Wiesensteig Rottenegger mit dem Fahrrad zwischen Himmel und Erde

Wiesensteig / Claudia Burst 20.11.2018
Christian Rottenegger nimmt 150 Besucher im Wiesensteiger Schloss mit auf seine Expedition. Er radelte nach Tibet und bestieg dort einen 8000er.

Christian Rottenegger sitzt im Residenzsaal des Wiesensteiger Schlosses auf einem Stuhl und hat sein geschientes linkes Bein hochgelegt. Der 47-Jährige hat vor vier Wochen seinen Unterschenkel gebrochen, als er von einer kleinen Trittleiter fiel. Und das passiert ausgerechnet ihm: dem Mann, der Tausende Kilometer mit dem Fahrrad auf halsbrecherischen Pisten fährt, der trotz der Schmerzen einer Thrombose durch die Wüste strampelt, der sich durch Schneegestöber mit dem Eispickel auf 8000 Meter hohe Berge wagt und auch sonst keine Herausforderungen scheut.

Im Jahr 2007 fuhr Christian Rottenegger – gemeinsam mit Freunden und seiner Lebensgefährtin Annette Kniffler – von Augsburg aus mit dem Fahrrad auf der alten Seidenstraße nach Pakistan zum Gasherbrum II, einem 8037 Meter hohen Berg im Karakorum-Gebirge. Weil ihm dort das Wetter beim Besteigen des Berges auf der letzten Etappe einen Strich durch die Rechnung machte, startete er eine erneute Tour vier Jahre später: wieder von der Haustüre weg, diesmal mit dem 12 000 Kilometer entfernten, 8027 Meter hohen Shishapangma in Tibet als Ziel.

Erfolge und Enttäuschungen

In Wiesensteig nimmt der Abenteurer am Samstagabend mehr als 150 Besucher mit auf diese beiden Touren. Die Männer stellen den Großteil des Publikum dar. Auf einer achtmal viereinhalb Meter großen Leinwand wechseln sich gestochen scharfe Fotos und Filmmitschnitte ab. Sie vermitteln ein authentisches Bild dieser unglaublichen Strapazen und Erlebnisse, von Erfolgen und Enttäuschungen, von Menschen und fremden Kulturen, von traumhaften und öden Landschaften. Christian Rottenegger erzählt unaufgeregt und kurzweilig – doch immer wieder merkt der Zuhörer, wie ihn die Erinnerungen begeistern, mitreißen, das Erlebte nochmals miterleben lassen. Dann redet er schneller, die Sätze werden kürzer, die Dramatik des Geschehens spürbar.

Dabei hat Rottenegger den Vortrag schon mindestens 200-mal gehalten, erzählt er im direkten Gespräch, aber „ich möchte keinen Moment missen. Ich habe diese menschenleeren Landschaften, die Einsamkeit und Stille manchmal verflucht, aber ich zehre noch heute davon“.

Es ist unter anderem die Herausforderung an sich, die ihn bei solchen Touren reizt. „Aber vor allem dieser langsame Wechsel in der Kultur und der Landschaft, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist. Da wird man nicht eben, wie im Flugzeug, woanders hin katapultiert.“

Thrombose am Hintern

Beide Touren sind faszinierend. Das wird an den mit Musik unterlegten Bildern und in den kurzweiligen, abwechslungsreichen Filmsequenzen mehr als deutlich. Aber sie sind auch brutal. Die Zuschauer erleben die extreme Kälte mit, die immer wieder mit extremer Hitze wechselt. Die Fahrräder werden in Schlagloch-Labyrinthen malträtiert. Das Sitzfleisch wird wund, durch die Hungersteppe in Kasachstan quält sich Rottenegger sogar mit einer Thrombose im Hintern. Staubstraßen verwandeln sich im Regen in Matschpisten, völlig überladene Lastwagen drohen die Radler über den Haufen zu fahren oder in den Abgrund der steilen Berge zu schleudern.

Trotzdem erreichen sie nach viereinhalb Monaten den Shishapangma in Tibet. Allerdings wird es auch dieses Mal nichts mit einem Gipfelfoto: Rottenegger muss aus gesundheitlichen Gründen kurz vor dem Gipfel umkehren. Er habe sich oft gefragt, sagt Christian Rottenegger ehrlich, ob damit alles umsonst war. „Nein“, lautet seine Antwort an sich selbst, „wir waren erfolgreich, weil wir noch leben“.

Nach spannenden zwei Stunden wunderten sich bestimmt manche im Publikum, dass sie weder schlammbespritzt noch schweißüberströmt waren. Der Beifall für die Multivisions-Reportage war groß.

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