Die Philharmonie in der Stadthalle

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  • Ausgesprochen warmer, breiter, sanglicher Ton: Claudio Bohórquez war Gastsolist beim vierten Sinfoniekonzert der Philharmonie. Foto: Marinko Belanov 1/2
    Ausgesprochen warmer, breiter, sanglicher Ton: Claudio Bohórquez war Gastsolist beim vierten Sinfoniekonzert der Philharmonie. Foto: Marinko Belanov Foto: 
  • Der US-Amerikaner Fawzi Haimor. Foto: Marinko Belanov 2/2
    Der US-Amerikaner Fawzi Haimor. Foto: Marinko Belanov Foto: 
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War das jetzt dasselbe Orchester? Ein Blick in die Musikerreihen bestätigte: Ja. Doch was den Klang angeht, war die Philharmonie unter Gastdirigent Fawzi Haimor kaum wiederzuerkennen: So luzide, so transparent, so fein aufgefächert hat das Reutlinger Orchester selten aufgespielt. Das mag auch am Programm des vierten Sinfoniekonzerts gelegen haben: Endlich mal volle Pulle 20. Jahrhundert, Musik im Zeitraum von 1911 bis 1981.

Schon bei Maurice Ravels „Pavane pour une infante défunte“ (1911), jenem Schreittanz „für eine verstorbene Prinzessin“, zeigt der 33-jährige, in Chicago geborene US-Amerikaner Fawzi Haimor, dass er nicht zur Fraktion der professionellen Einluller und Süßholzraspler zählt. Haimor bürstet die Pavane, bei der Sebastian Schorr am Horn mit wunderbar weichen Kantilenen auffällt, gegen den Strich – eher schlank als fett, eher konturiert als dickwolkig. So gleitet Ravels Sechsminüter vorüber wie ein zartes, geheimnisvolles Klanggemälde.

Glitzerndes Glockenspiel

In ganz andere, nämlich konsequent freitonale Harmonik-Welten entführt uns dann Alberto Ginasteras zweites Cellokonzert (1981). Anknüpfend an den fantastischen Grundzug der „Pavane“ inszeniert Fawzi Haimor dieses Werk vollends als atmosphärisch flirrenden, zarten, zerbrechlichen, fast surrealistischen Klangbilderbogen. Mystisch grummelnde Kontrabässe, helle Streicherwolkenschleier, glitzerndes Glockenspiel – aus diesen stimmungsvollen Klängen heraus steigert sich die Philharmonie unter Haimor zu einem prachtvoll aufstrahlenden Durchbruch des Lichts – ein entfernt an Ravels „Lever du jour“ erinnerndes Crescendo, das den aufwallenden Zauber einer Morgenröte („aurora“) imaginiert. Ein wahrhaft auratischer Moment.

Am Cello agiert der mehrfach preisgekrönte, frühere Pergamenschikow-Schüler Claudio Bohórquez, ein in Deutschland geborener Solist peruanisch-uruguayischer Abstammung, der seit 2011 als Professor an der Musikhochschule Stuttgart lehrt. Bohórquez fasziniert durch einen ausgesprochen schönen, warmen, satten Ton. Seinen Part, der von meditativer Tiefe bis hin zu fragilen Flageoletts aufsteigt, gestaltet er wie eine teils sehr expressive innere menschliche Stimme. Und die Philharmonie unter Haimor skizziert drumherum ungeheuer detailreich einen wahren Zauberwald an Naturklängen, eine sternklare Dschungelnacht mit leise quakenden Baumfröschen und zart schillerndem Streichergewölk im Mondlicht – bevor dann der letzte Satz die wilden Rhythmen des Karnavalito loslässt und in einem rauschenden Fest kulminiert. Ein starkes, eigenwilliges Stück Musik, das Bohórquez und die Philharmonie unter Haimor in nie abreißender Spannung halten. Famos. Und Kompliment an die Schlagwerker.

Ganz tief unten, in den raunenden Kontrabässen beginnt auch Igor Strawinskys Ballett „Feuervogel“. Haimor erweist sich in der Suite von 1945 als begnadeter Feinzeichner. Sein Dirigierstil bleibt dabei angenehm zurückhaltend und frei von großer Fuchtelei für die Galerie. Eher cool, wie aus einer prüfenden Distanz heraus, leitet er – auswendig – das hochgradig präzis Erprobte.

Wobei nur manchmal die Gefahr besteht, dass die Fülle der Einzelheiten auseinanderfällt, unverbunden bleibt, dass sich kein übergreifend mitziehender, klang­erzählerischer Flow einstellen will. Doch das Potenzial dieses luziden Haimor-Sounds, der auch die scheinbar bekannten „Feuervogel“-Evergreens aus ungewohnter Perspektive noch einmal ganz neu unter die Lupe nimmt, ist viel versprechend.

Vibrierende Klangmagie

So entfaltet das Orchester mit hervorragenden Solisten einen Klang, der nicht einfach nur auf die üblichen Überwältigungsstrategien setzt. Nein, dieser Klang bleibt immer durchsichtig, luftig, funkelnd, irrlichternd. Wie die Oboe über sinnlichen Harmonien dahinschwebt: toll.  Der Höllentanz: heftig. Das „Lullaby“ mit Harfe, Fagott und aufrauschenden Streichern: magisch. Das vibrierende Pianissimo beim Übergang zur Horn-Hymne: unglaublich. Und das Finale mit Blech und Paukendonner: wuchtig, archaisch, urgewaltig.

Trotz äußerlicher Coolness scheint Fawzi Haimor doch etwas Essentielles bewegt zu haben in der voll besetzten Stadthalle – brausender Beifall. Die Blumen? Die reichte Fawzi Haimor an die wieder großartig aufspielende First Lady der Harfe weiter – an Marina Paccagnella.

Jeder Gast-Maestro könnte der neue Chefdirigent der Philharmonie werden. In  unserer Serie stellen wir – wohlgemerkt mögliche – Kandidaten vor. Nach dem US-Amerikaner Daniel Meyer (41), dem Polen Lukasz Borowicz (38), dem Leipziger Ken-David Masur (39) und dem Russen Daniel Raiskin (46) ist heute Fawzi Haimor an der Reihe. Der 33-jährige US-Amerikaner, geboren in Chicago, ist im Nahen Osten und in der San Francisco Bay Area aufgewachsen. Von Haus aus Geiger, schloss er ein Studium der Musik, Neurobiologie und Physiologie ab. Nach seinem Dirigier-Master war er unter anderem beim Alabama Symphony tätig, wo er ein Jugendorchester gründete. 2014 wechselte er zum renommierten Pittsburgh Symphony, wo er alsbald zum „Resident Conductor“ aufstieg. Eines seiner Hauptanliegen ist Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit für klassische Musik. Haimor gilt zudem als engagierter Verfechter der zeitgenössischen Musik. Als Gast am Pult der Philharmonie bot er einen höchst filigranen, detailgenauen und äußerst durchsichtigen Sound. Seine Vorlieben sind amerikanische und russische Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts. Und: Musik der deutschen Spätromantik. Otto Paul Burkhardt

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