehungen der königlichen Familie zu dem Stammland zu lösen, das zum Erzfeind seiner Untertanen geworden war. „Vom heutigen Tage ab werden unser Haus und unsere Familie den Namen Windsor tragen“, proklamierte der König am 17. Juli. Er ordnete an, dass hinfort alle direkten königlichen Abkömmlinge „Windsor“ als Familiennamen führen.

Nach dieser Verfügung hat das Parlament deutschen Verwandten des Königshauses ihre britischen Titel abgesprochen. Zweige des deutschen Hochadels, die sich in Großbritannien niedergelassen hatten, anglisierten ihren Namen oder bekamen englische Adelstitel. Hinfort nannten sich die Battenbergs  „Mountbatten“ und die Tecks, von denen Georgs Gattin Königin Mary stammte, mutierten zum „Marquess of Cambridge“.

1952 hat Königin Elisabeth II die Entscheidung ihres Großvaters für „Windsor“ bekräftigt. Sie verfügte, dass sie und alle ihre Nachkommen diesen Namen führen sollen. Das führte zu einem gewaltigen Ehekrach mit Prinz Philip. „Ich fühle mich wie eine Amöbe“, beklagt er sich. „Ich bin wohl der einzige Ehemann im Königreich, der seinen Kindern nicht seinen Namen geben darf.“

Der Name des Schlosses

Einen neuen Namen  für die Monarchie zu finden, war  nicht einfach. Alle historischen Namen wie „Tudor“ oder „Stuart“ hat König George V. abgelehnt, weil sie zu sehr an unglückliche Episoden erinnerten. Schließlich fand er Gefallen an der ebenso einfachen wie genialen Idee seines Privatsekretärs Lord Stamfordham. Dieser schlug vor, den Namen des Schlosses zu übernehmen, in dem die britischen Monarchen seit fast 1000 Jahren residierten.

Belustigt reagierte Kaiser Wilhelm auf die Namensänderung. Er schlug vor, Shakespeares Komödie „Die lustigen Weiber von Windsor“ zum Ausgleich in „Die lustigen Weiber von Sachsen-Coburg-Gotha“ umzutiteln. dth